Anywheres versus Somewheres – Oder warum im Osten die AfD wächst

Abendhimmel, Foto: Stefan Groß
Abendhimmel, Foto: Stefan Groß

Ein Gespenst geht in Deutschland um – die AfD. Binnen kürzester Zeit hat es die Partei von Alexander Gauland und Alice Weidel geschafft, sich den Osten der Republik zu erobern. In einer Woche sind Landtagswahlen in Thüringen. Dort steht die AfD an zweiter Stelle hinter der Linkspartei und vor der Volkspartei CDU. Aber warum ist die Partei in den neuen Bundesländern so stark?

Der Aufstieg der AfD im Osten

Wenn im Jahr 2019 über 20 Prozent der Ostdeutschen die AfD wählen und damit der CDU und den übrigen Altparteien einen gewaltigen Schlag ins Rückenmark versetzen, mag das sicherlich seinen Grund nicht darin haben, dass das Gros der Ostdeutschen rechts ist oder rechtsradikal denkt, sondern zeigt, dass der Ostler eben nicht das Establishment wählt. Von diesem hat er die Nase gestrichen voll. 40 Jahre Zwangskollektivierung und Bevormundung passen nicht zu einem neuen Freiheitsbewusstsein, das die Rebellion quasi für sich in Anspruch nimmt. Und dieser Hang zu Rebellieren, zum offenen Aufstand, hat in den letzten 30 Jahren mehr an Geltungs- und Gestaltungskraft gewonnen als verloren.

Die frühe Hoffnung auf die CDU

Die ersten demokratischen Wahlen im Osten nach dem Aufbruch ins Ungeahnte, die der friedlichen Revolution der Kerzen folgte, hatten der CDU unter Altkanzler Helmut Kohl noch einen triumphalen Sieg beschert. Die maroden Fassaden, die desolate Infrastruktur, der Kohlegeruch als Brandzeichen eines sich verrauchenden Kommunismus waren verflogen. 1990 blühte das repressive Land auf, atmete den Odem der Freiheit – zum ersten Mal nach 1933 und 1949. Die bürgerliche Opposition, die lange Zeit ein Nischendasein im leisen Kampf gegen Diktatur und Unrecht führte, erwachte. Das Land, verdammt zum jahrelang verordneten Stillschweigen, entdeckte den politischen Geist, den Mut der Veränderung, die Kraft zum Neubeginn.

Wider den grünen Zeitgeist

Parteien mit Alternativen standen plötzlich zur Disposition. Die einstigen Blockflötenparteien mit pseudodemokratischem Anstrich versanken in der Bedeutungslosigkeit. Einzig die CDU ist im Bewusstsein geblieben, stand sie doch für Wohlstand und blühende Landschaften. Charismatisch waren Politiker wie Bernhard Vogel oder Kurt Biedenkopf. Aber auch die ehemalige Blockflötenpartei SPD feierte mit Matthias Platzeck Konjunktur, während der grüne Ordnungs- und Verbotsgeist die Ostdeutschen von Beginn an lähmte. Zu viele Repressionen, Bevormundungen waren gerade denen suspekt, die sich davon emanzipieren wollten –Freiheit statt Verbotskultur grassierte damals durch die Gassen. Wie vor 30 Jahren stehen auch heute noch die Grünen für das, was man abgewählt hatte, für Maulkorb und Besserwisserei. Und selbst die Liberalen, der Neoliberalismus samt Laissez faire-Politik, rangierten nicht auf der Beliebtheitsskala im Osten im vorderen Segment, denn auch zu viel Freiheit führt, ganz wie Sören Kierkegaard einst schrieb, zu Angst. Joachim Gauck hatte dieses Phänomen jüngst auf den Punkt gebracht: „Populismus ist nicht zuletzt eine Antwort auf den Erfolg des Liberalismus.“

Anywheres versus Somewheres

Im Unterschied zu den westdeutschen „Anywheres“, den liberalen Weltbürgern, wie der Publizist David Goodhard sie nennt, verstehen sich der Ostdeutschen wohl eher als Sesshafte, als „Somewheres“, die sich mit Heimat und Scholle mehr als mit Globalisierung, Diversität und migrantischen Communities identifizieren. Und darum birgt eine offene Gesellschaft auch die Gefahr in die Depression und Repression zu fallen. Denn: „Jene offene, multikulturelle Welt, die den einen die Demokratie attraktiv erscheinen ließ und lässt, hat bei anderen Ängste und das Gefühl der Bedrohung ausgelöst.“ Wenn die Progressiven „zu weit vorauseilen, erst recht, wenn sie die Interessen relevanter Mehrheiten gering schätzen, aktivieren sie die Reaktion. Demokratie aber lebt aber von der Verständigung und der Toleranz unter den Verschiedenen. Wenn die Demokratie ihr Spielfeld nicht den Verschiedenen öffnet, beginnen die Unbeachteten oder Ausgeschlossenen die Spieler von der Zuschautribüne aus zu attackieren, oder sie verlassen sogar die Bühne“, schrieb Alt-Bundespräsident Gauck jüngst.

Der Ostdeutsche als Zuschauer

Der Ostdeutsche ist, wie es einst Hans Blumenberg mit einer Metapher beschrieb, der Zuschauer, der Weite und Unbekanntes fürchtete, dem das Zuhausein Hort von Behaglichkeit und – wie beim Griechen Hesiod – Glückseligkeit bedeutete. Während der Ostdeutsche den Schiffbruch fürchtet, lieber aus der Gemütlichkeitsecke das Drama verfolgt, riskiert der Westdeutsche mehr die Existenz, um durch den Verlust des Gewohnten eine qualitativ neue Freiheitserfahrung zu machen.

