Die Schattenseiten der Olympischen Spiele in Rio

@font-face { font-family: „Cambria Math“; }@font-face { font-family: „Calibri“; }p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal { margin: 0cm 0cm 10pt; line-height: 115%; font-size: 11pt; font-family: Calibri; }p.MsoFootnoteText, li.MsoFootnoteText, div.MsoFootnoteText { margin: 0cm 0cm 10pt; line-height: 115%; font-size: 10pt; font-family: Calibri; }span.MsoFootnoteReference { vertical-align: super; }span.FootnoteTextChar { }.MsoChpDefault { font-size: 10pt; font-family: Calibri; }div.WordSection1 { } Rio de Janeiro lockt und fasziniert alljährlich Millionen Besucher. Die zweitgrößte Stadt Brasiliens (6,3 Millionen Einwohner, Großraum 12,2 Millionen) ist nun auch Gastgeber für das größte Sportereignis der Welt: die Olympischen Sommerspiele. Eine Premiere nicht nur für Rio, sondern auch für Südamerika. Vom 5. bis 21. August treffen sich rund 1o5oo Athleten zum Wettstreit um Medaillen und Meriten. Die Olympischen Spiele beschränken sich nicht auf Rio de Janeiro. Partien der beide Fußballturniere finden ebenso in Brasilia – seit 196o die Hauptstadt des Landes – in Sao Paulo, Belo Horizonte, Salvador und Manaus statt- allesamt Austragungsorte der Weltmeisterschaft 2o14.

Streit um Vorgehensweise des Dopings in Russland
Schon im Vorfeld gab es Streit über den Dopingskandal in Russland. Der unabhängige Bericht des Juristen Richard McLaren für die Wada listet Beweise des Staats- Dopings auf. McLaren empfahl, die russische Mannschaft komplett von den Rio- Spielen auszuschließen. Das IOC entschied sich jedoch am 24. Juli gegen einen kompletten Ausschluss. Putin kritisierte den Bericht als Rückfall in den 198oer Jahre und erinnerte an die Boykotte. Damals sei der Sport als Geisel genommen worden. „Jetzt beobachten wir einen gefährlichen Rückfall einer Einmischung der Politik in den Sport.“[1] Putin kritisierte, dass der Wada-Bericht auf den Aussagen eines einzelnen Menschen mit einem „skandalösen Ruf“ basiere. Damit spielte er auf den Whistleblower Grigori Rodschenkow an .Athleten und Funktionäre beklagten mit Unverständnis und Verbitterung die Entscheidung, eine russische Mannschaft bei der Eröffnungsfeier einmarschieren zu lassen. Unklar bleibt weiter, welche russischen Sportler überhaupt antreten dürfen, da sich das IOC das letzte Wort vorbehalten hat. Schätzungsweise 25o russische Athleten erhielten bisher von ihren internationalen Verbänden vorläufig grünes Licht. Die Einzelprüfung durch CAS- Experten und ein Trio von IOC-Mitgliedern zieht sich hin.
Nun begann auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) Beratungen über einen möglichen Ausschluss Russlands. Im McLaren- Report stehen 35 positive Dopingfälle aus dem paralympischen Sport. Für DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen hatdas IOC mit dem Rio-Startverbot für die russische Doping-Informantin Julia Stepanowa die Chance zu einem machtvollen Statement gegen Doping“ vertan. Die Entscheidung, Russland nicht komplett auszuschließen, aber die Athletin aufgrund ethischer Bedenken nicht starten zu lassen, sei „ein Kniefall vor den Russen und ein dunkler Tag für die ehrliche Sportwelt“.[2]
Stepanowa müsse die Entscheidung wie eine „billige Brüskierung“ vorkommen, wenn Athleten wie US-Sprinter Justin Gatlin oder die kroatische Diskuswerferin Sandra Perkovic, die beide zweimal positiv auf Doping getestet wurden, am Zuckerhut um die Goldmedaille kämpfen, meinte Kurschilgen.[3]

