Meinen akademischen Titel gebe ich nie an – Interview mit Filmregisseur Stefan Ruzowitzky

Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky schrieb seine Diplomarbeit am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Wien. Hier ein Gespräch über sein Thema. Mit einem Blick auf Franziska Giffey. Und der Frage, ob ein Regisseur seinen Rücktritt erklären müsste.

Als Stefan Ruzowitzky mit dem Studium der Theaterwissenschaft an der Universität Wien begann, da bemerkte man im einführenden Proseminar gleich, dass er mit einer ausgebildeten und prägnanten Stimme zu Wort sich meldete, mit der er jederzeit bei einem Fernsehsender als außergewöhnlicher Moderator zum Einsatz kommen kann. Am besten gleich als Nachfolger von Frank Hoffmann für „Apropos Film“ oder als Diskussionsleiter für ein neues Format der „Kunststücke“.

„Er hat eine starke Stimme“, flüsterte mir Kristin Brocza spontan zu, damals im Goethe-Saal des Instituts in der Hofburg, sie wollte selbst noch Schauspielerin werden, bevorzugte später aber den Beruf als Ballettlehrerin. Sie zeigte Begabungen für mehrere Bereiche und wäre wohl am besten Assistentin an der Universität geworden.


Seine Diskussionsbeiträge begleitete Stefan Ruzowitzky meist mit einem leicht ironischen Lächeln, das für ihn sehr typisch war, als würde er doch zweifeln an der Sinnhaftigkeit gesellschaftlicher Konventionen, ein Merkmal, das auch seine Filme immer wieder auszeichnete, dieses leichte Gespür für Skurrilität.

Stefan Ruzowitzky besuchte damals bei Univ.-Prof. Paul Stefanek die „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ und ist mit den Grundlagen der Forschungstätigkeit so vertraut, dass er jederzeit auch an einem Institut zum Einsatz kommen könnte.

Ich mochte seinen Film „Anatomie“ sehr, in dem Hauptdarstellerin Franka Potente die makabren Praktiken eines geheimen Bunds von Medizinern an der Universität Heidelberg aufdecken wollte. Dann gewann Ruzowitzky 2008 mit „Die Fälscher“ den Oscar für den besten internationalen Film.

Bei den Fernsehinterviews, die er vor der Verleihung des Oscars gab, zeigte Stefan Ruzowitzky seine Klasse. Er trat sehr zurückhaltend auf, obwohl er auch seine ausgebildete Stimme hätte voll zum Einsatz bringen können. Doch im Augenblick des Erfolgs verzichtete Ruzowitzky auf solch äußere Stimmtechnik.

Seine Diplomarbeit schrieb Stefan Ruzowitzky am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien: „Die historische Fernsehdokumentation: Ästhetik und Gestaltungsformen am Beispiel des ORF“.

In diesem Interview wollten wir Stefan Ruzowitzky über seine Diplomarbeit befragen.  


Johannes Schütz (Tabula Rasa Magazin):

Stefan Ruzowitzky, Sie haben Ihre Diplomarbeit am Institut für Theaterwissenschaft in Wien geschrieben.
Was war Ihr Forschungsinteresse bei Ihrem Thema?
Können Sie uns mehr über die Erstellung Ihrer Diplomarbeit und die Ergebnisse erzählen?

Stefan Ruzowitzky:
Es geht in meiner Diplomarbeit um Fernsehdokumentationen mit Geschichtsbezug. Ich hatte absichtlich etwas Praxisbezogenes gewählt, weil ich meine berufliche Zukunft eher in der Praxis als im Wissenschaftsbetrieb sah.

Filmwissenschaft und Medienwissenschaft waren damals an der Uni Wien als Sparten ganz neu zur Theaterwissenschaft dazu genommen worden und ich war, glaube ich, überhaupt einer der allerersten, der in diese Richtung arbeitete.

Ich kann mich erinnern, dass sich die Professoren bei Prüfung und Verteidigung der Arbeit unwahrscheinlich freuten, endlich einen diplomierten Medienwissenschafter aus ihrem Institut entlassen zu können!



Die Dissertation der deutschen Familienministerin Franziska Giffey wurde aberkannt. Franziska Giffey trat als Familienministerin zurück. Es wurde darüber ausführlich in den Medien berichtet.
War es erforderlich, dass die deutsche Familienministerin ihren Rücktritt erklärte, weil ihre Dissertation in die Kritik genommen wurde?

Ich bin, als Österreicher, über den Fall Giffey weniger informiert. Im Fall unserer Arbeitsministerin Aschbacher war die intellektuelle und wissenschaftliche Unredlichkeit dermaßen krass, sie hatte die Google-Übersetzung der Arbeit eines Anderen offenbar nicht ein einziges Mal gelesen, dass sie und das Elaborat („Seepocken“) verdientermaßen zur Lachnummer wurden. Ihr Rücktritt war unausweichlich.


Halten Sie es für möglich, dass auch Ihre Diplomarbeit kritisiert wird, die am Institut für Theaterwissenschaft approbiert wurde?
Könnten Mängel in der Diplomarbeit gefunden werden?

Ob alles weltverändernd schlau ist, was ich damals geschrieben habe, kann ich nicht mehr beurteilen. In Bezug auf wissenschaftliche Redlichkeit, also korrektes Zitieren, kein Ghostwriter, eigene Gedanken, hab ich mir jedoch sicherlich nichts vorzuwerfen.

Sollte man als Regisseur seinen Rücktritt erklären, wenn die Diplomarbeit am Institut für Theaterwissenschaft kritisiert wird?

Scherzfrage? 🙂

Nein natürlich nicht. In meinem Fall bekomme ich Jobs ja nicht aufgrund meiner theoretisch-wissenschaftlichen Expertise. Meinen akademischen Titel, der auch auf dieser Arbeit beruht, gebe ich nie an – das würde mir imagemäßig eher schaden. Würde man mir Betrug oder das Brechen des Eides, den man ja bei Abgabe der Arbeit leistet, nachweisen, könnte das natürlich das Bild, das Auftraggeber von mir haben, beschädigen. Als Drehbuchautor, da müssen die sich ja auch darauf verlassen können, dass ich selber schreibe, nicht abschreibe, etwas möglichst Originäres und Originelles abliefere.


Wir danken Stefan Ruzowitzky für das Gespräch.

Stefan Ruzowitzky, Filmregisseur, er gewann mit „Die Fälscher“ den Oscar für den besten internationalen Film 2008 (Best Foreign Language Film). Sein aktueller Film „Narziss und Goldmund“, eine Verfilmung der Erzählung von Hermann Hesse, kam im März 2020 in die deutschen Kinos.