Vom Feind zum Freund? Ostdeutschland und Polen – 1946-1950

I. Einleitung

In einer Umfrage der Zeitschrift Der Spiegel von 1991 zu den Einstellungen der Menschen in Deutschland und Polen ihrem jeweiligen Nachbarn gegenüber, erhielten die Ostdeutschen von den Polen -0,8 Sympathiepunkte, Westdeutsche dagegen +0,9. Polen wurden von den Ostdeutschen mit -0,1 und von den Westdeutschen mit -0,6 Sympathiepunkten bewertet.(1) Die große Sympathie gegenüber den Westdeutschen verwundert nicht, denn die freie und wohlhabende Gesellschaft besaß eine große Anziehungskraft. Die ungleiche, jedoch starke Antipathie zwischen Polen und Ostdeutschen überrascht allerdings zunächst. Hatte die jahrzehntelange Propaganda von „Freundschaft“ und „Brüderlichkeit“ im sozialistischen Block überhaupt keinen Eindruck hinterlassen? Verband die Menschen nicht zumindest die gemeinsamen Erfahrungen des Lebens im Sozialismus? Laut dieser Untersuchung waren die Gesellschaften weit davon entfernt, sich als „Brüder“ nach sozialistischem Wunschdenken zu empfinden. Die aktuelle Geschichtsschreibung bestätigt diese Erkenntnis und begründet sie damit, dass die „Freundschaft“ zwischen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Volksrepublik Polen lediglich in der Propaganda existiert.(2)
In dieser Arbeit möchte ich die Anfänge der polnisch-ostdeutschen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchen. Im Mittelpunkt steht dabei der Weg hin zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die kommunistischen Führer in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und späteren DDR, die im Jahr 1950 schließlich erfolgte. Welche Positionen nahmen die deutschen kommunistischen Führer bis dahin hinsichtlich der im Potsdamer Abkommen im August 1945 von den Siegermächten festgelegten neuen Ostgrenze Deutschlands ein? Welche Einstellungen vertraten die polnischen Kommunisten gegenüber der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vor und nach der Gründung der DDR im Jahr 1949? Im Fazit soll eine Interpretation dieses Prozesses die Frage beantworten, wie in dieser Zeit das zukünftige Verhältnis zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR geprägt wurde.
Eine für diese Arbeit besonders wertvolle Literaturgrundlage, war der 2003 von Basil Kerski, Andrzej Kotula und Kazimierz Wόycicki herausgegebene Sammelband Zwangsverordnete Freundschaft? Die Beziehungen zwischen der DDR und Polen 1949-1990.(3) Eine detaillierte Analyse des Umgangs der SED mit der Oder-Neiße-Grenze legte Andreas Malycha im Jahr 2000 in einem Beitrag in der Zeitschrift Deutschland Archiv vor.(4) Die Quellen der vorliegenden Arbeit sind Ausschnitte aus offiziellen Dokumenten sowie aus Stellungnahmen von Vertretern der kommunistischen Regierungen, die im Neuen Deutschland erschienen sind.(5) Auf die Beziehungen der beiden Länder zur Bundesrepublik Deutschland kann an in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden. Auch auf eine eingehende Analyse der Stimmungen in der Bevölkerung beider Länder musste verzichtet werden.

