Dieter Wellershoff – ein Meister des psychologischen Romans

Psychologie einer Landschaft auf Fuerteventura, Foto: Stefan Groß

Am 15. Juni 2018 ist Dieter Wellershoff gestorben. Er ist 92 Jahre alt geworden. Er zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Sein vielseitiges literarisches Oeuvre besteht aus Romanen, Erzählungen, Novellen, Hörspielen, Bühnenstücken, Drehbüchern, Lyrik, Essays sowie autobiographischen Werken. Mehr als fünfzig Bücher sind zu Lebzeiten von ihm erschienen. Sie wurden in fünfzehn Sprachen übersetzt. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren begann der Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Werkausgabe in neun Bänden (1996 bis 2011 erschienen).

Auftakt mit Gottfried Benn

Das erste Werk von Dieter Wellershoff war eine Biographie über Gottfried Benn, die auch als Dissertation in Germanistik fungierte (1952 erschienen). Benn blieb er treu verbunden und gab im Limes-Verlag seine gesammelten Werke in vier Bänden heraus (1959 bis 1961 erschienen). Als im Jahre 1992 die Briefe zwischen Gottfried Benn und seiner Geliebten Elinor Büller erschienen, hat Dieter Wellershoff in einem Essay noch einmal den „lustvoll banalen Benn“ beschrieben.

„Neuer Realismus“ und psychologische Romane

Dieter Wellershoff hat Germanistik und Psychologie studiert. Sein großes psychologisches Interesse und die im Psychologiestudium gewonnenen Erkenntnisse brachten ihm die wiederholte Charakterisierung als „Psychologischer Realist“ ein. In den knappen Texten seiner Bücher wurde er immer wieder als „Seelenkenner“ gepriesen. Die Attribuierung „Psychologischer Realismus“ geht auf die Literaturgattung zurück, der Dieter Wellershoff zugeordnet wird. Die Gruppierung nennt sich „neuer Realismus“ oder „Kölner Schule des Neuen Realismus“, die auf den französischen „Nouveau Roman“ zurückgeht. Sein Schüler Peter Henning nannte Dieter Wellershoff als „den letzten großen Existenzialisten der deutschen Literatur“. Die Figuren seiner Romane seien „radikal existenzialistisch“, Leben heißt bei ihm auch immer „kämpfen um den aufrechten Gang, kämpfen für Autonomie, Würde, Liebe und Glück“. Wellershoff selbst drückte dies wie folgt aus:

„Mir ging es immer um das Aufleuchten von Existenzerfahrung. Meine Figuren sind vom Blitz Gestreifte. Sie sind vom Leben berührt.“

Zum Sammelband „Das normale Leben“ (2005) schrieb der Literaturkritiker Michael Braun: „Da sind zum einen die kühl erzählten Geschichten von Ehebruch und erotischem Doppelleben in denen die Familienidylle von innen erodiert und der Tabubruch die Betrogenen wie auch die Betrüger ins Unglück reißt. Heillosere Liebesgeschichten sind in der deutschen Gegenwartsliteratur kaum je geschrieben worden. Wellershoff verfügt über ein bestürzendes Sensorium für das Ausweglose, in dem alle Liebeswünsche ersticken.“ (Braun in der Frankfurter Rundschau vom 7.12.2005).

Das Spektrum von Wellershoff beschriebenen Lebensthemen ist groß: sehr umfangreich sind seine psychologischen Analysen von Liebespaaren oder gescheiterten Familien. Er schrieb aber auch autobiographische Werke über seine Kriegserfahrungen, über den Krebstod seines Bruders, über Macht und Gier in der Wirtschaft und über Kapitalismuskritik. Als Atheist schrieb er sogar über die Sinnkrise eines Pfarrers im letzten Roman „Der Himmel ist kein Ort“ (2009).

„Der Liebeswunsch“ – ein Roman als moderne Version der „Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Das erfolgreichste Werk von Dieter Wellershoff ist sein Roman „Der Liebeswunsch“, der im Jahr 2000 erschienen ist. Im „Literarischen Quartett“ wurde dieser Roman von Marcel Reich-Ranicki mit folgenden Worten gelobt: „Ich habe selten erlebt – in unserer zeitgenössischen Literatur, dass Liebe so vergegenwärtigt wird. Mit 75 hat Dieter Wellershoff sein Meisterwerk geschrieben!“ Der Erfolgsroman erzielte bereits im ersten Jahr nach Erscheinen mehr als zehn Auflagen. Im Jahre 2005 wurde der Roman verfilmt mit den Hauptdarstellern Jessica Schwarz und Tobias Moretti. Wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ geht es in Dieter Wellerhoffs Roman „Der Liebeswunsch“ um das komplexe Beziehungsgeflecht von zwei Paaren. Sehnsüchte, Kränkungen, Liebesverrat und immer wieder versuchte Freundschaft prägen diesen Roman. Im Mittelpunkt stehen die junge Studentin Anja und ihr 15 Jahre älterer Ehemann Leonhard, der von Beruf Richter ist. Das andere Ehepaar sind die Ärzte Marlene und Paul. Marlene war die erste Ehefrau von Leonhard. Dessen bester Freund Paul hat ihm vor Jahren die Frau weggenommen. Dies war der erste Liebesverrat des Romans. Im Verlauf des Romans kommt es zu einer Wiederholung des Konflikt-Szenarios: Der Arzt Paul verliebt sich in die Studentin Anja. Wieder geschieht ein Liebesverrat. Wieder wird der Richter Leonhard zum Betrogenen. Der Roman endet tragisch – Anja, das schwächste Glied in der Kette, endet im Suizid.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Herbert Csef 24 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.