5. Jüdische Filmtage München im Jüdischen Gemeindezentrum am Jakobsplatz

Als der 1933 ausgewanderte jüdische Komponist Werner Heymann sich 1957 nach seiner Rückkehr in die BRD um Wiedererlangung der deutschen Staatsangehörigkeit bewarb, wurde er von der Einbürgerungsbehörde in Bayern gefragt, seine Kenntnisse über deutsche Kultur nachzuweisen. Darauf hin stimmte er die Melodie vom Lied „ Das gibt's nur einmal“ an und erreichte prompt sein Ziel. Dabei versäumte er zu erwähnen, dass er, der Remigrant, der eigentliche Autor des populären Liedes war. Diese Anekdote und viele anderen flossen in das Konzert Piano und Film – Eine musikalische Reise von der UFA bis nach Hollywood“ ein, dass am 22. Januar 2014 im Jüdischen Gemeindezentrum am Jakobsplatz präsentiert wurde.
Mit spontaner Verve und großem Können führte durch den Abend die – wie Werner Heymann – auch in Königsberg geborene und über Israel nach München eingewanderte junge Pianistin Elena Gurevich, die 23 weltberühmte Filmkompositionen aus beinah 8 Jahrzehnten am Flügel bravourös spielte. Die Palette reichte von Friedrich Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ aus dem Blauen Engel in der Interpretation des ebenso jungen Soprans Talia Orbis hin zum Tara's Thema aus „Vom Winde Verweht und zu Ernst Golds Titelmusik zum Film Exodus in einer mitreißenden Folge von Evergreens, die die Seele baumeln ließen. Einfühlsam sang Talia Or auch aus Gershwins Repertoire das unvergängliche Summertime, dem Leonhard Bernsteins Tonight aus dem zunächst als reine Komposition entstandene Musical West Side Story folgte, der ganze 10 Oscars – mit Ausnahme des wohlverdienten Oscars für Musik! erhielt. Mit Motiven von Jerry Goldsmithund James Horner respective aus der Serie „Star Treck“ und aus „A beautiful Mind“ setzte sich die musikalische Reise bis in die Neunziger Jahre fort, nicht zuletzt mit dem Thema aus Spielbergs Meisterwerk „Schindlers List“ von John Williams, der – als sein Stück fertig wurde – Spielberg zugeraten hatte, sicheinen besseren Komponisten zu suchen, worauf der Regisseur antwortete: „Ich kenne keinen. Sie sind alle tot!“.
Mit Schindlers List und der verträumten Barcarole aus Hoffmans Erzählungen aus Roberto Benignis auch Oscar-gekrönten Film Das Leben ist schön wurde in einem eigenständigen „Block“ das Thema „Shoah im Film“ behandelt. Chopins Nocturne in C-Moll aus dem aufwühlenden Film „Der Pianist“ von Roman Polanski ergänzte stimmungsvoll die Reihe.
Der Abend war zu verstehen als ein Hommage an die vielen jüdischen Talente, die in der NS-Zeit gezwungen wurden, das bedrohte Europa zu verlassen, wo sie wahrhaftig eine nicht mehr schließbare Lücke hinterlassen haben, woran unsere Kultur heute noch laboriert. In der Traumfabrik fanden sie aber eine neue Wirkungsstätte und ein Sprungbrett zugleich, dass sie in die große Welt projizierteund Ihre Kompositionen unsterblich machte.
Hollywood und seine Stars sowie auch viele namhaften Protagonisten des internationalen Showbizz leben auch in den Farbbildern der in Israel geborenen und in München aufgewachsenen Fotografin Gabriella Meros wieder auf, die bis zum 2. Februar im Foyer der Jüdischen Gemeinde zu sehen sind. Auch hier wird eine hochinteressante Zeitreise geboten, die mehrere Jahrzehnte erfasst und einen tieferen Einblick in die Traumfabrik erlaubt. Die international bekannte und für ihre Aktivitäten mehrmals auszeichnete Gabriella Meros wurde bei der von der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München & Oberbayern Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch eröffneten Werkschau vom Chefredakteur der „Zeit“ Giovanni di Lorenzo interviewt, der – wie man im Laufe des locker-unkonventionell geführten Gesprächs erfahren durfte – ein Jugendfreund der Fotografin ist. Ausstellung und Konzert fanden im Rahmen der 5. Edition der „Jüdischen Filmtage“, deren Organisation in den bewährten Händen von Ellen Presser lag, der langjährigen Leiterin der Kulturabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde München. Dazu gehörten ein Vortrag von Brigitte van Kann über das GOSET, das legendäre, aus der russischen Revolution hervorgegangene Moskauer Jüdische Theater, dessen Eröffnungspremiere von keinem geringeren als Marc Chagall gestaltet wurde, der für die Gelegenheit seine Wandbilder der Russischen Periode zur Verfügung stellte. Als Pendant dazu war der Stummfilm „Jiddische Glikn“ von 1925 mit dem ebenso legendären Solomon Michoels zu sehen, eine für Amerika bestimmte filmische Transponierung der dramatisierten Version der „Menachen-Mendel-Geschichten“, mit der Regisseur Alexander Granowski die Arbeit des von ihm geleiteten Moskauer Jüdischen Theaters weltweit vorstellen wollte. Dabei handelte es sich um den ersten sowjetisch-jüdischen Film, der in den 1920er Jahren in den Vereinigten Staaten freigegeben wurde. Die Live-Musik lieferte das Stummfilmtrio Tempo Nuovo des Pianistenclubs.
Zwei Premieren standen schließlich auf dem Programm: die des neuen Films der bekannten Regisseurin Julia von Heinz Hannas Reise, der Begegnungen zwischen jungen Deutschen und jungen Israelis, zwischen Nachgeborenen und Holocaust-Überlebenden vor dem Hintergrund des heutigen Israels auf die Leinwand bringt und – als Highlight der ganzen Veranstaltungsreihe – die Präsentation des deutsch-schweizer-französischen Films „Der letzte Mentsch“ von Pierre-Henry Salfati. In dem bewegenden Road Movie begibt sich ein von den Jahren gezeichneten Mario Adorf, ein Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, auf die Suche nach den Spuren seiner Vergangenheit in der Absicht, sich am Ende seiner in der „Lebenslüge“ verbrachten Existenz zurück zu seiner wahren jüdischen Identität zu finden.
Der Film, der im überfüllten Gemeindesaal mit großem Beifall begrüßt wurde, kommt im April in die Kinos.