II. Vom Feind zum „Freund“(6)

1. Situation nach dem Zweiten Weltkrieg – Keine Freundschaft in Sicht

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutsch-polnischen Beziehungen durch die von den Deutschen millionenfach begangenen Verbrechen in Polen auf einem historischen Tiefstand angelangt. In Polen herrschten Ablehnung, Wut und Angst gegenüber dem westlichen Nachbarn. In Deutschland stand das eigene Leid im Mittelpunkt. Über die von Wehrmacht und SS verübten Schandtaten im Osten war dagegen wenig Bewusstsein vorhanden. Die Menschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße schmerzte der Verlust ihrer Heimat, sie hofften jedoch auf eine baldige Rückkehr.(7) Die Hoffnung war nicht unbegründet, da die Siegermächte im Potsdamer Abkommen vom August 1945 die Oder-Neiße-Linie lediglich „bis zu einer endgültigen Festlegung“ zur neuen Westgrenze Polens erklärten.
In Deutschland war niemand mit der neuen Grenze einverstanden, auch nicht die neuen kommunistischen Führer in der Sowjetischen Besatzungszone.(8) Burkhard Olschowsky geht davon aus, dass die SED die neue Grenze bis 1947 ablehnte.(9) Ihr Vorsitzender, Wilhelm Pieck, äußerte beispielsweise im Juli 1946 in seinem Geburtsort Guben die Hoffnung, „dass eines Tages auch der jenseits der Neiße liegende Teil der Stadt Guben wieder unter deutsche Verwaltung gestellt wird“(10). In einer Erklärung des Zentralkomitees der SED vom 19. September 1946 heißt es: „Die Ostgrenze ist nur provisorisch und kann erst auf der Friedenskonferenz unter Mitwirkung aller großen Siegerstaaten endgültig festgelegt werden.“(11)
Andreas Malycha zeigt dagegen, dass es innerhalb der SED eine durchaus heftige Diskussion über die Haltung der Sowjetunion zur neuen Ostgrenze Deutschlands gegeben hat. Die Position der Sowjetunion war bekannt. Im Neuen Deutschland wurden am 18.6.1946 die Äußerungen des sowjetische Außenministers Wjatscheslaw Molotow gegenüber der polnischen Presse veröffentlicht. Er erklärte:
„Den historischen Beschluss der Berliner Konferenz über die Westgrenzen Polens kann niemand erschüttern. Die Tatsachen zeugen davon, dass dies jetzt schon einfach unmöglich wäre. Das ist der Standpunkt der Sowjetregierung.“(12)
Vor allem auf mittlerer Ebene der SED wurde die Regelung nach dem Potsdamer Abkommen abgelehnt. In der Führungsriege herrschte dagegen mehr Zurückhaltung. Die SED befand sich damit in einem Dilemma und vermied es, sich eindeutig zur Grenzfrage zu positionieren. Mit der sowjetischen Position waren keine Wählerstimmen in den Reihen der Heimatvertriebenen zu gewinnen. Für eine Revision der Grenzregelung konnte die SED ebenso wenig eintreten, denn das wäre von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) nicht geduldet worden. Deshalb wählte die SED 1946 in offiziellen Stellungnahmen die diplomatische Formulierung, dass Grenzkorrekturen durchaus „denkbar“ seien.(13) Die Bevölkerung Ostdeutschlands konnte sich jedoch, wie durch das oben aufgeführte Zitat im Neuen Deutschland belegt wird, ein sehr genaues Bild davon machen, wie sich die Politik der SED gegenüber der offiziellen Linie Moskaus verhielt.
Auf polnischer wie auf deutscher Seite herrschten, vorsichtig ausgedrückt, starke Vorbehalte gegenüber dem Nachbarn. Jan Behrends spricht davon, dass sich in Deutschland das Gefühl, durch die neue Ostgrenze ungerecht bestraft zu werden, mit bereits vor dem Krieg vorhandenen negativen polnischen Stereotypen verband und durch die Erfahrungen der Vertriebenen noch verstärkt wurde.(14)
Im Gegenzug bekräftigten die Stimmung innerhalb der deutschen Bevölkerung und die uneindeutige Haltung der SED die in Polen und der Polnischen Kommunistischen Partei (polnisch: Polska Partia Robotnicza, kurz: PPR) unter Generalsekretär Władysław Gomułka vorherrschende antideutsche Einstellung.(15) In einer Erklärung des Presseattachés der Polnischen Militärmission in Berlin vom 15. März 1947 gibt dieser seine gegenüber Walter Ulbricht, dem stellvertretenden Vorsitzenden der SED, vorgebrachte Position wieder:
„Speziell im Fall unserer Grenze wies ich auf den Chauvinismus hin, der für das deutsche Volk charakteristisch ist und sich in der Linie der Partei wiederspiegelt. Dies macht eine Zusammenarbeit zwischen unserer und ihrer Partei unmöglich. Am gefährlichsten ist, dass die Position der SED keine Gesundung des deutschen Volkes anstrebt, sondern seine chauvinistische Krankheit geradezu verschlimmert.“(16)
Zu diesem Zeitpunkt, im März 1947, war von polnischer Seite eine Zusammenarbeit mit der SED noch völlig ausgeschlossen. Die Nichtanerkennung der Grenze wird als typisch deutscher Chauvinismus betrachtet, den die SED mit ihrer Haltung fördere. Damit würde die SED nicht nur die Zusammenarbeit mit den polnischen Kommunisten verhindern, sondern auch einer „Gesundung“ der deutschen „Krankheit“ im Wege stehen. Der Konflikt war beiden Parteien bewusst. Im obigen Zitat wird deutlich, dass die Frage der Oder-Neiße-Grenze der Dreh- und Angelpunkt der Beziehungen beider Länder und eine eindeutige Haltung der SED Voraussetzung für eine zukünftige Zusammenarbeit waren.
Die Führung in Moskau bediente sich in den ersten Jahren nach dem Krieg des polnisch-deutschen Antagonismus mit dem Ziel, die eigene Herrschaft zu stabilisieren. Der Oder-Neiße-Grenzverlauf war für Polen eine Frage der Existenz und für die polnische kommunistische Partei Legitimationsgrundlage. Die Sowjetunion präsentierte sich als einziger Sicherheitsgarant der Westgrenze und damit des polnischen Staates. Wer für Polen war, musste demnach auch den Sowjetkommunismus unterstützen.(17)

