„Varianten unseres Schicksals“ oder: Lebenswege – Betreten auf eigene Gefahr

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
Georg Trakl

Kalisz, jeweils rund 100 km von Breslau, Posen und Łódź entfernt und einst bekannt für seine Spitzen, war vor dem Zweiten Weltkrieg voll mit kleinen und größeren Fabriken, die ganz Russland mit dem begehrten Geflecht versorgten. Zudem darf sie sich als eine der ältesten urkundlich belegten Städte Polens nennen (150 n. Chr.). Die keltische Wortwurzel bedeutet Quelle oder Ursprung. Gleich in mehrfacher Hinsicht spielt Kalisz im Debütwerk der in Kiew geborenen und auf Deutsch schreibenden Autorin eine bedeutende und zugleich metaphorische Rolle. Da ist zunächst der Stammbaum. Auch er hat eine Quelle, einen Ursprung: seine Wurzel. In kompakter Form versucht man so weit wie möglich zu seinen Vorfahren und seiner Familiengeschichte vorzudringen. Beim Erforschen von diversen Familienstrukturen weist wiederum die alte Handwerkskunst der Spitzenherstellung mit ihrem systematischen Wechsel von Verdrehen, Verknüpfen, Verkreuzen und miteinander Verschlingen von Fäden eine gewisse Dualität auf. Und in Polen scheinen die jüdischen Wurzeln Katja Petrowkajas ihren Anfang genommen zu haben.

Um ihrer „manchmal schneidend scharfen, manchmal wermutherben Einsamkeit“, die ihre Ursache im offensichtlichen Fehlen einer großen Familie hat, auf den Grund zu gehen und ihren Familienbaum vielleicht doch noch wachsen zu lassen, taucht die Autorin in ihre Vergangenheit ab. Dessen scheinbar undurchdringbares Gewebe erweist sich zunächst als beinahe gesichts- und geschichtslos. Doch nach und nach erkennt sie Strukturen im Netz und ihre Vorfahren erhalten Konturen. Allerdings entpuppt sich dieses Unterfangen alles andere als linear, durchgehend und vor allem simpel. Bei ihren Nachforschungen, ihrem Stöbern im „Baumüll der Geschichte“, stört sie nicht selten die „Geister der Vergangenheit“, die mitunter recht unwirsch reagieren, wenn sie deren Nebel lüften will. „Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche. Manche aus meiner Familie waren geboren, um ihren Berufungen nachzugehen in dem hellen, aber nie ausgesprochenen Glauben, sie würden die Welt reparieren. Andere waren wie vom Himmel gefallen, sie schlugen keine Wurzeln, sie liefen hin und her, kaum die Erde berührend, und blieben in der Luft wie eine Frage, wie ein Fallschirmspringer, der sich im Baum verfängt. In meiner Familie gab es alles, hatte ich überheblich gedacht, einen Bauern, viele Lehrer, einen Provokateur, einen Physiker und einen Lyriker, vor allem aber gab es Legenden.“


Zunächst lernt sie Deutsch. Denn „dieses Deutsch war mir eine Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen, die jahrhundertelang taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht hatten, als müsste ich das stumme Deutsch lernen, um sprechen zu können, und dieser Wunsch war mir unerklärlich.“ Sie fährt als Russin aus Deutschland, wo sie mittlerweile lebt, in das jüdische Polen ihrer Verwandten. Aus Erinnerungsfetzen, zweifelhaften Notizen und Dokumenten, gefunden in Archiven („Geschichte ist, wenn es plötzlich kein Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen.“), öffnet sie das versiegelte Fenster ihrer frühen Kindheit in Kiew in der sozialistischen Sowjetunion und auch das ihrer Ahnen, die Taubstummenschulen gründeten. Den meisten Widerstand verspürt sie beim „Entriegeln“ ihres Judentums, das für sie bis dato gleichfalls sprachlos blieb, da ihre Familie einen großen Deckmantel des Schweigens darüber gelegt hatte. Blatt für Blatt, Baustein für Baustein, baut sie ihre verschüttete Geschichte wieder auf. Katja Petrowskaja lässt eine Zeile in die nächste hineinragen, legt eine weitere darüber und überlagert, genau wie bei gehäkelten und gewebten Spitzendeckchen. Was sich ihr beim Graben und Recherchieren offenbart und mit immer größerer Intensität zu Tage tritt, erinnert mitunter an eine „Rochade des Schicksals“, an „Zufälle in Zeit und Raum“ und lässt nicht nur einmal tief durchatmen. Beim Versuch, die inneren Verbindungen ihrer Familie und deren Leitmotive zu begreifen, wird die Suche fast zur Sucht.

Petrowskaja erzählt nicht in geraden Linien. Sie kreist und kreist, reißt ab, „wie die Kaliszer Spitzen, ich sah kein Ornament, nur kleine Fetzen…“ Ihre Recherchen und Erkenntnisse offenbaren zuweilen mehr als ein gesunder Menschenverstand aufnehmen und begreifen kann. „Was wäre wenn, was wäre falls, was, wenn es nicht geschehen wäre, oder was wäre gewesen, wenn sie (…) geblieben wären…“ Letztendlich stellt sie fest: „dass ich keine Macht über die Vergangenheit habe, sie lebt, wie sie will, sie schafft es nur nicht zu sterben.“ „Vielleicht Esther“ bietet ein Gewebe, ein sprachliches Ornament, als befände man sich selbst „in der Windrose des Geschehens“. Zuweilen treibt es einem Tränen in die Augen, man schluckt und hält den Atem an. Eine ehrliche, unverstellte Stimme, die geradeheraus, aber auch mit Witz und Charme das Unaussprechliche der Vergangenheit benennt. „Man sagt jüdisch, weiß aber nicht, womit das Wort gefüllt ist.“ Die Autorin füttert es wieder mit Leben, unverkrampft und eigenständig. „Ich wollte eine Lösung finden, für mich und für diejenigen, die heute hier wohnen und arbeiten, ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne absehbares Ende.“ Am Ende spürt sie, wie ihre persönliche Zukunft immer größer und ausgedehnter wird. Die Krone des eigenen Familienbaumes breitet sich schattenspendend über ihr aus.

Fazit: Ein ergreifendes, ein bewegendes Buch, das den Leser zuweilen mit einer ungeheuren Wucht aus Emotionen übermannt. Emotionen, die keineswegs rührselig oder sentimental daherkommen, sondern zutiefst im Inneren etwas zum Schwingen bringen. Doch Vorsicht. „Vielleicht Esther“ fördert einen Text zutage, den man aufgrund seiner Tiefe und Substanz nicht mal nebenher liest, sondern den man nahezu körperlich verinnerlicht. Ein Text, der nicht einfach zu lesen ist und einige Konzentration erfordert, der aber unglaublich bereichert und vor allem „global“ erinnert. Danke dafür, Katja Petrowskaja!

Javier Cercas
Outlaws
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Titel der Originalausgabe: Las leyes de la frontera
S. Fischer Verlag (April 2014)
512 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3100105109
ISBN-13: 978-3100105103
Preis: 24,99 EUR

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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