Besorgnis in Magdeburg, Sport und Spaß in Mannheim

Tristesse und Highlights unserer Zivilgesellschaft

Kontraste zweier Stadtlandschaften, ChatGPT

Die Auguren starren auf die Wahlumfragen in Sachsen-Anhalt. Was werden wir in Magdeburg am Wahlabend des 6. September erleben? Ist der Aufstieg der AfD allein aus der Schwäche der dortigen Zivilgesellschaft zu erklären? Im Südwesten Deutschlands, in Mannheim, scheint die Zivilgesellschaft, die Basis einer gelebten Demokratie, hingegen noch intakt.

Der Name Magdeburg steht für die drohende Machtübernahme der AfD in unserer Demokratie. (Siehe meinen letzten Blog-Eintrag: https://herbert-ammon.blogspot.com/2026/08/vor-dem-sturm-im-magdeburg-sauberkeit.html)

Die Stadt verfügt zwar über eine – dem Bundesbürger (m/w/d) naturgemäß weitgehend unbekannte – mehr als 1200-jährige Geschichte, über einen mächtigen Dom mit der Grablege Kaiser Ottos I., des Großen, und seiner englischen Gemahlin Editha, dazu noch über einige andere Baudenkmäler, die Zerstörung und Wiederaufbau überstanden haben, sowie über eine Universität, 1993 gegründet und benannt nach Otto von Guericke, den auch ältere Wessis noch aus Schulbüchern kennen. Magdeburg wurde erstmals im Jahr 805 urkundlich erwähnt.

Das ändert nichts an dem schlechten Ruf, der aufgrund der Wahlumfragen dem Bundesland Sachsen-Anhalt und dessen Hauptstadt Magdeburg anhaftet. Die Zivilgesellschaft im zentraldeutschen Ossi-Land ist einfach zu schwach, ablesbar an den dürftigen Mitgliederzahlen der Kirchen sowie an den Wahlchancen der Grünen von plus/minus fünf Prozent. Auch von zivilgesellschaftlich relevanten Sportereignissen, etwa von Erfolgen des 1. FC Magdeburg, hören wir in der „Tagesschau“ wenig. In welcher Liga spielen diese Ossis überhaupt? Nun: in der 2. Bundesliga.

Anders steht es mit Mannheim, historisch wesentlich jünger als Magdeburg, aber eine Stadt mit gutem Ruf. Hier erlebten Schillers „Räuber“ ihre Uraufführung, hier lag eine Geburtsstätte des badischen Liberalismus und – mit blutiger Erinnerung an den Kotzebue-Mörder Karl Sand – des demokratischen Radikalismus. Kultur – auf unterschiedlichen Ebenen – befruchtet in Mannheim die Zivilgesellschaft. Die junge Universität genießt bundesweites Ansehen. Einigen Ruhm erwarb für sich – und für die Stadt Mannheim – auch die Sängerin Joy Fleming, die Deutschland 1975 beim Eurovision Song Contest vertrat und mit „Ein Lied kann eine Brücke sein“ den 17. Platz belegte.

Sport stärkt – wie sonst nur die NGOs – die Zivilgesellschaft, die Basis unserer Demokratie. In den Nachrichten waren unlängst eindrucksvolle Szenen aus dem Stadion des SV Waldhof zu sehen, wo im DFB-Pokal Mannheim und Kaiserslautern aufeinandertrafen. Der Zuschauer (m/w/d) und Bürger (m/w/d) durfte miterleben, wie zunächst Spieler aneinandergerieten, ehe die Lage auf den Rängen eskalierte. Pyrotechnik wurde gezündet, Mannheimer Anhänger versuchten, auf den Platz zu gelangen, und die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an. Nach Angaben der Polizei wurden 35 Beamte verletzt; insgesamt mussten 85 Menschen medizinisch betreut werden, acht von ihnen kamen ins Krankenhaus.

Fußballfeste bereichern die gelebte Demokratie. Eine weitere Bereicherung verspricht eine andere zivilgesellschaftliche Initiative des Mannheimer Stadtrats Julien Ferrat, der der Wählervereinigung „Die Mannheimer“ angehört. Unter dem Motto „Ein FKK-Swinger-Paradies für Mannheim“ kündigte er eine Swingerparty im Mannheimer Rathaus an. Inspiriert wurde die Idee auch durch eine politische Bildungsfahrt in das „Village naturiste“ im französischen Cap d’Agde. Einen offiziellen Antrag für die Veranstaltung hatte Ferrat allerdings bis zum 21. August noch nicht gestellt. Die Stadt äußerte erhebliche Zweifel an der Zulässigkeit und Durchführbarkeit. Ferrat wiederum erklärte: „Gruppensex mit dem Stadtrat dürfte das Nonplusultra an Bürgernähe sein.“

Eine gute Nachricht für unsere Demokratie: Anders als in Magdeburg und in den umliegenden Ost-Gebieten ist die Zivilgesellschaft im Südwesten der Republik intakt.

Über Herbert Ammon 124 Artikel
Herbert Ammon (Studienrat a.D.) ist Historiker und Publizist. Bis 2003 lehrte er Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der FU Berlin. Seine Publikationen erscheinen hauptsächlich auf GlobKult (dort auch sein Blog https://herbert-ammon.blogspot.com/), auf Die Achse des Guten sowie Tichys Einblick.