2. Die SED erkennt die „Friedensgrenze“ an

Während die Sowjetunion Polen gegenüber ihr Festhalten am Potsdamer Abkommen bezüglich der polnischen Westgrenze zusicherte, gab Stalin der SED-Führung erst 1947 die klare Anweisung, die Oder-Neiße-Grenze für endgültig zu erklären. Burkhard Olschowsky sieht den Wandel in der sowjetischen Politik, die Feinseligkeiten zwischen Deutschen und Polen zur Festigung der kommunistischen Herrschaft zu nutzen, hauptsächlich darin begründet, dass sie ein Auseinanderbrechen des Ostblocks befürchtete, und das hätte den eigenen Machtverlust bedeutet.(18) Die neue Linie wurde sodann von der SED mit Hilfe der SMAD gegen jeglichen Widerstand, der vor allem aus den Reihen der bürgerlichen Parteien in der SBZ (CDU und LDP) kam, durchgesetzt.(19)
Im Juli 1948 erschien im Neuen Deutschlands erstmals ein Artikel mit dem Titel „Die Friedensgrenze“. Der damals stellvertretende SED-Vorsitzende, Walter Ulbricht, sprach im November 1948 von einer endgültigen „Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Friedensgrenze“ und im September 1949 schloss sich auch der SED-Vorsitzende, Wilhelm Pieck, dieser Forderung an. Die im Oktober 1949 gegründete DDR übernahm diese Haltung, die nach wie vor von den Vertriebenen in der DDR und einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt wurde. Nachdem die DDR im Oktober 1949 diplomatische Beziehungen mit der Volksrepublik Polen aufgenommen hatte, bestätigten Pieck und der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, nicht nur ihre Äußerungen zur neuen Grenze, sondern verkündeten auch, jeden, „der das Ansinnen einer Revision dieser Grenze stellt, als einen Feind des deutschen und polnischen Volkes und zugleich als einen Kriegstreiber“(20) zu betrachten. Innerhalb von zwei Jahren war es zu einem vollständigen Wandel in der offiziellen Haltung der SED gekommen. Die neue Grenze wurde nicht nur bestätigt, sondern sollte fortan auch mit aller Gewalt verteidigt werden. Kritiker wurden von nun an als „Feinde“ betrachtet, womit die westdeutschen Politiker, besonders aber auch ablehnende Stimmen in der DDR, gemeint waren.


