Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Sackgasse, Foto: Stefan Groß

Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, Beck Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-406-71836-6, 32 EURO (D)

In seiner großen Geschichte des Dreißigjährigen Krieges verknüpft Georg Schmidt souverän das politische und militärische Geschehen mit Tagebuchaufzeichnungen, Predigten und anderen zeitgenössischen Quellen, die beklemmend anschaulich zeigen, wie der Krieg erfahren und durchlitten wurde: als Strafe Gottes, als Kampf um die deutsche Freiheit, als blutiger Weg zu einem neuen Frieden. So ist ein grandioses Panorama entstanden, das zugleich das Geschehen historisch deutet und einordnet: in das große religiöse Ringen von Reformation und Gegenreformation, den Machtkampf zwischen der Habsburgermonarchie und den Reichsständen, die Ziele der Nachbarstaaten und die undurchsichtigen Ränkespiele eines Wallenstein.

Georg Schmidt, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Jena, legt zum 400ten Jahrestag des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges eine opulente Gesamtdarstellung eines Krieges vor, der weite Teile Mitteleuropas verwüstete und Millionen Opfer forderte. Dabei untersucht er nicht nur die Zeit des Krieges, sondern die Vorgeschichte und die Folgen: „Die traditionellen Charakterisierungen des Dreißigjährigen Krieges als deutscher oder europäischer Glaubens-, Freiheits-, Wirtschafts- und Mächtekrieg werden nicht zurückgewiesen. Das Tableau wird jedoch um vier Beobachtungen erweitert; erstens die zeitgenössische Frage nach Gottes Wille und Strafgericht, zweitens die unbändige Angst, drittens den Kampf um die Freiheit und viertens den Zufall und das Rad der Fortuna. Die Akteure beklagten häufig den Mangel an Wissen und Informationen und mussten deswegen auf gut Glück entscheiden. Wer vergangenes Geschehen rekonstruiert, darf die Möglichkeiten der Handelnden nicht überschätzen. Sie waren geprägt vom Zeitgeist ihrer Milieus, von der Bibel und den Vorgaben der Geschichte.“ (S. 23)

Schmidt setzt einen Schwerpunkt seiner Darstellung der Interpretation des Krieges und seiner Leiden auf das religiöse Denken der Menschen dieser Zeit. Der religiöse Aberglaube, die Menschen würden für ihr sündiges Leben mit Kriegen, Hungersnöten oder Seuchen bestraft, gipfelte in dem Mythos der Reiter der Apokalypse nach Johannes, die mit ihren Plagen die Erde heimsuchen würden, um das Jüngste Gericht vorzubereiten.

Der 1648 geschlossene Westfälische Frieden war ein Kompromiss zwischen allen beteiligten Parteien, der möglich wurde, weil durch die totale Erschöpfung der Ressourcen und die allgemeine Kriegsmüdigkeit keine Seite durch die Fortführung des Krieges etwas gewinnen konnte. Das umfangreiche Regelwerk umfasst neben einem revidierten Religionsfrieden auch weitgehende Regelungen der Verfassungsverhältnisse des Reiches, die auf einen Ausgleich zwischen Kaiser und Reichsständen bedacht sind. Damit wurde der Friedensvertrag neben der Goldenen Bulle zum wichtigsten Dokument der Reichsverfassung. Viele der in ihm festgelegten politischen Kompromisse wirken noch bis in die Gegenwart fort. In der Forschung wird der Westfälische Friede als historischer Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung gleichberechtigter Staaten und als Beitrag zum friedlichen Miteinander der Konfessionen gewertet.

Im ersten Kapitel beschreibt er die Ausgangsbedingungen vor dem Krieg in religiöser, geistesgeschichtlicher, machtpolitischer und regionaler Hinsicht. Dann kommt er zur vordergründigen Ursache des Dreißigjährigen Krieges: den Prager Fenstersturz: In Böhmen eskalieren diese Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und den katholischen Machthabern im Frühjahr 1618. Böhmen ist zu 90 Prozent protestantisch und der Adel will die ungeliebte katholische Herrschaft sowieso loswerden. Als dann die habsburgische Landesherrschaft die Religionsfreiheit der Protestanten, die im sogenannten Majestätsbrief zugesichert ist, rückgängig macht, ist das der Funkenschlag, der den Krieg auslöst. Die Adligen demütigen den böhmischen König Ferdinand II., der gleichzeitig habsburgischer Kaiser ist, indem sie seine Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster werfen.

Dann geht er auf die zunehmende Europäisierung des Krieges und deren Verlauf ein, in dem sich auf europäischer Ebene der habsburgisch-französische Gegensatz und auf Reichsebene derjenige zwischen Kaiser und Katholischer Liga einerseits und Protestantischer Union andererseits entluden. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Reich trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus.

Im abschließenden Kapitel geht er auf den Friedensschluss und die Bewältigung des Krieges ein: Die Folgen für die Bevölkerung des Gebietes des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren verheerend. Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen verwüsteten und entvölkerten ganze Landstriche. In Teilen Süddeutschlands etwa überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige vom Krieg betroffene Territorien mehr als ein Jahrhundert, um sich von deren Folgen zu erholen.

Schmidt bilanziert: „Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner führt jedoch im Dreißigjährigen Krieg zu dem als gottgewollt ausgegebenen und verstandenen Krieg, der sich als Strafe gegen die armen Sünder richtete und von diesen als Kampf gegen die Ketzer oder den Antichristen rationalisiert wurde. Zum anderen war dieser Krieg ein aus dem Ruder gelaufener Verfassungskonflikt, in dessen Mittelpunkt die Ausgestaltung des Kaisertums der Habsburger stand.“ (S. 659)

Der Krieg als Strafe Gottes versinnbildlicht in den Reitern der Apokalypse, das religiöse Machtstreben von Reformation und Gegenreformation, den hegemoniale Kampf zwischen der Habsburgermonarchie und den Reichsständen, die expansiven Ziele der Nachbarstaaten kulminierten in der großen Katastrophe des 30jährigen Krieges. Schmidt stellt die Ursachen den Verlauf sowie die Folgen anschaulich dar und bietet eine Neuinterpretation dieses schrecklichen Zeitalters. Der Verlauf des Krieges ist allerdings teilweise zu detailliert geschildert, die Rezeptionsgeschichte hätte dagegen ausführlicher ausfallen können.

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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.