Muss die „Tageschau“ weg? Herr Robra und der Umbau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens

Schwarze Katze, Foto: Stefan Groß

Seit Jahren steht das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Kritik. Zu staatstragend, zu unausgewogen und vor allem zu teuer. GEZ-Zahler beschweren sich in aller Regelmäßigkeit über die dürftige Qualität vieler Sendungen. Nun kommt eine neue Forderung aus Sachsen-Anhalt – die den radikalen Umbau des Öffentlichen fordert. Staatskanzleichef Rainer Robra von der CDU und der medial dafür verantwortliche Landesminister will das „Erste“ in seiner jetzigen Form abschaffen. Wie der Minister in einem Interview mit der „Mitteldeutschen Zeitung“ betonte, reiche als nationaler Sender das ZDF aus. Und für die ARD schlägt er vor, dass diese zum „Schaufenster der Regionen“ werden solle. Kanzlerduell und Bundestagswahl, die toppolitischen Themen als auch Kassenschlager aus Hollywood haben im ERSTEN nichts zu suchen. Auch die „Tageschau“ sei ein Dinosaurier alter bundesdeutscher Medienkultur und „in dieser Form überflüssig“ so Robra. Aber nicht nur die Tagesschau soll einer neuen Kosmetik weichen, an eine Renaissance denkt der Medienminister auf für das Internetangebot der Sender. „Neufassung“ der telemedialen Medien heißt dies in der Sprache der Magdeburger Staatskanzlei – und gemeint ist damit auch das Verbot von Presseähnlichen Texten, die, die Zeitungsverleger freut es, ebenso mit einem Verbostschild versehen werden.

Das Heilige

Nun war die „Tageschau“ neben dem „Tatort“ für viele deutsche Fernsehkonsumenten so etwas wie Gottesdienst, das Restreligiöse, das sie noch verwalten und der Ort und die Stunde wo sie in aller Demut und Einkehr glauben, über die Wahrheit informiert zu werden. Die „Tagesschau“ ist das gewesen, was der Gottesdienst einst war, ein Ritus, wo die Telefone schwiegen und man ungestört sein wollte, wo sich die Hausgemeinschaft andächtig zum politischen Stelldichein versammelte, wo das Deutschland der 70er, 80er und 90er Jahre in eine gebetsartige Stille versank.

Acht Milliarden Euro

Die Zeiten haben sich geändert. Doch der alte Zopf der „Tagesschau“ geblieben. Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Medien gespielt – Geld genug, um das Programm endlich von der politisch-eindimensionalen Hofberichterstattung samt Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei zu befreien. Endlich Zeit damit aufzuhören, den moralischen Zeigefinger und die betuliche Gelehrsamkeit dem aufgeklärten Zuschauer wie einen alten Brotteig vorzulegen.

Eine Reform an „Haupt und Gliedern“

Was wir brauchen ist eine intellektuelle Reform des Fernsehens an „Haupt und Gliedern“, garniert mit einem bunten Cocktail an sinnvoller Unterhaltung. Was wir dagegen haben ist Trash. ARD und ZDF haben ihren Bildungsauftrag längst verloren – NTV und N24 den öffentlichen Nachrichtendienst schon lange revolutioniert. Und die dritten Programme sind der einzig segensreiche Kern dessen, was das Fernsehen heute noch zu bieten hat. Was wir daher benötigen, sind besser inszenierte Inhalte, die die Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realität zurückholen. Unterhaltungsserien oder langweiligen Klischeekrimis befrieden nur noch ein betagtes Publikum.

Ein Blick nach Angelsachsen kann helfen

Die „Tagesschau“ kann bleiben – sie steht für ein Minimum an Kontinuität in einer multi-medial verzweigten Unübersichtlichkeit. Ein Stück Kontinuität mag da nicht schaden. Aber wenn wir immer von Diversität, Pluralismus und Interdisziplinarität die Rede ist, sollten diese Begriffe auch in den medialen Alltag einziehen. Die „Tagesschau“ so wie ist, gleicht einem steifen Bügelbrett, das weder jemand anschauen gleichwohl nur widerwillig benutzen will.

Ein Blick über den Kanal und nach Übersee zeigt – CNN ist seriös, aber keineswegs langweilig. Amerikaner in Deutschland wundern sich schon länger über den hier situierten Fernsehkonsum samt seiner Dröge.

 

 

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Stefan Groß-Lobkowicz
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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

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