3. Die Volksrepublik Polen erklärt die DDR zum „Bruderstaat“

Für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze wurde der DDR von der Sowjetunion und Polen zugestanden, sich der Verantwortung der NS-Verbrechen zu entledigen. Die deutsche Schuld wurde nunmehr auf die BRD abgeschoben und die DDR präsentierte sich mit ihrem verordneten Antifaschismus als das „bessere“ Deutschland.(21) Dabei gilt es zu bedenken, dass es für die Sowjetunion gar keine andere Möglichkeit gab, als die DDR von ihrer Verantwortung „freizusprechen“, denn sonst hätte sie den „Feind“ im eigenen Lager gehabt und dies wäre schwierig zu vermitteln gewesen. Damit waren beide Seiten, die deutschen Kommunisten und die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU), fest miteinander verbunden.
Gleichzeitig verlor die polnische kommunistische Propaganda eines ihrer schlagkräftigsten Argumente. Der Nachbar musste nun als „erster friedlicher Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ dargestellt werden. Um den Kontrast zur vorherigen antideutschen Politik nicht all zu stark erscheinen zu lassen, bediente sich die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei(22) (polnisch: Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, kurz: PZPR) ebenfalls der Darstellung, es gäbe ein „besseres“ Deutschland und eine Bedrohung für Polen ginge nunmehr vom amerikanischen „Imperialismus“ und Westdeutschland aus. Im Februar 1950 erklärte Józef Cyrankiewicz im Sejm:
„Jenseits von Oder und Neiße wurde die DDR gegründet. Einer ihrer ersten politischen Schritte war als Antwort auf die revisionistischen und revanchistischen Pläne des Herrn Adenauer und seiner Gefährten die Anerkennung unserer Westgrenze als Friedensgrenze.“(23)
Die Bedrohung durch Westdeutschland, schien zudem dadurch bewiesen, dass die BRD wenige Tage nach Unterzeichnung des Görlitzer Abkommen dieses für ungültig erklärte. Die polnische Propaganda machte sich damit zum Sprachrohr der DDR und der Sowjetunion.(24) Der polnischen Bevölkerung konnte allerdings nicht glaubhaft vermittelt werden, dass lediglich die westdeutsche Gesellschaft das Erbe der Vergangenheit trage und im östlichen Teil nur ehemalige Widerständler gegen das Naziregime lebten.(25)

4. Das Görlitzer Abkommen – Endlich „Freunde“?

Auf der anderen Seite, in der DDR, war die neue Grenze für die Menschen alles andere als eine frohe Botschaft. Unter den missbilligenden Blicken der DDR-Bevölkerung unterzeichneten die Ministerpräsidenten beider Länder, Otto Grotewohl und Jósef Cyrankiewicz, am 6. Juli 1950 das „Görlitzer Abkommen“. Im Wortlaut des Grenzvertrages heißt es:
„Die Delegation der Provisorischen Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und der Regierung der Republik Polen haben, von dem Wunsch erfüllt, den Frieden zu festigen und das unter Führung der Sowjetunion stehende Friedenslager im Kampf gegen die Umtriebe der imperialistischen Kräfte zu stärken, […] vereinbart, dass es im Interesse der Weiterentwicklung und Vertiefung der gutnachbarlichen Beziehungen, des Friedens und der Freundschaft zwischen dem deutschen und dem polnischen Volke liegt, die festgelegte, zwischen den beiden Staaten bestehende, unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze an der Oder und Lausitzer Neiße zu markieren.“(26)
Die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze wird im Vertragstext als Voraussetzung für „Frieden“ zwischen dem deutschen und polnischen Volk bezeichnet. Die DDR-Führung erhob damit zwar den Anspruch für Gesamtdeutschland zu sprechen, doch war lediglich von einer „Freundschaft“ zwischen den sozialistischen „Bruderstaaten“ die Rede. Dieser Zusammenhalt unter „Führung der Sowjetunion“ sollte den gesamten sozialistischen Block gegenüber dem „imperialistischen“ Westen stärken. „Frieden“ und „Freundschaft“ zwischen den Völkern diente also einem höheren Zweck. In der Realität war das deutsch-polnische Verhältnis jedoch noch weit davon entfernt als ein „freundschaftliches“ bezeichnet zu werden. Dies war den vertragschließenden Parteien durchaus bewusst.
Insbesondere die Menschen in der DDR, mussten von der positiven Zukunft, die mit der neuen Grenze versprochen wurde, überzeugt werden. Aus diesem Grund wurde der Vertragsabschluss von einem massiven Propagandaaufgebot begleitet. Im Jahr 1951 wurde beispielsweise der „Monat der deutsch-polnischen Freundschaft“ durchgeführt, die „Führer der polnischen Arbeiterklasse“ wurden verehrt und Rosa Luxemburg zur „Vorkämpferin der deutsch-polnischen Freundschaft“ erklärt. Zeitgleich erfolgte das Verbot, die neue Ostgrenze in Frage zu stellen und die Vertreibungen zu thematisieren. Das Problem der Vertriebenen, die im DDR-Sprachgebrauch als „Umsiedler“ bezeichnet wurden, sei durch Integration gelöst worden, hieß es in der offiziellen Darstellung.(27)
Die gemeinsamen Feste und Veranstaltungen, auf denen die „Freundschaft“ der beiden Länder bekundet und gepriesen wurde, gingen jedoch nicht über ihren formalen Parteicharakter hinaus.(28) Wenngleich mit dem Görlitzer Abkommen der Streit um die Grenze zwischen der DDR und Polen beigelegt wurde und sich beide Seiten nach außen hin sichtlich bemühten, Eintracht zu demonstrieren, blieben die gegenseitigen Vorbehalte über die nächsten Jahrzehnte bestehen. Dass den Regierenden auf beiden Seiten bewusst gewesen sein musste, wie es um die „Freundschaft“ ihrer Bevölkerungen stand, zeigt sich deutlich in der Tatsache, dass die Grenze zwischen der DDR und Polen bis in die 1960er-Jahre eine der am stärksten bewachten und abgeriegelten Grenzen in Europa war. Dies machte eine Annäherung umso schwieriger. Mitte der 1980er-Jahre kam es sogar zu einem Konflikt um Hoheitsgebiete in der Pommerschen Bucht, der erst am 22. Mai 1990 beigelegt werden konnte.(29) So paradox wie die sprachliche Verknüpfung von „Grenze“ und „Frieden“ bereits anmutet, so widersprüchlich standen sich also auch Anspruch und Realität der damit beschworenen sozialistischen „Freundschaft“ gegenüber.

