Tausche Minne gegen Money

So viel Mut Regisseur Uwe Eric Laufenberg und sein Bühnengestalter Gisbert Jäkel auch hatten, einen neuen „Ring“ an das Nibelungensage-umwobene Donauufer der Hauptstadt Oberösterreichs zu posten – so wenig Wagnis wollten beide Produzenten wohl eingehen, Wotans Götterburg mit dem neu errichteten Musiktheater-Bau am Volksgarten in Verbindung zu bringen. Das Modell, das sich Göttervater Wotan (Gerd Grochowski) und Gattin Fricka (Karen Robertson) in ihrer klotzig mit Fichtenholz-Kisten und dicke Schaffell-belegter Ruhebank ausgestatteten Lounge von den baulustigen Riesen (Fasolt: Dominik Nekel, Fafner: Nikolai Galkin) aufstellen ließen, gleicht eher der heilen Akropolis als dem der fabelhaften Linzer architektonischen City-Novität. Wir sind damit bereits mitten im Vorabend zur Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die unter der musikalischen Leitung von Dennis Russell Davies und Mark Reibel für die Spielzeiten 2013/14 bis 2015 fest im Programm des super installierten, mit Großem Saal, Restaurant „Anton“ (Bruckner zuliebe?) und etlichen ideal informierenden und unterhaltenden Neben-Fluchten und Musiker-Werkstätten auf drei Ebenen ausgestatteten Musiktheater-Tempels steht: „Das Rheingold“: 1852 von Richard Wagner als Dichtung beendet, 1853/54 vertont, 1869 in Abwesenheit des Dichterkomponisten in München uraufgeführt und 1876 erstmals als Zyklus-Auftakt in Bayreuth gegeben.
Ob Bruce Chatwin für die eigenartige Verlegung Linz-Walhalls in ein riesiges Nomadenzelt Pate stand, als er ein Merkmal der „Menschen des Goldenen Zeitalters“ darin sah, dass sie immer als Nomaden erinnert würden? Wotan trägt Kaftan mit Käppi, die Kollegen (Donner: Seho Chang, Froh: Iurie Ciobanu, Loge: Michael Bedjai) gleichen Wüstenscheichs. Freia (Brit-Tone Müllertz) scheint dem draußen aufgebauten Linzer Krippenshop entsprungen. Woher sie nur die sie (erstmals im „Rheingold“ geoffenbarte) umwuselnde Kinderschar hat? Zwei Knaben versuchen sich am Schluss, wenn der blass und fahl wirkende Wotan seine strahlende Götterburg feierlich beschreiten darf, den Stab des Onkels (?)zusammenzubasteln.
Gebastelt wirkt diese protzende „Ring“-Inszenierung an vielen Stellen: Freias Gold-Outfit, Alberichs Käfig und Glasballonaquarium, Frickas Schlaf-Kokon … Vielversprechend hebt sie an mit einer durch ein bühnenbreites Auge zu beobachtenden Rheingrund-Szene – drei (am Ende sängerisch versagenden) Langhaar-Fischleiber von Rheintöchtern und ein Dickwanst von Gold gegen Liebe eintauschender Alberich (Oskar Hillebrandt) –im Verwandlungs-Bild ist sie langweilig (trotz Matthäus Schmidlechners Mime), um dann auch die Apotheose „Abendlich strahlt der Sonne Auge …“ nur auf bühnentechnisches Mittelmaß zu bringen – mit Mummenschanz (Kostüme: Antje Sternberg), unsinnigem Statisterie-Aufgebot und Möbelschleppern.
Dennis Russell Davies befahl das Bruckner Orchester Linz in bewährter Manier. Seit Jahren ist er mit seinen auf ihn voll eingeschworenen Musikern in Wagners Welt zu Hause, zwar durchwegs eher konzertant zwar (Brucknerhaus), aber auch im Graben auf instrumental hohem Niveau. Den Vergleich etwa mit dem diesjährigen Bayreuth-„Wunder“ Kirill Petrenko hält der Linzer Musik-Chef freilich nicht aus. Ihm stehen weder des neuen, um einiges jüngeren Münchner Generals Power noch dessen Bündelungs-Kraft und Entdeckerglück in so mancher auch lustig-listiger Wagner`scher Erzählepisode zu Gebote. Keimen doch im „Rheingold“ die Leitmotive des genialen Richard zu einem heftig auf Machtgier und Geldgeilheit ausgerichteten Weltendrama auf – davon ist diese eher bieder-brave Interpretation – szenisch wie musikalisch – ein ganzes Stück weit entfernt. Aber Linz hat ja Zeit, sich dem Bühnenmagier R. W. immer mehr zu nähern. „Den Ring muss ich haben!“ – diesen Wotan-Wunsch machte sich ein Schmuck-Haus der Linzer Landstraße zu eigen und bietet, mit einer in der allerletzten Oktober-Abendsonne leuchtenden Skulptur (Goldschlange beißt sich in den Schwanz) vor dem Musiktheater werbend, Ringe in vier Preisklassen zum Kauf an. Motto: Tausche Liebe gegen Gold …

Weitere Aufführungen des „Rheingold“: 12. und 20. November sowie 25. Dezember. Premiere „Die Walküre“: 24. März 2014.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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