Im weißen Licht von Christi Leiden – Michael Frohnmeyer interpretierte in Burghausen eine Sakralmusik-Rarität: Arvo Pärts „Passio“

Scherenschnitt des 18. Jahrhunderts: Kalvarienberg (aus der religiösen Grafik-Sammlung des Autors)

Er könne nicht erklären, was Musik sei, er schreibe Musik. So wird der estnische Komponist Arvo Pärt, geboren 1935, oft zitiert. Seine Klangsprache ließe sich, so die mehrfach gehörte fachkundige Meinung über Pärts Kompositionen, nur schwer fassen. Das gilt auch für Pärts 1982 entstandene, vor 30 Jahren erstmals aufgeführte „Johannespassion“, einen der bedeutendsten in Töne gefassten Evangelien-Texte unserer Zeit. In seiner tonalen Eigenart ist das Werk von kaum 70 Minuten Dauer nicht für jedes Ohr geschaffen: Arvo Pärt, der sich in Rhythmus und Tonhöhe allein vom Text leiten ließ, wendete die so genannte Tintinnabuli-Technik an. Auch wenn man weiß, dass es sich bei den „Tintinnabuli“ um „Glöckchen“ handelt, ist man noch eher ratlos als dass man sich durch diese stilistische Zuschreibung aufgefangen fühlte. Pärt: „Ich könnte meine Musik mit weißem Licht vergleichen, in dem alle Farben enthalten sind. Nur ein Prisma kann diese Farben voneinander trennen, … und dieses Prisma könnte der Geist des Zuhörers sein“.
Der in Schwindegg bei Mühldorf a. Inn lebende Pianist Michael Frohnmeyer, der sich mit der 2005 erfolgten Gründung des Musikfestes „Nachtstücke“ um die Hebung des musikalischen Niveaus in der Region Inn-Salzach große Verdienste erworben hat, wagte sich mit einer Aufführung von Pärts „Passio“ am Karfreitag 2019 in der Heiligkreuzkirche von Burghausen erstmals ans Dirigentenpult. Seine Vorliebe für geistliche Werke trat dabei ebenso zutage wie seine Fähigkeit, ein durchwegs junges Ensemble für Pärts extraordinäre Tonsprache zu gewinnen und zu führen und zugleich das Kirchenschiff voll zu bekommen – mit Zuhörenden, von denen sich wohl die wenigsten je mit Pärts Kirchenmusik beschäftigten haben, ihr aber aufgeschlossen gegenüberstanden. Auch wenn die ins Programmblatt (mit lateinischem und deutschem Text) eingelegten musiktheoretischen Erklärungen erst nach mehrmaligem Durchlesen erhellt haben mochten – die Anmutung, einem exquisiten Ereignis österlicher Live-Sakralmusik beigewohnt zu haben, mag genügt haben, zu einer so hohen Akzeptanz geführt zu haben, konkret geworden im lange und herzlich geschenkten Applaus.
Herausragend: die Mitwirkenden, angefangen vom Ensemble SAESCH, das den Chor bestritt über die Instrumentalisten an Orgel (Alexandra Helldorff), Oboe (Hideki Machida), Fagott (Katja Lauter), Cello (Julia Ammerer) und Violine (Helmut Lorenz) bis zu den Inhabern des Evangelisten-Parts (Maria Ladurner, Yasuyo Asano, Bernhard Teufl, Georg Klimbacher) und zu den Protagonisten Pilatus (Aleksander Rewinski) und Jesus, dem Georg Klimbacher (anstelle des erkrankten Benjamin Sattlecker) noblen Ausdruck gab. Es wäre zu wünschen, die in der Region erst- und rundum einmalige Wiedergabe der Pärt`schen „Passio“ aufgezeichnet zu haben.
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Scherenschnitt des 18. Jahrhunderts: Kalvarienberg (aus der religiösen Grafik-Sammlung des Autors)

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.