Soziale Ungleichheit
Rio de Janeiro ist eine Stadt radikaler sozialer Ungleichheit. Die Bilder der schillernden Metropole am Zuckerhut, von brasilianischen Karneval und Copacabana stehen im Kontrast zu den Lebensrealitäten jener 3 bis 4 Millionen Bewohner der Favelas. Die Favelas sind Orte mit unsicheren Wohn- und Aufenthaltsrechten und werden durch die Medien oft als Hort von Krankheit, Elend und Armut transportiert, in denen Gewalt und Kriminalität an der Tagesordnung ist. In Vorbereitung von Olympia 2016 will sich Rio jedoch herausputzen, um sich positiv im internationalen Wettbewerb der Städte zu positionieren und potentielle Investoren und Ferntouristen nicht zu verschrecken. Im Zuge dessen kommt eine Reihe von repressiven stadtpolitischen Strategien zum Einsatz – von Zwangsräumungen in Favelas bis hin zu ordnungspolitischen Maßnahmen gegen Aktivisten. Sie richten sich vor allem gegen arme Bewohner und erinnern an ähnliche Prozesse zu den Olympischen Spielen in Peking 2008. Mit 140000 ist die Favela Mare eines der größten Armenviertel Brasiliens. Aber für Olympiabesucher wird sie nicht sichtbar sein. Die Stadt hat sie hinter einer bunten Sichtschutzwand versteckt. Woanders werden graue Tunneleingänge mit Begrüßungsbannern verkleidet. Überall in der Stadt teert man Straßen neu, schüttet Schlaglöcher zu, streicht Gebäude. Rio de Janeiro bereitet sich auf eine große Partie vor. Man möchte nicht, dass die Gäste der Spiele die kaputten Ecken und dunklen Flecken sehen.
Orlando Santos Júnior, Professor am Institut Ippur der Universität UFRJ von Rio, nannte die Olympischen Spiele „Spiele der Exklusion“ und „ein Projekt, um aus bestimmten Stadtteilen Geschäfte zu machen. Es geht ums Kapital, nicht um die Menschen“, so Santos Júnior.[4] Die Sportveranstaltung habe einen direkten Einfluss auf noch mehr soziale Ungleichheit, die Rio ohnehin schon charakterisiere. In einem 190-seitigen Dossier des Comite Popular ist beispielsweise von über 4000 Familien die Rede, die wegen der Bauarbeiten für die Olympischen Spiele ihre Häuser verloren haben und zwangsumgesiedelt wurden.

Korruption und Sicherheit
Die Korruption ist weiterhin präsent in Rio. Gegen Bürgermeister Eduardo Paes und den ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates, Sergio Cabral, gibt es schwere Vorwürfe. Sie sollen Baukonzernen beim Bau der olympischen Stätten illegale Vorteile verschafft haben.Dafür erhielten sie und ihre Partei Zuwendungen. Beide gehören der PMDB an, derselben Partei die Brasiliens Interimspräsident Michel Temer. Er stellte sich gegen die demokratisch gewählte Präsidentin Dilma Rousseff, bis diese unter fadenscheinigen Gründen suspendiert wurde. Viele Brasilianer sprechen deswegen von einem Putsch.
Die U-Bahnlinie 4, deren Bau sehr lange gedauert hatte und sehr viel Geld kostete, verbindet das Zentrum mit dem weiter draußen gelegenen Viertel Barra da Tijuca. Dort steht der Olympiapark. Allerdings dürfen lediglich Besucher der Spiele die Linie 4 nutzen, was in der Bevölkerung für großen Unmut sorgt. Die Fertigstellung der Linie war zudem nur möglich, weil die brasilianische Regierung dem Bundesstaat Rio einen Notkredit gewährte. Rio ist nämlich pleite und hat den finanziellen Notstand ausgerufen.
Brasilien bietet eine Rekordzahl von Sicherheitskräften auf. 85ooo Personen, darunter 23ooo Soldaten, sollen die ersten Spiele auf südamerikanischem Boden schützen. Es gibt auch Hinweise auf Verbindungen des sogenannten Islamischen Staates nach Brasilien. Eine konkretere Gefahr für Besucher dürften die Raubüberfälle darstellen, die zuletzt stark zugenommen haben.
Die Guanabara-Bucht ist im Vorfeld der Spiele nicht sauber geworden. Sie gleicht immer noch einer Kloake, weil die Abwässer von Millionen Menschen dort ungefiltert hineinfließen. Auf der hiesigen Bucht werden die Segelwettbewerbe stattfinden. Zwar wurden an den Zuflüssen Barrieren errichtet, um den treibenden Müll zurückzuhalten. Dennoch zeigten sich die deutschen Segler bei ersten Testfahrten schockiert über die Wasserqualität.

Bedürfnisse der Bevölkerung werden ignoriert
In Brasilien herrscht eine Wirtschaftskrise. Die Inflation ist auf 8,5 Prozent gestiegen, genauso die Arbeitslosigkeit auf 6,9 Prozent. Viele Brasilianer haben Angst um ihren Job. Da spielen die Olympischen Spiele keine große Rolle. Dazu kommt, dass die Spiele nach der Fußball-Weltmeisterschaft das zweite sportliche Großereignis innerhalb kurzer Zeit sind. Massive Investitionen in Olympia und Fußball-WM trotz sozialer und wirtschaftlicher Probleme verärgern viele Brasilianer.
Unter diesen Umständen ist verständlich, dass die Brasilianer nicht in Partystimmung sind. 63% sagten in einer Umfrage Mitte Juni, dass die Spiele mehr Nachteile als Vorteile bringen würden. Zwar zog der Kartenverkauf zuletzt an, aber besonders der arme Teil der Bevölkerung fühlt sich von den Spielen ausgeschlossen.
Vor der Weltmeisterschaft hat es schon große Demonstrationen gegeben, weil das Geld statt in Bildungs- und Gesundheitssystem in Stadien und andere Bauten für die WM gesteckt wurde. Seitdem hat sich fast nichts geändert, und wieder gehen die meisten Investitionen an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei.

[1] Aachener Nachrichten vom 27.7.2016, S. 17
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Aachener Nachrichten vom 1.8.2016, S. 16

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.

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