Westdeutsche Hate Speech zum Gedenken des 20. Juli

Bergbahn Predigtstuhl, Foto: Stefan Groß

Das Gedenken zum 75. Jahrestag des 20. Juli 1944 vollzog sich in zu erwartender Weise: Die bundesrepublikanische Staatsspitze – vom Bundespräsidenten über die Bundeskanzlerin bis hin zu Heiko Maas – vereinnahmte die gescheiterte Rettungstat als historische Station auf dem steinigen Weg der Deutschen in die Demokratie, für die in der EU verwirklichte Friedensordnung für Europa sowie für Warnungen vor der Gefahr eines  anwachsenden Rechtsextremismus.

In der Stadt Frankfurt hatte der Oberbürgermeister Thomas Karlauf, Verfasser der jüngsten Stauffenberg-Biographie, zur Gedenkrede bestellt. Anders als in seinem Buch, wo er den ethischen Impuls, die Abscheu angesichts der Nazi-Verbrechen, des „Attenttäters“ Stauffenberg  gegenüber dessen vermeintlich maßgeblichen Motiven – zum einen die von der Poesie Stefan George  inspirierten,  nationalromantischen Empfindungen, zum anderen die aus politisch-militärischer Einsicht in die aussischtslose Lage des Reiches – nicht anerkennen  wollte, versuchte Karlauf in seiner Rede den Brückenschlag von Ästhetik und Handeln, von militärischem Denken und ethischer Motivation.

Aus Frankfurt waren – in einem Artikel des „linken“ Journalisten Arno Widmann in der (vor ein paar Jahren vor dem Bankrott bewahrten) „Frankfurter Rundschau“- auch noch andere Worte zu vernehmen. Da ging es dem Autor darum,  den im Gefolge des gescheiterten 20. Juli hingerichteten Feldmarschall Erwin von Witzleben posthum als in  obsoleten Begriffen und Vorstellungen von Ehre und Vaterland befangenen Vertreter der alten Militärkaste, als „autoritären Charakter“,  abzukanzeln.

Der Artikel („Der ehrenvolle Ausgang des Krieges“) gipfelte in folgenden Auslassungen: „Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist. Ohne die vernichtende Niederlage Deutschlands, ohne die brennenden Städte wäre denen, die ganz Europa sich unterworfen hatten, der Glaube an die eigene Herrenrassenherrlichkeit nicht auszutreiben gewesen. Dass sie von den von ihnen verachteten Russen und Amerikanern besiegt wurden, brach ihren Stolz. Ohne diese Verletzung hätten die Deutschen den Weg ins Freie niemals gefunden.“

Diese Sätze erfüllen den juristischen Tatebestand von „hate speech“, gerichtet gegen die Männer (und Frauen) des 20. Juli sowie gegen all die Millionen Opfer  – in den KZs, auf beiden Seiten der Fronten, nicht zuletzt der deutschen  Zivilbevölkerung  -, die das Scheitern des 20. Juli nach sich zog.

Allem Anschein nach  sind dem Autor – oder der Redaktion – inzwischen Bedenken gekommen. In der jetzigen Internet-Version (https://www.fr.de/kultur/stauffenberg-attentat-ehrenvolle-ausgang-krieges-) sind die skandalösesten Passagen offenbar gelöscht worden. Die Kernaussage steht jedoch noch immer in der Überschrift.

Mein Freund Christian Dietrich, einer der mutigen Vorkämpfer gegen die SED-Diktatur und für die deutsche Einheit vor dem Mauerfall, kommentiert den FR-Artikel wie folgt: „Ein totalitärer Artikel aus Frankfurt zum „20. Juli“ wirft ein Schlaglicht auf die Spaltung Deutschlands. Es sind diese deutschen Ideologie[n], für die kein Opfer zu groß sein kann, die unsere Demokratie seit 100 Jahren bedrohen.“

Quelle: Herbert Ammon

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