Wie werden schöne, aber leere Ost-Kleinstädte attraktiv für Familien?

Pixabay, Templin

Leerstand, Überalterung, Wohnungsnot: Die Heimstatt GmbH will zwei große Probleme zugleich lösen. Das Potsdamer Startup bringt Kommunen mit jungen Familien zusammen, die bezahlbaren Wohnraum und neue Nachbarschaften auf dem Land suchen.

Hunderte Kleinstädte und Dörfer stehen vor massiven Leerstands- und Überalterungsproblemen, vor allem in den „neuen“ Bundesländern, aber auch in einigen eher strukturschwachem Regionen „alten“ Bundesrepublik. Andererseits gibt es zehntausende junger Familien, die in großen Städten vielleicht eine teure Wohnung, aber keinen wirklichen Platz für echte Lebensqualität finden. Das alles hat Daniel Ehlers erkannt, und zusammen mit Leo Gremmer gründete er daher die Heimstatt GmbH, deren Name gewissermaßen Programm sein soll. Denn dieses Startup soll ländliche Kommunen mit jungen Familien in Kontakt bringen, deren Ziel es ist, aufs Land zu ziehen, um mit Gleichgesinnten Anschluss zu finden. Heimstatt nennt sich selbst eine „Vernetzungsplattform zwischen Kommunen und Familien für lebendige Quartiere im ländlichen Raum“. Konkret verbindet das Team Kommunen mit jungen Familien, die aufs Land ziehen möchten.

In so mancher sächsischen, brandenburgischen oder thüringischen Kleinstadt finden sich nicht nur einzelne Wohnungen, sondern ganze Straßenzüge und Viertel, die seit Jahren keine Bewohner mehr finden. Warum möchte dort niemand wohnen? „Weil junge Familien dorthin ziehen, wo bereits andere junge Familien sind, und eine entsprechende Versorgung gewährleistet ist“, weiß Daniel Ehlers. Wo also keine Familien sind, ziehen auch keine hin – Immobilien verkommen, bestehende kommunale Strukturen verfallen. Sind sie erst außer Funktion, bleibt das auch zumeist so, denn den Städten fehlt es an Geld. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müsste eine Mindestanzahl an jungen Familien gleichzeitig eine Stadt für sich entdecken. Ehlers erklärt: „Diese Koordination – von den Gesprächen mit den betroffenen Kommunen über die Inserierung und Bewerbung leerstehender Viertel, Abstimmung der Mindestzahl an Familien bis hin zu deren Ansiedlung vor Ort – ist Unternehmenszweck der Heimstatt GmbH.“ Schwierige Verhandlungen muss übrigens niemand erwarten, denn alle Häuser oder Wohneinheiten werden zu sehr moderaten Festpreisen angeboten.

Der Heimstatt GmbH kommt zupasse, dass zunächst die betroffenen Kommunen – zumeist extrem knapp bei Kasse – auf Förderprogramme von Land, Bund und EU zurückgreifen können. Gesucht werden immer gleich ganze Gruppen, die sich entweder bereits kennen oder vor Ort kennenlernen – also keinesfalls nur Einzelpersonen oder eine Kleinfamilie, die Heimstatt GmbH legt zusammen mit der jeweiligen Kommune eine Mindestanzahl von Umzugswilligen fest. Melden sich Familien tatsächlich mit erstem Wohnsitz um, gibt’s eine Erfolgspauschale für die findigen Vermittler. Die aber tut den Kommunen nicht wehr, denn durch nun steigende Einnahmen wie Steueraufkommen, Kaufkraftzuwachs, staatliche Subventionen und sinkende Leerstandskosten gewinnen sie an finanziellem Spielraum. Leo Gremmer stellt fest: „Wir werden also bezahlt, wenn durch unsere Dienstleistung bereits spürbare monetäre Vorteile für die Kommunen absehbar sind.“

Gar nicht einfach war es, diese neue Idee auch in den Kommunen zu plazieren, in ernsthafte Verhandlungen zu kommen. Daniel Ehlers weiß das wohl: „Unser Ansatz lebt von beidseitigem Vertrauen und Skaleneffekten, die in der Regel erst nach einer längeren Etablierung am Markt entstehen. Das zu etablieren, komplexe Entscheidungsprozesse mitzubegleiten und skeptische Stakeholder zu überzeugen, war daher gerade in den Anfangsmonaten eine enorme Herausforderung und bleibt bis heute eine hohe Hürde für neue Projekte.“ A propos Projekte – die Familien, die den Wechsel wagen wollen, schauen trotzdem auf Qualität. Gut renovierte Wohneinheiten mit exzellenter Anbindung an die nächstgelegenen Großstädte sollen es sein. Ehlers weiter: „Unser Ziel ist es, binnen einem Jahr in jedem ostdeutschen Bundesland mindestens ein erfolgreiches Referenzprojekt vorweisen zu können und in der Fläche einen spürbaren Beitrag gegen Wohnungsnot von Familien und Leerstand auf dem Land leisten zu können.“ Die Lösung, so betont er, sei längst vorhanden, man müsse sie nur systematisch umsetzen.

