Wolfgang Ockenfels: Akademisch abgehoben

Zu Guttenberg fällt mir nichts ein, was nicht schon andere gesagt haben. Sie einfach zu zitieren, ist zu einfach, aber auch zu mühsam. Nach einem langen akademischen Leben ist man das typisch deutsche Ritual mit den vielen Gänsefüßchen und Fußnoten leid. Nach englisch-amerikanischer Gewohnheit, die nicht so methodenversessen ist, lebt es sich leichter. Mein Doktorvater Arthur F. Utz hat, je älter er wurde, immer weniger andere Autoren zitiert. Er konnte es sich leisten, von sich selber abzuschreiben. Nach dem Motto: „Wie ich schon so richtig sagte.“ Es soll auch ein Genie gegeben haben, das mit den Worten zitiert wird: „Wenn ich was Gutes lesen will, dann schreib’ ich mir was.“
In unserem akademischen Leben sind Originalität und Kreativität höchst verdächtig und lassen auf einen Mangel an Belesenheit schließen. Ein preußisch-akademisches Beamtentum reagiert hierauf empfindlich, mit Sprüchen wie: „Da könnte ja jeder kommen! Wo kommen wir denn da hin? Das war ja noch nie da!“ Also muß nach festen formalen Regeln aus Werken zitiert werden, die meist wieder aus Zitaten bestehen, um zu einer neuen Zitatensammlung zu kommen, die sich Doktorarbeit nennt und nur noch Gähnen hervorruft. Doktorarbeiten sind Arbeiten, die keiner mehr liest. Abgesehen natürlich von den wenigen Experten, die diesen Nachweis für Fleiß, Disziplin und formale Korrektheit überprüfen.
Nichts gegen diese preußischen Sekundärtugenden, wenn sie in den Dienst des Geistes gestellt werden. Aber gerade in den Geisteswissenschaften, zu denen auch die Theologie zählt, weht der Geist nicht, wo er will (Joh 3,8). Sondern er verstaubt in Büchern, stapelt sich in Zettelkästen oder setzt sich auf Festplatten fest. Von dort muß er mühsam geborgen werden – heute mit Hilfe digitaler Rechner. Die aber sind ziemlich dumm und geben die Quellen nicht exakt an. Noch dümmer sind hoch intelligente Politiker, die sich von Bremer Professoren und anderen Suchmaschinen überführen – und sich die fehlenden Quellenangaben links und besonders rechts um die Ohren hauen lassen.
Daß ein Politiker überhaupt nach akademischen Würden strebt, ist schon fast strafwürdig. Es gibt in der Politik schon zu viele Wissenschaftler, für die, nach dem Wort eines Spaßvogels, die Wissenschaft nicht dazu da ist, Probleme zu lösen, sondern zu vervielfältigen – durch permanente Differenzierung der Terminologie. Was wir dringend brauchen sind tatkräftige Politiker, die komplexe Probleme lösen, d.h. zunächst sinnvoll vereinfachen. Und da wäre vielleicht von Guttenberg noch einiges zu erwarten. „Smoke on the water“, der Rocksong von Deep Purple, war sein Abschiedslied beim Großen Zapfenstreich. Wenn sich der Rauch über dem Wasser verzogen hat, wird sich die politisch-moralische Qualität des gefallenen Stars jenseits von Adels- und Doktortiteln und jenseits allzu früher und flüchtiger Popularität überhaupt erst zu erweisen haben.
Das „Helm ab zum Gebet“ gehört immer noch zum erstaunlichen Ritual des Zapfenstreichs unserer säkularen Republik. Es ist eine Gebärde der Demut. Diese Tugend des Dienens zeichnet weder unsere Politiker noch unsere Wissenschaft (einschließlich der Theologie), erst recht nicht unsere technische Intelligenz aus. Sie müssen aus allen Wolken der Fortschrittsgläubigkeit und der Wachstumserwartung gefallen sein, als sie von den katastrophalen Ereignissen hörten, die sich mit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem anschließenden kerntechnischen Desaster in Japan ereignet haben.