DER LETZTE MENTSCH: Zur Filmpremiere in München
von Angelika Weber
Die Münchner Filmemacherin Angelika Weber, die bei der Filmpremiere anwesend war, kommentiert ihn für Tabula Rasa. Das Zusammenspiel von Mario Adorf und Hannelore Elsner gewinnt für Kino-Insider noch einen besonderen Reiz, nachdem beide Schauspieler einen gemeinsamen Auftritt im Spielfilm Marie Ward – Zwischen Galgen und Glorie aus dem Jahre 1985 hatten. Bei der historischen Produktion mit der Filmmusik des großartigen Hollywood Komponisten Elmer Bernstein hatte Angelika Webernämlich selbst Regie geführt. Der Bogen zur Gegenwart lässt sich also mit „Der letzte Mensch“ facettenreich spannen.

Wenn die heutige Kommunikation einen öffentlichen Charakter hat, ob per Handy in den öffentlichen Verkehrsmitteln, über Facebook oder überhaupt in der Ära der zeitgleichen digitalen Verständigung, umso unverständlicher und fremd erscheint einem zunächst die Zeitreise von Mario Adorf in seine Vergangenheit als Marcus Schwartz. Wie Identität sich in einem Beziehungsgeflecht entwickelt und wie diese durch den Wahnsinn von Auschwitz vollkommen zunichte gemacht wurde, beweist dieser mitreißende Film. Was auch immer man vorab über das NS-Regime gelesen, gehört und gesehen oder in einem Lager Jahrzehnte später als Besucher empfunden haben mag, hier ist es von der Wirkung zweifellos anders: Der Zuschauer wird intimer Zeuge einer Vereinsamung auf Raten, unwiederbringlich. Er kann den Schattenseiten nicht mehr entfliehen; denn selbst die humorvollen Szenen fächern nur etwas Luft in die absterbenden Flammen. Gräulich-schwarze Asche prägt das dramaturgisch-ästhetische Design, was sich in den meisten Sequenzen, Innen wie Außen, spiegelt.
Wenn die junge Deutsch-Türkin Gül (Katharina Derr) als Szenegirl die Reise nach Ungarn mit dem geklauten Wagen ihres Bruders antritt, dann ist der Gegensatz zwischen dem alten Juden auf der Suche nach Erinnerungen an seine einstige Heimat und allen widerspenstigen Äußerungen und emotional hoch geladenen Ereignissen beinahe unerträglich. Wo langsam jede Hoffnung stirbt, gibt es eine unerwartete, höchst spannende Kehrtwende. Wie die junge Frau als nervige Begleiterin eine mitfühlende und aktive Rolle – Schritt für Schritt- einnimmt, verkörpert eine menschliche Entwicklung von höchster Brisanz: Zeigt sie doch exemplarisch eine Lebensgeschichte, in der wir das Leiden unseres Protagonisten miterleben und die Motivation geweckt wird, ihm beizustehen, mehr von ihm zu erfahren, unbedingt Hilfe leisten zu wollen. Wenn Hannelore Elsner als blinde alte Frau voller liebevoller Hingabe und Eleganz sich Marcus-Mario ganz und gar widmet und ihn vollkommen überraschend auch noch heiraten möchte, dann haben diese Szenen eine symbolische Kraft, die als Aufforderung aktuelle Züge in sich trägt. Erst wenn Dokumente und Dokumentationen zum Leben erweckt werden, wie in diesem Film, gewinnen sie einen nachhaltigen Wert.
Und so leistet „Der letzte Mentsch“ und alle, die mit und um ihn herum diesen Film ermöglicht haben, einen ganz großen Beitrag zur Verständigung zwischen Juden und Nicht-Juden. Wie der Rosenkranz im Wagen von Güls Bruder bei der Autofahrt nach Ungarn ständig hin und her schaukelt und den Blick des Zuschauers auf sich lenkt, so schafft der Film eine immanente Bewegung, die keinen Stillstand mehr erlaubt. Verdrängen und Vergessen, was Adorf als Hauptfigur in „Der letzte Mentsch“ schlussendlich prägt, genau das hat der großartige Schauspieler persönlich in der nachfolgenden Gesprächsrunde mit Hannelore Elsner als Weg abgelehnt.
Armand Presser hat in einer meisterhaften Moderation diese Lebendigkeit aus den Charakteren auf der Bühne herausgearbeitet, so dass der Eindruck entstanden ist, als wären Mario Adorf und Hannelore Elsner nach ihrem filmischen Tod wieder zu uns zurückgekehrt. Solch ein Werk – jenseits der Quotenmanie – hat ganz großen Erfolg verdient!

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Anna Zanco-Prestel
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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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