III. Fazit

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten die deutsch-polnische Beziehungen neu erfunden werden. Wie sich der Wandel im polnisch-ostdeutschen Verhältnis zwischen 1946 und 1950 vollzogen hat, wurde in der vorliegenden Arbeit dargestellt. Die wichtigste Frage, über die sich Deutsche und Polen verständigen mussten, war die der gemeinsamen Grenze. Der Standpunkt der neuen Führung in SBZ und DDR bezüglich der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war ausschlaggebend für eine Zusammenarbeit mit den polnischen Kommunisten. 1947 änderte die SED ihre offizielle Position. War sie bis dahin noch bestrebt, der in der Bevölkerung vorherrschenden ablehnenden Haltung gegenüber der neuen Grenze nicht zu widersprechen, folgte sie schließlich den Vorgaben der sowjetischen Führung und erkannte die „Friedensgrenze“ an. 1950 wurde die Oder-Neiße-“Friedensgrenze“ im Görlitzer Abkommen für endgültig erklärt. Die DDR und die VR Polen wurden plötzlich zu sozialistischen „Brüdern“.
Das Ziel dieser „Freundschaft“ war der Zusammenhalt innerhalb des sozialistischen „Ostblocks“, um dessen willen ein großes Schweigen über die millionenfach begangenen Verbrechen gelegt wurde und zu dessen Aufrechterhaltung die Menschen in der DDR sowie in Polen erzogen werden sollten. Dies zeigt deutlich, in welcher Abhängigkeit von der Sowjetunion die kommunistischen Parteien standen. Die SED ebenso wie die PZPR wirkten wie Fähnchen im Wind und vermittelten die Botschaft, die sozialistische „Freundschaft“ selbst nur als Pflichtprogramm gegenüber der Sowjetunion zu erfüllen. Wie sollte sie dann in der Gesellschaft ernst genommen werden, ums so mehr, da sie mit Tabus und Verboten einherging?
Die Beziehungen zwischen der DDR und Polen fanden besonders in den ersten Jahren nur auf politischer, später auch auf wirtschaftlicher Ebene statt. Zu Begegnungen zwischen den Menschen kam es nicht. Die Anerkennung der Grenze sowie die beschworene „Freundschaft“ waren demnach ausschließlich staatliche Veranstaltungen. Die Menschen brauchten und sollten sich nicht selbst damit beschäftigen. Die Lasten der Geschichte wurden unter den Teppich bzw. ins Nachbarzimmer, in Richtung BRD, gekehrt. Visionen für zukünftige Zusammenarbeit wurden nicht aus einer diskursiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entwickelt, sondern den repressiven Anweisungen Moskaus entnommen.
Die Widersprüchlichkeit der Politik, die sich vor allem in der abgeriegelten „Friedensgrenze“ zeigte, war nicht zu übersehen und sie sollte die nächsten vierzig Jahre die kommunistische Herrschaft und das Verhältnis zwischen der DDR und Polen prägen. Die „Freundschaft“ zwischen Polen und Ostdeutschen wurde auf sandigem Boden errichtet und die Voraussetzung für ein fortdauerndes Misstrauen gegenüber dem eigenen Nachbar war damit vorbestimmt.
Eine vollständige Begründung, warum sich Ostdeutsche und Polen 1991 immer noch nicht mochten, konnte hier leider nicht gegeben werden. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass der Neuanfang in den Beziehungen zwischen den sozialistischen „Bruderstaaten“ nach der erschütternden nationalsozialistischen Herrschaft keine Entscheidung freier Gesellschaften war und damit dem Begriff der „Freundschaft“ widersprach.