Diese verschiedenartige Sicht auf die Welt von Ost und West, von Anywheres und Someweheres, erklärte einst auch den politischen Drive zur LINKS-Partei im Osten. Paradoxerweise erlebte dabei genau die Partei, die SED-Nachfolgepartei PDS nun LINKE, eigentlich der Erzfeind genau jener, die ihren totalitären Staat selbst abgeschafft hatten, Hochkonjunktur. Sie stand jahrzehntelang für Repressalien, Überwachung, Gefängnis und Todesstrafe, für einen Überwachungsstaat, der mit perfiden Foltermethoden agierte, der Freiheit versprach, indem er die Freiheitlichen einsperrte. Für einen Staat, der ideologisierte, um mit erpresster Versöhnung dem Systemsozialismus Durchschlagskraft zu eben. Genau genommen war das System des Sozialismus nichts anderes als ein Gängelstaat, der die Freiheit einzelner zugunsten des Systemgedankens relativierte.

Der lange Weg gen Links

Nach der Einheit vor 30 Jahren drehte sich der Wind von der konservativen Kohl-Ära aber immer weiter gen links und die ehemaligen DDR-Bürger, die 1990 noch die Einheit samt Banane wollten, drifteten zur PDS. Denn diese galt als kritisches Bollwerk gegen das System von Neoliberalismus und Finanzkapitalismus, wo man die Verzweckung des Menschen nunmehr nicht mehr an die marxistisch-leninistische Ideologie gebunden sah, die Auflösung ins namenlose Kollektiv, sondern den emotionalen Ausverkauf an das Kapital witterte. Viele, die Arbeit und geistige Heimat verloren glaubten, goutierten nunmehr eine Politik, die sich Heimat, Gerechtigkeit und sozialen Frieden auf die Agenda schrieb – und die damit zum Sammelbecken für all die Abghängten und Wendeverlierer wurde.

Gerade weil die PDS und ab 2007 dann Die LINKE für Solidarität, Mitmenschlichkeit, soziale Gerechtigkeit und sozialen Frieden standen und weil sich die Partei als Anwalt des armen Mannes stilisierte, der sich durch die Irrungen und Wirrungen von Massenarbeitslosigkeit, neuer westdeutscher Bevormundung und Besserwisserei kämpfen musste, war es geradezu zwingend, dass man Gysi und Co. im Osten wählte. Denn etwas hatten die Ostdeutschen begriffen: Systeme bleiben anfällig für Gleichschaltung, mediale Vormundschaft und präferieren letztendlich nicht den einzelnen Menschen in seinem Hier- und Sosein, sondern fördern nur den Lobbyismus der Mächtigen. Dies galt eben auch für die CDU, die in der Wahrnehmung vieler Ostdeutschen nichts anderes als der fortgeführte Wille zur Macht mit anderen Inhalten war und ist.

Ostdeutsche Identitätsfindung?

Dass die Ostler im Jahr 2019 in ihrer blanken Opposition nun die AfD wählen, obgleich diese letztendlich eine Partei bleibt, die insgeheim die Reichen fördert, keineswegs so sozial ist oder das Soziale fördert, mag zur Schizophrenie ostdeutscher Identitätsfindung einerseits gehören, zeigt aber andererseits auch, dass das Vertrauen in die LINKE gesunken ist. „Wir sind jetzt Teil dessen, was die AfD als Altparteien bezeichnet“ und „Den Ausgegrenzten-Nimbus hat uns die AfD einfach weggenommen,“ so der kritische Befund von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow.

Die neue LINKE ist anders

Der moderne Linke repräsentiert nicht mehr den wertkonservativen Ossi, der einen kritisch-besorgten Blick nach Brüssel und auf die Migrationsfrage wirft, der heimatstolz und auf Werterhalt setzt, sondern der neue Linke ist der bürgerlich-gut situierte Großstädter samt Ökodenken, Bionade und dem Wunsch nach multikultureller Diversität. 400.000 Wähler hat die LINKE bundesweit an die AfD verloren. Und der Aufstieg der AfD hatte genau in dem Moment begonnen, in welchen die LINKE den Osten erst aufgegeben und dann nicht mehr verstanden hat. Solange sich die Parteispitze aus konservativen Ex-DDR-Funktionären speiste, passte die Linke zu ihren Wählern. Nun da Kipping und Co. auf Coolness, Weltrettung und Antifa setzen, hat sich die LINKE im Osten, wie Gregor Gysi einst bemerkte, zu Tode gesiegt. Für Viele ist die AfD einfach die bessere Linke, nicht weil sie links ist, aber auf brennende Sozialthemen setzt, die Migration verteufelt und dem Schein nach Gerechtigkeit predigt und damit das nationalkonservative Mobilisierungspotenzial im Osten bedient.

Die Richtungsverschiebung zur AfD hin erlebt selbst die Linke-Vorzeige-Ikone Gregor Gysi hautnah, der jüngst bekannte: „ Früher habe ich im Westen oft den Spruch gehört: Sie persönlich finden wir ja ganz in Ordnung, Sie sind nur in der falschen Partei!“ „Heute höre ich den Spruch auch im Osten.“

Quelle: The European

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Stefan Groß-Lobkowicz
Über Stefan Groß-Lobkowicz 2031 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur