Verena Carl – Die Lichter unter uns – Auf die andere Seite gehen

Brunnen auf Sizilien, Foto: Stefan Groß

„Wer entscheidet darüber, ob man ein Leben als gelungen betrachtet oder als gescheitert? Oder als irgendwie dazwischen? (…) Woran liegt es, dass Menschen mit sich hadern, die nach allen äußeren Maßstäben zufrieden sein müssten? Und andere, die alles Recht hätten, ihr Schicksal zu beklagen, strahlen eine Erfüllung aus, von der man sich fragt, woher die das nehmen. Und warum?“ Diese Frage stellt sich im Buch einer der Protagonisten. Alexander steht sozusagen auf der Sonnenseite des Lebens: Er ist mit seinen reichlich 50 Jahren ein attraktiver Mann, hat eine schöne, deutlich jüngere Frau, die ein Kind von ihm erwartet und ist finanziell mehr als abgesichert. Sein großer Sohn studiert erfolgreich in Mailand.

Aber auch die 43-jährige Anna, die eigentliche Hauptprotagonistin in Verena Carls Beziehungsgedankenkreisel, lebt in einem als intakt geltenden Umfeld. Ihre kleine Familie, zwei Kinder und ihr Mann Jo, bewegen sich zwar nicht in „High-Society-Kreisen“, aber in gutem bürgerlichen Milieu. Eigentlich sollte alles so einfach und zufriedenstellend sein. Aber wie es das Leben in den wohl allermeisten Familien so spielt: Auf einmal beginnt man vieles in Frage zu stellen: den Partner an seiner Seite, die Kinder, den Job, sein Äußeres, das Leben an sich… „dieses unaufhörliche Gefühl, dass der Boden unter den Füßen sich neigte.“

Midlife-Crisis nennt sich das im guten Umgangston, obwohl dieser Begriff niemals im Roman verwendet wird. Wikipedia definiert diesen Zustand ziemlich treffend: Damit „meint man einen psychischen Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt von etwa 40, 45 bis Anfang 50 Jahren.“ Und genau in dieser Situation befinden sich die in den Roman gesetzten Figuren.

Mit einer Reise nach Taormina, ins sonnige Sizilien, im Hintergrund die steil aufragenden Hänge mit dem rauchenden Ätna, im Vordergrund das glitzernde Mittelmeer, soll Abwechslung ins Lebensallerlei kommen. Sowohl Alexander, als auch Anna verbinden mit diesem Ort sonnige Momente in ihrem Leben. Anna hatte hier ihre Flitterwochen verbracht, Alexander eine erfolgreiche Versöhnungsreise mit seiner Frau. Und genau hier laufen sich die beiden zufällig in einem Café über den Weg und treffen im laufenden Geschehen mehrfach erneut zusammen. Sogar in dem mondänen Hotel, wo sie damals selbst mit ihrem frisch vermählten Mann verweilte. Der attraktive Mitfünfziger fasziniert sie auf unbekannte Art und Weise, bringt ihr scheinbar abgestumpftes Innersten in Wallungen: „Als kleines Mädchen hatte Anna oft selbst so gelegen, ohne zu blinzeln. So lange, bis ihre Augen brannten, bis oben und unten verschwammen und sie sich vorstellen konnte, die schwebte im Himmel. In jenen vollkommenen Momenten ihrer Kindheit hatten sich auch die Geräusche verwandelt: der Strom der Autos draußen auf der vierspurigen Straße in Meeresrauschen, das Flügelschlagen der fetten Tauben auf dem Balkon in das zarte Geflatter von Schwalben unter südlichem Himmel. Auf die andere Seite gehen, so hatte sie das Spiel im Stillen genannt (…) „War es möglich …? Eine verführerische Variante der Wirklichkeit, in der sich plötzlich eine Lücke auftat in Alexanders perfekter Existenz, in diesem heilen Leben. Eine Lücke, groß genug für eine andere Frau.“

Verena Carl hat einen interessanten Roman geschrieben. Sicherlich ist das Thema schon durch viele Autorenfinger geglitten und zigfach von verschiedenen Seiten aufgerollt worden. Dennoch ist dieser Roman auf seine ganz eigene Art und Weise faszinierend. Die Autorin setzt ihren Text aus verschiedenen Puzzlestücken und aus wechselnden Sichten all ihrer Protagonisten zusammen. Dadurch erzeugt sie ein interessantes Spannungsfeld vielschichtiger Betrachtungsweisen: „Wie in einem Kaleidoskop, das mit jeder weiteren Umdrehung ein neues Muster erzeugte und vielfach spiegelte…“ In einer schönen, sehr poetischen und auch bildgewaltigen Sprache lotet sie mit ihren Romanfiguren die Krux um die Mitte des Lebens aus. Ob jene jene zu einer ernsthaften Krise kumuliert oder zum entspannten Verweilen auf einem Hochplateau bleibt bis zum Ende offen. Der gewählte Rahmen des wunderschönen Siziliens kann die menschlichen Unzulänglichkeiten nicht wegwischen. „Inseln, dachte er. Wir sind alle Inseln, und nur das gnädige Meer verdeckt die Abgründe zwischen uns.“, stellt Annas Mann Jo treffend fest. Am Ende steht die Erkenntnis, dass „loslassen, verzichten, die Finger lösen: so viel schwerer, als etwas zu packen und festzuhalten“ ist.

Verena Carl
Die Lichter unter uns
S. Fischer Verlag, Frankfurt (25. April 2018)
318 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3103973632
ISBN-13: 978-3103973631
Preis: 20,00 EURO

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.