Anmerkungen und Literatur:

1Der Spiegel, 36/1991, S. 48-57. http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=13490600&aref=image036/2006/05/12/cq-sp199103600480057.pdf&thumb=false.
2Vgl.: Kerski, Basil/ Kotula, Andrzej/ Wόycicki, Kazimierz (Hg.): Zwangsverordnete Freundschaft? Die Beziehungen zwischen der DDR und Polen 1949-1990, Osnabrück 2003.
3Ebd.
4Malycha, Andreas: „Wir haben erkannt, daß die Oder-Neiße-Grenze die Friedensgrenze ist“. Die SED und die neue Ostgrenze 1945 bis 1951, in: Deutschland Archiv, 2/2000, S. 193-207.
5Erklärung des ZK der SED, Ostberlin, 19. September 1946, in: Pommerin, Reiner/ Uhlmann Manuela: Quellen Zu den deutsch-polnischen Beziehungen 1815-1991, Darmstadt 2001, S. 185.
Deklaration über die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und Polen am 5./6. Juni 1950 in Warschau, http://www.dra.de/online/dokument/2000/juni_bildtext.html.
Notiz des Presseattachés der Polnischen Militärmission, H. Meller, für die Auslandsabteilung des ZK der PPR, über das Gespräch der Vertreter der Polnischen Militärmission mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der SED, W. Ulbrich, über die politische Situation in Deutschland, die Haltung der SED zur polnisch-deutschen Grenze und die Zusammenarbeit der SED mit den polnischen Behörden, 15.3.1947, in: Kochanowski, Jerzy/ Ziemer, Klaus (Hg.): Polska – Niemcy Wschodnie. 1945-1990. Wybór dokumentów, Polska wobec Radzieckiej Strefy Okupacyjnej Niemiec. Maj 1945 – paźdernik 1949, Band 1, Warszawa 2006, S. 223.
Neues Deutschland, 5.7.1946, 18.9.1946, 3.11.1949.
6Der Begriff „Feind“ steht hier einerseits synonym für „Gegner“ im Krieg, bezieht sich andererseits auf die in der polnischen und deutschen Bevölkerung vorherrschenden ablehnenden Haltungen gegenüber dem jeweiligen Nachbarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Begriffe „Freund“ bzw. „Freundschaft“ entstammen der sozialistischen Propagandarhetorik und werden hier ausschließlich mit dieser Bedeutung verwendet. Sie werden deshalb in Anführungszeichen gesetzt.
7Vgl.: Bingen, Dieter: Die deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 5-6/2005, S. 9-17, hier S. 9f.
8Vgl.: Malycha, Andreas: „Wir haben erkannt, daß die Oder-Neiße-Grenze die Friedensgrenze ist“. Die SED und die neue Ostgrenze 1945 bis 1951, in: Deutschland Archiv, 2/2000, S. 193-207, hier S. 193f.
9Vgl.: Olschowsky, Burkhard: Die „Oder-Neiße-Friedensgrenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen“, in: Gil, Karoline/ Pletzing, Christian: Granica. Die deutsch-polnische Grenze vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, München 2010, S. 87.
10Neues Deutschland, 5.7.1946. Zitiert nach: Olschowsky, Burkhard: Die „Oder-Neiße-Friedensgrenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen“, in: Gil, Karoline/ Pletzing, Christian: Granica. Die deutsch-polnische Grenze vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, München 2010, S. 90.
11Erklärung des ZK der SED, Ostberlin, 19. September 1946, in: Pommerin, Reiner/ Uhlmann Manuela: Quellen Zu den deutsch-polnischen Beziehungen 1815-1991, Darmstadt 2001, S. 185.