Von modernen Theologen und auch Kardinälen sollte man keine endgültigen Antworten auf Fragen der technischen Energieerzeugung und ihrer Risikoabschätzung erwarten. Wenigstens aber, daß sie auf die klassische, stets aktuelle Theodizee-Frage eine sinnvolle Antwort zu geben versuchen. Aber lieber lassen sie diese Frage, warum ein ebenso allmächtiger und gerechter wie liebevoller Gott so etwas zulassen kann, völlig offen, als daß sie wenigstens die Möglichkeit einräumen, daß uns Gott, der die Geschicke und die Geschichte der Menschen in Händen hat, uns gerade auch in Katastrophen etwas zu sagen hat. Aber woher kann man geschichtstheologisch wissen oder glauben, daß es sich bei solchen Ereignissen ausdrücklich nicht um Fingerzeige Gottes handelt?
Der theologischen Entmächtigung Gottes folgt notwendig die geschichtliche Irrelevanz der Theologie. Moderne christliche Theologen ignorieren gern die Allmacht und Gerechtigkeit Gottes, erleiden dabei aber einen durch Liebe nicht kompensierbaren Bedeutungsverlust. Dann stellt sich unweigerlich die Frage nach Nutzen und Nachteil der Theologie für das Leben, besonders das der einfachen Gläubigen. Denen sind die hochgestochenen theologischen Fachsimpeleien und zeitgeistlichen Predigten gleichgültig, denn sie suchen in apokalyptischen Zeiten nach spiritueller Kraftnahrung, die sie dort nicht finden. Modernitätskritisch zugespitzt: Theologische Publikationen sind meist neu und gut. Aber das Neue ist nicht gut – und das Gute nicht neu.
Vielleicht hat die „deutsche Kirche“ zu viele Theologen, die einen Glauben systematisch reflektieren, der ihnen inzwischen abhanden gekommen ist. In dieser Kirchenregion geht es sehr abgehoben akademisch zu. Ihr Verkündigungsjargon ist entweder zu banal oder zu abstrakt – oder beides zugleich, als daß er einen erlösungsbedürftigen Atomphysiker erreichen könnte, der über seine und anderer Leute Sterblichkeit und Moralität nachzudenken beginnt. Ihr fehlen mehr die Gläubigen als die Theologen und Priester. Ihr fehlen mehr die Gemeinschaften, in denen der Glaube eingeübt und praktiziert wird, als die theologischen Fakultäten, die ihn oft bis zur Unkenntlichkeit interpretieren und verdrehen. Die staatlich geprüfte und finanzierte Theologie entwickelt sich immer mehr zu einer neutralen Religionswissenschaft, die nicht mehr zur Entscheidung drängt.
Die Kirche muß von ihrem hohen akademischen Roß heruntersteigen, um die kleinen Leute zu erreichen, die Jesus im Blick hatte. Das gehört zur christlichen Demut. Wie auch der Abschied von anderen hohen Würden, Ansprüchen und Anstalten, die dem kirchlichen Verkündigungsauftrag im Wege stehen.

DIE NEUE ORDNUNG
. Jahrgang 65. Nr. 2/2011 April, S. 82-83. http://www.die-neue-ordnung.de

Wolfgang Ockenfels
Über Wolfgang Ockenfels 43 Artikel
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Ockenfels, geboren 1947, studierte Philosophie und Theologie in Bonn und Walberberg. 1985 erhielt er eine Professur für Christliche Sozialwissenschaften mit den Lehrgebieten Politische Ethik und Theologie, Katholische Soziallehre und Sozialethik, Wirtschaftsethik sowie Familie, Medien und Gesellschaft an der Theologischen Fakultät Trier. Ockenfels ist zudem Geistlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer BKU und Chefredakteur der Zeitschrift "Die Neue Ordnung" in Bonn. Er gehört zum Konvent Heilig Kreuz der Dominikaner in Köln.

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