Leo Gremmer kennt das Problem, das nun zur Firmengründung führte, seit seiner Kindheit, und das schildert er recht anschaulich: „Ich  komme gebürtig aus Potsdam und bin leidenschaftlicher Wanderer und Radfahrer. Während meine Geburtsstadt längst aus allen Nähten platzt, gilt das für weite Teile Brandenburgs keineswegs. Obwohl dort teils malerische Städte und Dörfer zu finden sind, kann man dort unglücklicherweise die sich selbst verstärkenden Faktoren aus Abwanderung und Überalterung in Echtzeit nachverfolgen.“ Bedingt durch die Demographie werde diese Entwicklung auf immer größere Teile des Landes zukommen, ohne dass bisher überzeugende Lösungsansätze ersichtlich gewesen seien: „Das belastet mich als Brandenburger Lokalpatrioten sehr. Umso mehr hat es mich gefreut, als Daniel mit seiner Idee zu Heimstatt auf mich zugekommen ist.“

Über die Idee der Heimstatt GmbH soll ein Doppelproblem gelöst werden. Einerseits sollen junge Menschen, die in großen Städten kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden, eine neue Perspektive erhalten; andernfalls wird die Familiengründung aufgeschoben oder unterbleibt mangels Geld und Platz ganz – in Großstädten wie München, Berlin und Leipzig weiß man ein Lied davon zu singen. Andererseits könnten ländliche und kleinstädtische Kommunen von hohem Leerstand, Überalterung und angespannter Finanzanlage befreit werden.

Gremmer weist auf einen weiteren Vorteil für die Kommunen hin: „Wir bieten den Gemeinden die Möglichkeit, die Vermarktung ihres Ortes und ihrer Wohnangebote an uns auszulagern. Dadurch können sie ihre personellen Ressourcen gezielt entlasten und gleichzeitig schneller neue Familien gewinnen, die den Ort langfristig mit neuem Leben füllen. Ehlers hat die jungen Eltern im Blick: „Natürlich kann jede Familie selbst nach einem Haus oder einer Wohnung suchen. Häufig ist sie dann jedoch die einzige junge Familie in einem Ort mit einer stark alternden Bevölkerung. Wir ermöglichen jungen Familien nicht nur den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, sondern auch den Umzug in ein Umfeld mit Menschen in einer ähnlichen Lebensphase. Dort treffen sie auf andere Familien mit vergleichbaren Herausforderungen und Interessen. So entstehen neue Nachbarschaften, gegenseitige Unterstützung im Alltag und ein Umfeld, in dem Kinder gemeinsam aufwachsen und spielen können.“

Die Herausforderungen für Familien einerseits und Kommunen andererseits beschränken sich im übrigen nicht auf Deutschland. „In Italien sind beispielsweise die Ein-Euro-Häuser international bekannt, doch sie lösen das eigentliche Problem oft nicht. Es fehlt häufig an einer nachhaltigen Strategie, um neue Einwohner zu gewinnen und langfristig zu halten“, so Leo Gremmer. Darüber hinaus gebe es in vielen ländlichen Regionen weitere Herausforderungen, vom unzureichenden Breitbandausbau bis hin zur Ansiedlung von Unternehmen und der Verbesserung der Infrastruktur: „Ich sehe deshalb großes Potenzial, Kommunen künftig auch in anderen Bereichen zu unterstützen und unser Angebot entsprechend weiterzuentwickeln.“ So ergibt sich ein großes potentielles Geschäftsfeld, und eine junge, ehrgeizige Mannschaft aus Potsdam ist angetreten, ein riesiges gesellschaftliches Problem zu lösen. Sollte das wirklich gelingen, könnte aus dem brandenburgischen Startup dereinst sogar noch ein DAX-Konzern werden.

Über Sebastian Sigler 128 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.