12Neues Deutschland, 18.9.1946. Zitiert nach: Malycha, Andreas: „Wir haben erkannt, daß die Oder-Neiße-Grenze die Friedensgrenze ist“, S. 199.
13Vgl.: Malycha, Andreas: „Wir haben erkannt, daß die Oder-Neiße-Grenze die Friedensgrenze ist“, S. 196f.
14Vgl.: Behrends, Jan C.: Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln 2006, S. 264.
15Vgl.: Jacobsen, Hans-Adolf/ Leptin, Gert/ Scheuner, Ulrich/ Schulz, Eberhard: (Hg.): Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR. Bestimmungsfaktoren, Instrumente, Aktionsfelder, München/Wien 1980, S. 604.
16Notiz des Presseattachés der Polnischen Militärmission, H. Meller, für die Auslandsabteilung des ZK der PPR, über das Gespräch der Vertreter der Polnischen Militärmission mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der SED, W. Ulbrich, über die politische Situation in Deutschland, die Haltung der SED zur polnisch-deutschen Grenze und die Zusammenarbeit der SED mit den polnischen Behörden, 15.3.1947, in: Kochanowski, Jerzy/ Ziemer, Klaus (Hg.): Polska – Niemcy Wschodnie. 1945-1990. Wybór dokumentów, Polska wobec Radzieckiej Strefy Okupacyjnej Niemiec. Maj 1945 – paźdernik 1949, Band 1, Warszawa 2006, S. 223.
17Vgl.: Behrends, Jan C.: Die erfundene Freundschaft, S. 263.
18Vgl.: Olschowsky, Burkhard: Die „Oder-Neiße-Friedensgrenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen“, S. 91.
19Vgl.: Hartenstein, Michael A.: Die Oder-Neisse-Linie. Geschichte der Aufrichtung und Anerkennung einer problematischen Grenze, Frankfurt/Main 1997, S. 106f.
20Neues Deutschland, 3.11.1949. Zitiert nach: Ebd., S. 106.
21Vgl.: Olschowsky, Burkhard: Die „Oder-Neiße-Friedensgrenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen“, S. 92.
221948 ging die PZPR aus dem Zusammenschluss der Polska Partia Robotnicza (PPR) mit der Polska Partia Socjalistyczna (PPS) hervor.
23Zitiert nach: Tomala, Mieczyslaw: Deutschland – von Polen gesehen. Zu den deutsch-polnischen Beziehungen 1949-1990. Marburg 2000, S. 82.
24Vgl.: Tomala, Mieczysław: Eine Bilanz der offiziellen Beziehungen zwischen der DDR und Polen, in: Kerski, Basil/ Kotula, Andrzej/ Wόycicki, Kazimierz (Hg.): Zwangsverordnete Freundschaft?, S. 64.
25Vgl.: Tycner, Janusz: Im Wechselbad der Meinungen und Gefühle – Polen und Deutsche seit 1945, in: Deutschland und seine Nachbarn, hrsg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 2000, S. 86–129, S. 111f.
26Deklaration über die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und Polen am 5./6. Juni 1950 in Warschau, http://www.dra.de/online/dokument/2000/juni_bildtext.html.
27Vgl.: Behrends, Jan C.: Die erfundene Freundschaft, S. 263f.
28Vgl.: Olschowsky, Burkhard: Die „Oder-Neiße-Friedensgrenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen“, S. 91ff.
29Vgl.: Hartenstein, Michael A.: Die Oder-Neisse-Linie, S. 107f.

Über Tammer Teresa 16 Artikel
Teresa Tammer, geboren 1985 in Dresden, studiert Geschichte und Philosophie in Berlin. Seit 2007 ist sie Besucherreferentin in der Gedenkstätte Bautzen. Von 2005 bis 2006 machte sie einen Freiwilligendienst bei Memorial in St. Petersburg.

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