Der gesamte Bilderkosmos – „Picasso in Würzburg“, genauer: im Museum im Kulturspeicher

„Jacqueline Picasso. 60. Ihr gelang, was die vielen Frauen Picassos immer gewünscht hatten. Das Malergenie ganz und gar für sich zu haben.“ So begann der „Spiegel“-Nachruf auf Pablo Picassos zweite und letzte Ehefrau. Als Jacqueline Roque lernte der Maler sie 1953 in einem Töpferladen kennen. Er: 72, sie: 27. Ein Zahlenspiel. Ein Kuriosum. Der „Spiegel“-Artikel vom 20. 10. 1986 endet: „Ihr größtes Verdienst erwarb sich die Künstlerwitwe mit der energisch betriebenen Errichtung eines Picasso-Museums, das 1985 in Paris eröffnet wurde. Jacqueline Picasso erschoss sich letzten Mittwoch in Mougins“. Dort also, wo auch Picasso starb, am 8. April 1973.

Warum das Gedenken an Jacqueline? Ihr Bild (Titel: „Femme dans l`atelier“) ist das einzige, das in der aktuellen Ausstellung „Picasso in Würzburg“ (Museum im Kulturstadel) nicht aus den Beständen der Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, stammt. Von dort lieh sich der Würzburger Kulturstadel 75 Blätter aus. Er präsentiert sie auf spektakuläre Weise. Jeder Besucher erhält ein kartonstarkes Führungs-Blatt mit Abbildungen und erläuternden Texten. Allerdings fehlt darin ein Hinweis auf „Femme dans l`atelier“. Vielleicht deshalb, weil die 1956 entstandene Lithografie eine Ausnahme bildet. Sie kam nämlich, von einem Stuttgarter Ehepaar, direkt in Würzburger Museums-Besitz. Als stolze junge Spanierin sieht Picasso sein 45 Jahre jüngeres weibliches Modell, das er aufrecht in einen Korbstuhl setzte, nicht ohne die Staffelei mit einem skizzierten Stillleben. Deutlich sichtbar: das Entstehungs-Datum (rechts oben) und die Signatur (rechts unten).

Picasso bestand darauf, alles von ihm Geschaffene zu datieren. Dachte er dabei an die forschungs-versessene und -geplagte Nachwelt, die sich aufgrund der genauen Angaben mit der Ein- und Zuordnung eines Werks leicht tun würde? Jedenfalls, so Picasso selbst, „müsse sie wissen, wann, warum, wie …“ der Künstler ein Werk schuf. Würzburg zeigt jetzt, freilich in kluger Auswahl, den gesamten Bilderkosmos.

Auf lila gestrichener Wand prangt eine Aquatinta-Arbeit vom 3. Februar 1955: „Der Maler am Strand“. So ungewöhnlich die Zeitangabe (Winter!), so surreal die Staffage: kleiner bärtiger Nackter steht schützend vor mächtig gebauter Frau, eine zweite sitzt vor einem Pferd. Beide richten den Blick streng auf den Maler bei der Pinselarbeit. Wie in diesem, so sind alle Picasso-Zeichnungen, die in Würzburg zu sehen sind, mit dem Leben des Genies in unmittelbarem Kontext zu „lesen“. Guter Rat: Nach dem Besuch der Schau eine Picasso-Biografie konsultieren. Einige Arbeiten, zum Beispiel die Radierung „Maternité“ (1922 – 23), die Lithografie „Francoise“ (1946) oder der kleine Frauenkopf mit Krone von 1962 – er wirbt auf dem Ausstellungs-Plakat für regen Museums-Besuch – thematisieren Picassos Beziehung zu den Frauen, speziell zu seinen Geliebten.

Nicht wegzudenken und massiv gegenwärtig: des Meisters Affinität zum Stierkampf. Im Mythos des „Sterbenden Minotaurus“ von 1933 wird die vom Mitleid (einer Dame!) begleitete todgeweihte Kreatur dramatisch eindrucksvoll vorweggenommen. Die Mappe „La Tauromaquina“ von 1959 mit 26 Blatt wird in den realen zeitlichen Zusammenhang gestellt. Die sowohl ästhetisch wie dokumentarisch wertvollen Photographien des Landshuter Künstlers und Verlegers Hubertus Hierl (geboren in Regensburg 1940) zeigen Picasso in Begleitung seiner Frau Jacqueline und seines Frisörs Eugènio Arias bei einem Stierkampf am 7. August 1966 in Fréjus. Dem damals 26-jährigen Hubertus Hierl gelangen spontan Schwarzweiß-Fotos von einzigartiger Intensität und Ausstrahlung: Picasso mit schmalkrempigem Strohhut und schwarzem, antikisierend gemustertem schwarzem Hemd unter einem Wolljackett ist zu sehen, wie er klaren und scharfen Blickes dem Geschehen beiwohnt, ein bisschen scheu wirkt er, aber auch schutzbedürftig.

Wie sagte einmal Picasso zu dem Zürcher Verleger Daniel Keel? „Ein Bild ist nicht von vornherein fertig ausgedacht und festgelegt.“ Noch beim Entstehen verändere es sich „im gleichen Maße wie die Gedanken“. Solche Zitate, aus Picasso-Biografien (etwa der von Helene Parme, 1969) oder aus Notizen des Fotografen Brassai (1943) tauchen, gut lesbar an die Wände geschrieben, immer wieder auf. Sie tragen wesentlich zum unmittelbaren Verständnis der im fabelhaft ausgestatteten Würzburger Kulturstadel (bis 17. Januar) installierten Werk-Auswahl des „fraglos berühmtesten Künstlers des 20. Jahrhunderts“ bei.

Foto (Hans Gärtner)

Picasso lithografierte 1956 seine zweite und letzte Ehefrau Jacqueline Roque als junge stolze Spanierin.

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 323 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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