Alle haben alles zu verlieren: Bert Walthers kluger Kriminalroman Frühlingshass

Jede Zerstörung sendet ihre Vorzeichen aus, nur die meisten davon nehmen wir nicht wahr. Mit seinem Krimi „Frühlingshass“ schreibt Bert Walther ein spannend zu lesendes Verwirrspiel um Rachsucht und Gier, das im Januar 1990, mit dem gewaltsamen Tod eines Elfjährigen, s e i n e Vorzeichen sendet. Jene Zeit steht am Ende der friedlichen Osteuroparevolution des Jahres 1989 und bedeutet zugleich den Anfang ganz neuer Maßstäbe.

Nachdem im Gebiet des Warschauer Paktes „die Revolution der Massen“ tabula rasa mit jeder Art von sozialer Einmauerung machte, gibt es diesen Staatenverbund nicht mehr. Jedem steht es fortan frei, reich und glücklich zu werden. Auch im wiedervereinten Deutschland. Doch auch hier profitieren von der neuen Freiheit, wie bekannt, vor allem die Satrapen der gestürzte Nomenklatura. Wie in Brechts „Macki Messer“ laufen die wahren Geschäfte im Verborgenen. In der Öffentlichkeit wütet allein der Wettbewerb um Marktanteile als ein Kampf ohne Grenzen. Soweit zum Zeitmotiv in Walthers wirkungsträchtigem Roman.

Das Tatmotiv der Kriminalhandlung speist sich aus der Erkenntnis, dass selbst in der größten Freiheit das große Glück – oder hier: das neue große Glück – der anderen keineswegs grenzenlos verläuft, sondern von einer Minute auf die andere komplett zerstört werden kann.

Man sollte es sich eben dreimal überlegen, bevor man jemanden auf die Füße tritt. Auch ein noch so zurückliegendes, selbst unglücklicherweise geschehenes Unglück, kann den oder die Beteiligten Jahre später irreparabel einholen. Auch dann, wenn sie zum Tatzeitpunkt noch Kinder gewesen sind. „Je glücklicher du bist, um so weniger kostet es, dich zu Grunde zu richten“*.

Das ist der Stoff, aus dem Bert Walthers Figuren sind. Struktur und Spannungsbögen sind ganz hervorragend arrangiert. Nachwende Wetterleuchten dunkler Schicksalsschläge über Stuttgart, Zwickau, Strasbourg, Plauen und Poitiers.

Kinder, Mütter, Väter, Baulöwen, Architekten, Kuriere, Fußballstars, Penner, Punker – der Mörder findet seine Opfer überall. Oder gibt es etwa mehrere Täter? Geht hier ein Islamistisches Terrornetzwerk vor? Oder gibt es eher einen rechtsextremen Hintergrund?

Die ost – westdeutschen Ermittler der Kripo tappen lange Zeit im Dunkeln. Nur hin und wieder Licht. Die Personnage wirkt äußerst lebendig. In diesem Buch ist alles an seinem richtigen Platz. Manches ist, zugegeben, etwas huschig in der Ausführung. Mancher doppelte, dreifache Hinweis sollte in der 3. Auflage getilgt werden, aber bisher hatte noch jedes gute Buch auch seine weniger guten Seiten. Ich habe den Krimi gern gelesen und mag die Lektüre wärmstens empfehlen.

Bert Walther, Frülingshass, Kriminalroman, BEWAWABE-Verlag, 341 Seiten, 11 Euro. ISBN 978-3-00-021633-6

*Friedrich Hölderlin

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Axel Reitel
Über Axel Reitel 33 Artikel
Axel Reitel (*1961); 1982 Freikauf/Ausbürgerung; seit 1982 Hamburg, dann Westberlin; 1983 literarisches Debüt; 1985-1990 Studium (Kunstgeschichte/Philosophie); seit 1990 freischaffender Autor (u. a. Jugendstrafvollzug der DDR; Theorie vererbter Schuld); seit 2003 freier Mitarbeiter der ARD. Lebt in Berlin.

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