Klassenkampf in Oberschlesien – Zum 50. Todestag Hans Marchwitzas

Der oberschlesische Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza ist heute weitgehend vergessen! Nicht einmal die noch immer täglich in Ostberlin erscheinende SWEED-Zeitung NEUES DEUTSCHLAND mochte seiner zum 50. Todestag am 17. Januar gedenken. Wäre nicht 1949 die DDR gegründet worden, so wären nach 1945 seine Romane und Reportagen kaum noch gedruckt worden. Sie waren schlecht geschrieben und vom Klassenkampfpathos der Weimarer Republik erfüllt, womit sie zum Verständnis der Nachkriegsverhältnisse nicht taugten. Der Autors, der aus einfachen Verhältnissen stammte, war weder seinem Stoff gewachsen, noch beherrschte er die deutsche Sprache in Orthografie, Grammatik und Syntax.

Hans Marchwitza wurde am 25. Juni 1890 im oberschlesischen Industrierevier, in Scharley bei Beuthen, geboren. Sein Vater war Bergmann, auch er selbst arbeitete schon 1904, im Alter von 14 Jahren, unter Tage. Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs, 1910, ging er ins Ruhrgebiet, verlor aber seine Arbeit 1912, weil er an einem Streik teilgenommen hatte. Er wurde 1915 eingezogen und war als Soldat bis 1918 an der Westfront eingesetzt. Ein Jahr nach Kriegsende trat er der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei“ (USPD) bei und wechselte 1920 zur „Kommunistischen Partei“ (KPD).

Als Kommunist wurde er Zugführer der 1920 gegründeten „Roten Ruhr-Armee“ und bekämpfte Freikorps wie Reichswehr, fand aber dann als Teilnehmer an Streiks keine Arbeit mehr und begann 1924 für die kommunistischen Zeitungen „Rote Fahne“ und „Rote Front“ Reportagen zu schreiben, die später unter dem Titel „Sturm auf Essen“ (1930) erschienen und im Roman „Das Walzwerk“ (1932) verarbeitet wurden.

Der Roman der ihn berühmt macht, war der erste Band „Die Kumiaks“ (1934) einer Trilogie über eine oberschlesische Bergarbeiterfamilie, dem noch zwei Bände „Die Heimkehr der Kumiaks“ (1952) und „Die Kumiaks und ihre Kinder“ (1959) folgen sollten. Damals, 1934, beim Erscheinen des ersten Bandes, lebte er freilich schon im Exil, zunächst in der Schweiz, bis 1935 im französisch besetzten Saarland, 1936/39 war er Offizier auf republikanischer Seite im Spanischen Bürgerkrieg, worauf er in seinem Erzählungsband „Unter uns“ (1950) eingegangen ist.

Nach der Internierung 1939 in Frankreich gelang es ihm 1941, in die Vereinigten Staaten zu fliehen, 1946 kehrte er ins Nachkriegsdeutschland zurück, zunächst nach Stuttgart zu Verwandten, von wo er 1947 nach Potsdam-Babelsberg übersiedelte. Nach der DDR-Gründung 1949 wurde er dreimal mit dem Nationalpreis ausgezeichnet: 1950, 1955 und 1964. Die Preisverleihung 1955 galt seinem Roman „Roheisen“ (1955), der dem Aufbau der 1950 gegründeten Stadt Eisenhüttenstadt und ihres Stahlwerks gewidmet war. Wie misslungen dieser Roman war, wird noch Jahrzehnte später durch die Literaturgeschichtsschreibung sichtbar. Im 1976 erschienenen Band „Geschichte der Literatur der Deutschen Demokratischen Republik“ (908 Seiten) heißt es kryptisch: „Der Verzicht auf die tragische Komponente beeinträchtigten die Dialektik des künstlerischen Abbildes und deren Wirkung.“

Der im Sommer 1937 vor drohender Verhaftung aus Ostberlin geflohene Germanistikprofessor Alfred Kantorowicz (1899-1979) sah das im zweiten Band (1961) seines “Deutschen Tagebuchs“ ganz anders. Unter dem 9. Oktober 1955 berichtete er von einer in „Stalinstadt“ (so hieß Eisenhüttenstadt bis 1961) durchgeführten „Aussprache“ zum Roman „Roheisen“: Der Autor „selbst saß dem Tribunal vor, mit einem Gesicht wie eine Sprengladung, die beim leisesten Wort der Kritik explodieren würde.“

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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