Volker Hentschel: Wieder nichts Neues über Hitler

Bild von Richard Revel auf Pixabay

Volker Hentschel: Wieder nichts Neues über Hitler, Aschendorff Verlag, Münster 2018, ISBN: 978-3-402-13284-5, 24,80 EURO (D)

Der Historiker Volker Hentschel will in diesem Buch nur das zusammenfassen, was über Hitler wert ist, gewusst zu werden, weil es historisch bedeutsam sei. 

Er macht damit seinem Ärger über andere Biografien Luft: Trotz des Mangels an verlässlichen Lebenszeugnissen erscheinen wieder und wieder dicke Bücher, die als Lebensgeschichten Hitlers etikettiert sind. Ihre Verfasser setzen sich über die relative Geringfügigkeit und absolute Abgedroschenheit des über Hitler Bekannten durch zweierlei hinweg: zum einen dadurch, dass sie weniger Hitlers Leben, als die Bedingungen und Konsequenzen seines politischen Werdens und Seins beschreiben, und zum andern dadurch, dass sie Hitlers Persönlichkeit unter dem Anschein von „Originalität“ neu zu deuten vorgeben – beides mit einem verbalen Aufwand, der das Rezeptionsvermögen der Leser übermäßig strapaziert. Die bedenkliche Folge davon ist, dass die Zunahme an Hitler-Biographen das Wissen über Hitler nicht nur nicht erweitert, sondern zusehends verflüssigt und Hitler als eher fiktionale denn reale Figur erscheinen lässt.

Diese Thesen legt er in seinem ersten Kapitel dar, indem er sich mit ausgewählten Hitler-Biografien von Kollegen auseinandersetzt. Diesen wirft er vor, nichts Neues über Hitler produziert zu haben: „Im Zusammenhang miteinander zeitigten die Behauptung und das unmittelbare Bestreben der Hitler-Biographen, dem abgenutzten Material mit eigentümlichen Fragestellungen neue Erkenntnisse abzugewinnen, und der dabei unterschiedlich zur Geltung gebrachte Hang, über Vorkommnisse und Erscheinungen zu berichten, die Hitlers Leben fern waren, Hitler mit luftigen Annahmen zu deuten (…) sowie Überflüssiges, weil Unwesentliches zu schreiben, eine auffällige Disparität.“ (S. 15)

Dabei greift er die Forschungsergebnisse der Kollegen scharf an, manche auch persönlich (S. 24). Er will den „Nutzen gegen die Entbehrlichkeit“ durchsetzen und stellt im Folgenden die Fakten über Hitler zusammen, die „es wert sind, gewusst zu werden“. (S. 25)

Die These, dass keine neuen Quellen von und über Hitler aufgetaucht sind, ist nicht richtig. Die Historikerin Heike Görtemaker stellt nach ihrem Buch über Eva Braun den inneren Kreis um Hitler, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahem die Züge eines Hofstaates annahm. Sie zeigt die wechselhaften Beziehungen und Interaktionen zwischen Hitler und ihnen und zeigt das Weiterleben des inneren Zirkels nach 1945.

Görtemaker hat viele private Quellen aus dem Umfeld Hitlers recherchiert und setzt daraus Hitlers inneren Kreis zusammen, der sich vor allem am Obersalzberg konstituierte. Sie geht auf deren Biografien, ihre politische Haltung und deren Funktionen ein und wie sie von der Nähe Hitlers profitierten und er von ihnen profitierte. Manche der hier vorgestellten Personen und Geschichten sind bereits bekannt, aber es werden auch bisher unbekannte Quellen ausgewertet, die neue Erkenntnisse bringen. (Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73527-1, 28 EURO (D)

Außerdem gibt es in der Biografieforschung viele unterschiedliche Zugänge, auch fachlicher Art. Wenn Psychologen eine Hitler Biografie schreiben, wird diese anders aussehen als die eines Militärhistorikers. 

Eine umfassende Biografie muss auch die Person und sein Denken in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang einordnen, interpretieren. 

Die Beleidigungen und das Absprechen jeglicher Wissenschaftlichkeit gegenüber Pyta und anderen Forschern sind auch unsäglich und zeugen von sehr schlechtem Stil.

Diese persönlich gehaltene Abrechnung mit Hitler-Biografen kann aus diesen Gründen nicht empfohlen werden. 

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.