Wagner-Theater in Meiningen

Für Wagner-Begeisterte, die es in der Inszenierung eher moderat modern statt schrill, lieber klassisch statt quergebürstet lieben, ist Meiningen schon länger ein Geheimtipp. Schließlich wurde das Traditionstheater am Ende des 19. Jahrhunderts zur Wiege des Naturalismus und des kritischen Realismus auf der Bühne- Werktreue inklusive. Und wenn dann noch ein Sänger wie Andreas Schager die Titelrolleim „Tristan“ singt, füllen sich wie am 1. November die Hotelzimmer. Dieser Tenor ist der neue Stern am Himmel der Wagnerschen Heldentenöre und begeistert ein diesem Jahr bereits als Siegfried im neuen „Ring“ in Halle an der Saale. Ander Berliner Staatsoper war er im Frühjahr diesen Jahres in der letzten Minute für Lance Ryan im ersten Akt des „Siegfried“ sängerisch neben der Bühne eingesprungen, vorher an der Deutschen Oper für Torsten Kerl als Rienzi. Mit dieser großen Rolle begann 2011 in Meiningen der steile Aufstieg des Sängers mit dem Metall in der Stimme. Dass der Intendant Ansgar Haag ihm ein solches Vertrauen entgegenbrachte hatte, bezeichnet Andres Schager heute „als großes Glück“ und belohnte„den Mut dieses Hauses“ mit der Rückkehr an das Theater in einer noch größeren, weil schwierigeren Rolle des Tristan. Fast eine Sensation, denn der Österreicher (Jahrgang1971) hatte erst 2009 bei den Tiroler Festspielen in Erl als David in den „Meistersingern“ im kleinen Wagner-Fach debütiert.
Zum Vergleich: Der letzte Tristan, der einhellig gelobt wurde, war Peter Seiffert an der Deutschen Oper Berlin, und der ist bereits 59 Jahre alt. Klaus Florian Vogt hat sich bislang nur in einer konzertanten Aufführung in Stuttgart an den zweiten Akt des „Tristan“ gewagt, und der Bayreuther Siegfried Lance Ryan, wie Andreas Schager 42 Jahre alt, wird sich wohl erst 2015 an diese mörderische Partie wagen.
Liebesqual, Liebesrausch und Liebestod- Wagners Ausnahmewerk „Tristan und Isolde“, beflügelt von philosophischen Energien (Schopenhauer) und erotischen (Mathilde Wesendonck),ist in Meiningen unter der Regie von Gerd Heinz und der Dramaturgie von Diane Ackermann in romantischen Bildern in Szene gesetzt (Bühne und Kostüme Rudolf Rischer und Gera Graf). Im ersten Akt eröffnet ein Schiffsbug Einblick in Isoldes Kammer bevor auf der Drehbühne die Liebenden an der Reling ähnlich wie in der Titanic-Verfilmung zusammenkommen. Im zweiten Akt weitet sich die Bühne zu einer abstrahierten Landschaft in mondbeglänzter Zaubernacht, aber die Personenregie setzt auf Realismus. Tristan und Isolde dürfen entgegen mancher Einfälle des modernen Regietheaters ein Liebespaar bleiben und Leidenschaft zeigen. Herbstlich gefärbte Blätter rieseln im letzten Akt auf Tristans Krankenlager, die Sonne im Hintergrund ist Wolken verhangen, und Isolde sinkt vor einem riesigen, abgestorbenen Baum zu Boden. In schönen Bildern setzt die Inszenierung auf Zeitlosigkeit und folgt zurückhaltend dem berauschenden Strom der Musik.
Unter GMD Philppe Bach musiziert die Hofkapelle sauber und klangschön, läßt die Sänger nie nach hinten rücken, auch wenn das Orchester zum maximalen Klangvolumen aufbraust. Die Sänger haben ohnehin genügend Volumen, um selbst beim orchestralen Fortissimo noch gehört zu werden. Ursula Füri-Bernhard als Isolde verfügt über eine beträchtliche darstellerische Ausdruckskraft, beeindruckt durch bedingungslose sängerische Einsatzbereitschaft, doch zeigen sich ihre vokalen Grenzen vor allem im unteren Register und in den dramatischen, hoch liegenden Phrasen.
Andreas Schager hat seine Partie nicht nur physisch und darstellerisch im Griffsondern überwältigt mit der Intensität seiner Forteausbrüche. Er ist sicher zur Zeit der Heldentenor mit den gleißendsten aufstrahlenden Spitzentönen. Im dritten Akt, der so manchen Tristan-Sänger in Vergangenheit und Gegenwartwegen der hohen Anforderung an die Flexibilität der Stimme zum Scheitern brachte, steigert sich der Ausnahmesänger zur Höchstform. Tristans Fieberwahn – eine Tour de Force für jeden Sänger – in Meiningen ein unvergesslicher und tief berührender Höhepunkt!
„Tristan und Isolde“ mit Andreas Schager und Ursula Füri-Bernhardin den Titelrollen steht nur noch am 9.11. und 9.1. 2014 auf dem Spielplan.
Am 16.11. und 1.12. singen Hans Georg Priese und Bettine Kampp

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Über Sylvia Hüggelmeier 31 Artikel
Sylvia Hüggelmeier studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Publizistik und Pädagogik an den Universitäten Münster/Westfalen und München. Seit 1988 schreibt sie als Freie Journalistin für verschiedene Zeitungen.

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