Ein sehr persönlicher Fichte

Johann Gottlieb Fichte, Nachgelassene Schriften 1813, hg. von Erich Fuchs, Hans Georg von Manz, Ives Radrizzani, Peter K. Schneider, Martin Siegel und Günter Zöller. Unter Mitwirkung von Günter Meckenstock und Erich Ruff, Stuttgart-Bad Cannstatt 2009, frommannn-holzboog Verlag, ISBN: 978-3-7728-2172-1.

Von Johann Gottlieb Fichte ist nunmehr der 15. Nachlaßband erschienen, wobei fünf Schriften Eingang in diesen, der 2009 in Stuttgart-Bad Cannstatt herauskam, gefunden haben, so die Auseinandersetzung, die Thatsachen des Bewußtseyns, Die Wissenschaftslehre, die Entscheidende Berathschlagung und das Diarium vom 29. März 1813 an. Mit der Gesamtausgabe der Schriften Fichtes, die neben den Werken, den Briefen, den Vorlesungsnachschriften, den Zeitzeugnissen und mit der Edition der Nachgelassenen Schriften von 1813 nunmehr fast abgeschlossen ist, Band 16 und 17 fehlen noch, liegt ein beeindruckendes Opus magnum des im sächsischen Rammenau geborenen Philosophen vor. Mit der Publikation des schriftlichen Nachlasses wurde damit zugleich ein wesentlicher Beitrag für die Erforschung der späten Fichtes geleistet, dessen Spätphilosophie nunmehr einem breiteren Publikum zugänglich ist. Insbesondere dank der Nachgelassenen Schriften und Erläuterungen seitens der Herausgeber ist es nunmehr möglich, tiefergreifende Einblicke in seinen Denkweg zu erhalten, zumal das Diarium darüber hinaus zeigt, wie sich Fichte mit den damals aktuell-politischen Ereignissen und deren weitreichender Bedeutung für die staatliche und kirchliche Entwicklung der Zukunft beschäftigte.
Das Diarium nimmt über die Hälfte des 15. Bandes ein, und wie Erich Fuchs bemerkte, stellte dieses Manuskript eine außerordentliche Herausforderung dar, nicht zuletzt wegen des Schriftbildes des Originals. Ein ausführlicher Kommentarteil ist dem Manuskript aus Fichtes Feder, das nicht erst am 29. März, sondern schon am 26. März beginnt, beigegeben.
Bereits Immanuel Fichte hatte Teile des Diarium I im Band VII der Sämmtlichen Werke damals als Politische Fragmente aufgenommen. Doch jetzt wird dieses philosophische Tagebuch hier also zum ersten Mal in voller Länge der Forschung präsentiert. Im Manuskript wechseln sich dabei immer wieder Überlegungen zur Letztbegründung der Wissenschaftslehre mit Exkursen zur politischen Lage ab, wobei sich die Übergänge zwischen den rein theoretischen zu den praktisch-gesellschaftlichen Überlegungen und Reflexionen immer wieder vermischen. Das Diarium I, das in der vorliegenden Ausgabe durch eine Zeittafel ergänzt wird, um die geschichtlichen Handlungen, auf die Fichte darin anspielt, deutlicher hervorzuheben, endet mit dem Eintrag vom 14. August 1813.
Das philosophische Tagebuch gibt somit einen fundierten Einblick und liefert einen profunden Überblick in die zeithistorischen Ereignisse, die Fichte schließlich dazu zwangen, seinen Vorlesungsbetrieb an der Universität aufzugeben, weil unter der drohenden Kriegsgefahr eine „stille, wissenschaftliche Beschäftigung“ mit der Wissenschaftslehre unmöglich geworden war.
Bedingt durch die politischen Zustände, der drohende Krieg mit den Franzosen, sah Fichte sich dazu veranlaßt, sich auch politisch-staatsrechtlich zu orientieren; er spielte gar mit dem Gedanken eine eigenständige Publikation, ähnlich wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Wilhelm III., zu dem Zweck, die deutsche Nation gegen Napoleon zu vereinigen, zu veröffentlichen. Der geplante Aufruf zum Bunde kam jedoch, zu dem das Diarium das Material liefern sollte, letztendlich nicht zustande, diente dennoch aber als Vorbereitung für die für das Sommersemester angekündigten Vorlesungen über die Staatslehre, deren eigentliches Manuskript verloren gegangen ist.
Kurzum: Wer sich nicht nur für Fichtes theoretische Schriften interessiert, sondern tiefere Einblicke in Fichtes praktische Philosophie erhalten will, in sein Räsonieren über Politik, Staat und Gesellschaft – dem sei der 15. Nachlaßband ausdrücklich empfohlen. Hier spürt man das unmittelbare Verlangen, Philosophie an ihren Ursprüngen zu treiben, wenngleich bei allen Mühen Fichtes nicht zu vergessen bleibt, daß es immer wieder die Umarbeitung seiner Wissenschaftslehre war, die immer im Mittelpunkt seines Interesses stand. Wie sehr Theorie und Praxis ineinander spielen, dies verdeutlicht exemplarisch das Diarium.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2081 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".

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