Ostberlin nach dem MauerbauManfred Bielers Roman „Maria Morzeck“

Der 1934 in Zerbst/Anhalt geborene DDR-Schriftsteller Manfred Bieler hat nach seiner Ausbürgerung 1969 in München einen äußerst spannenden Roman veröffentlicht, der in diesem Jahr, wo wir des Mauerbaus vom 13. August 1961 gedenken, hochaktuell ist: „Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ich“. Es ist ein Roman über das so plötzlich geteilte Berlin, über die Teilung Deutschlands, die erst 28 Jahre später ihr Ende fand, gespiegelt in den Schicksalen einfacher Leute, die auf einmal der Staatsmacht hilflos ausgeliefert waren!
In diesem Buch, das in keinem DDR-Verlag erscheinen durfte, obwohl es von DEFA-Regisseur Kurt Maetzig nach dem Manuskript verfilmt wurde, wobei der Film nie gezeigt werden durfte, werden die politischen Verhältnisse in Ostberlin vor und nach dem Mauerbau aus der Sicht einer 1942 geborenen Abiturientin geschildert, der das Studium der Slawistik verweigert wird, weil ihr Bruder Dieter 1959 für vier Jahre im Zuchthaus Brandenburg-Görden gelandet ist. Über sein „Verbrechen“, wofür er eine derart hohe Haftstrafe zudiktiert bekam, kann seine Schwester vorerst nichts erfahren, da sie, als sein Delikt „Staatsverleumdung“ anstand, von der Gerichtsverhandlung ausgeschlossen wurde. Jahre später erzählen ihr dann entlassene Mithäftlinge ihres Bruders, dass er eine Rede des westdeutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, die in einem Westberliner Rundfunksender übertragen wurde, auf seinem Tonbandgerät mitgeschnitten und dann an seiner Arbeitsstelle über den Betriebsfunk hat laufen lassen, noch dazu während einer Betriebsversammlung, sodass alle „Werktätigen“ die Rede des obersten „Klassenfeinds“ mithören mussten. Dafür sollte er nach dem Antrag des Staatsanwalts mit zwei Jahren Zuchthaus bestraft werden, aber der übereifrige Richter, auch das erfährt sie erst viel später, hatte das Strafmaß verdoppelt.
Als Manfred Bieler (1934-2002) diesen Roman schrieb, hatte er in DDR-Verlagen wie Aufbau/Berlin und Reclam/Leipzig bereits sechs Bücher veröffentlicht, darunter den Roman „Bonifaz oder Der Matrose in der Flasche“ (1963). Als ihm bewusst geworden war, dass sein kritischer Berlin-Roman im SED-Staat nie würde erscheinen können, siedelte er 1965 nach Prag über und erwarb 1967 die tschechische Staatsbürgerschaft. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen am 21. August 1968 floh er nach München, wo er noch fünf weitere Romane schrieb, 1977 wurde er mit dem „Jakob-Kaiser-Preis“ des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen ausgezeichnet, 2002 starb er an einer unheilbaren Krankheit.
Maria Morzeck, die verhinderte Studentin, ist die unverblümte Stimme des Volkes, das unter den Zuständen, zumal nach dem Mauerbau, entsetzlich leidet. Sie spricht aus, vorsichtig, aber doch verständlich, was ihre vor Angst verstummten Mitbürger denken. Da sie nicht studieren darf, aber der Arbeitspflicht unterliegt, nimmt sie eine Stelle an als Kellnerin im Café „Clou“. Was sie dort erlebt, schreibt sie auf: „ Im Café `Clou` ist Betrieb in zwei Etagen, …unten wurden die Schätzchen angewärmt und oben wurde abgekocht. Ich bediente natürlich unten, wenigstens das erste Vierteljahr. Dazwischen lag der 13. August. Die Mauer hob den Schnapskonsum gewaltig…Ich halte ja nun diesen antifaschistischen Schutzwall wirklich nicht für ´ne architektonische Meisterleistung, aber manch einer, die hier mit`m Gütekontrolleur bei `Secura` verheiratet war und monatlich fuffzehnhundert Piepen aus der Wechselstube mitbrachte, weil sie bei `nem Zahnarzt in Zehlendorf das Parkett bohnerte, der tat`s ganz gut…Wäre ich ein bisschen später hingegangen, hätte ich die Stelle überhaupt nicht gekriegt. Es gab plötzlich Kellner und Servierinnen wie Sand am Meer. Kranzler, Kempinski, Kleist, Café Wien, Huthmacher, Café am Funkturm, Prälat Schöneberg, Hasenheide, Neue Welt – alle hatten sie uns ihre besten Kräfte zur Verfügung gestellt, und zwar im Verhältnis eins zu eins.“
In diesem Zitat steckt so viel Atmosphäre des Jahres 1961, was ein heutiger Leser kaum noch versteht. Damals arbeiteten Zehntausende Ostberliner in Westberlin und konnte ihr verdientes Westgeld anstandslos in den Wechselstuben, beispielsweise am Bahnhof Zoo, im Verhältnis 1:4 in Ostgeld umtauschen. Bei Maria Morzeck schwingt aber auch Schadenfreude mit, dass das nun nicht mehr möglich ist. Die genannten Cafés liegen alle in Westberlin, die aus Ostberlin stammenden Kellner und Serviererinnen hatten die Nacht vom 12. zum 13. August, das war ein Wochenende, zu Hause verbracht und konnten am Sonntagmorgen nicht mehr zur Arbeit fahren.
Der eigentliche Konflikt des Romans besteht aber darin, dass Maria am 6. November 1961 einen Mann kennen lernt, der fast 20 Jahre älter ist als sie und in den sie sich verliebt. Er heißt Paul Deister, hat in russischer Kriegsgefangenschaft die „Antifaschule“ besucht, ist der SED beigetreten und arbeitet jetzt als Richter beim Berliner Stadtgericht in der Littenstraße. Doch das ist nicht alles: Er hat Marias Bruder Dieter zu vier Jahren verurteilt! Dass sie das weiß, erzählt sie ihm auf der Rückfahrt von Brandenburg, wo er dienstlich zu tun hatte und sie ihren Bruder besuchte.
Das Liebesverhältnis dauert über ein Jahr, immer von der Angst überschattet, Dieter könnte vorzeitig entlassen werden. Paul Deister hat sogar ein Zimmer in der Ackerstraße angemietet, wo sie ihre Liebesnächte verbringen, bis Ehefrau Gudrun dahinter kommt und Maria anfleht, ihre Ehe nicht zu gefährden. Als Dieter 1962, eine Woche vor Weihnachten, entlassen wird und erfährt, was seine Schwester während seiner Haftzeit getrieben hat, fährt er mit Maria in die Ackerstraße und prügelt sie dort grün und blau. Um sich von ihrer Angst und ihren schlaflosen Nächten zu befreien, beginnt Maria Morzeck im Jahr 1963 alles aufzuschreiben, was sie erlebt hat: „Ich heiße Maria Morzeck. Wenn ich einen Roman schreiben wollte, würde ich anders anfangen. Aber ich brauche mir ja nichts aus den Fingern zu saugen. Ich schreibe einfach, was ich selber erlebt habe und worüber ich mit keinem reden kann…

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 191 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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