Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst.

Wohin geht die fotografische Entwicklung?

Stuttgart, Kunstmuseum, Foto: Stefan Groß

Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst. Wohin geht die fotografische Entwicklung?, Kerber, Bielefeld/Berlin 2019, ISBN: 978-3-7356-0547-4, 58 EURO (D)

Anlässlich des Jubiläumsprogramms „100 jahre bauhaus“ untersucht dieser Band wie die experimentelle Bildsprache der Bauhäusler bis heute die Weiterentwicklung künstlerischer, insbesondere fotografischer Strategien beeinflusst. Schwerpunkt und historischer Bezugspunkt ist die Werkbundausstellung „Film und Foto“, die 1929/30 unter anderem in Stuttgart, Berlin und Zürich zu sehen war. Der bekannte Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy kuratierte damals jeweils einen Raum zur Geschichte und zur Zukunft der Fotografie. Dies ist das offizielle Begleitbuch zu einer laufenden Ausstellung, die hintereinander im NRW-Forum Düsseldorf, Museum für Fotografie Berlin und der Kunsthalle Darmstadt zu sehen ist. Das Buch ist gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erschienen

Die Werkbundausstellung „Film und Foto“ und das Neue Sehen wird im ersten Teil des Buches in Bildern und zwei Essays dargestellt. László Moholy-Nagy war einer der einflussreichsten Theoretiker des Neuen Sehens. Die Bildsprache des Neuen Sehens möchte festgefahrene Strukturen in Bezug auf Komposition und Beleuchtung, bzw. Belichtung der Fotografie auflockern. Anstelle dessen wird eine dynamische Ausrichtung postuliert, die sich dem gesellschaftlichen Fortschritt anpasst und diesen entsprechend zu dokumentieren vermag. 

Anfang der 1920er Jahre entwickelte sich der Wunsch, die gesellschaftlichen Umwälzungen optimistisch und dynamisch festhalten zu können. Das Neue Sehen, interpretiert die exakte Ausleuchtung der zeitgenössischen Fotografien als reizlose und fade Darstellung der Wirklichkeit. Man experimentiert man mit Licht und Schatten, was im Endergebnis häufig zu großen, schattigen Bildpartien führt. Kompositorisch legt sich das Neue Sehen auf keinerlei Regelungen fest. Vielmehr werden kreative Impulse auf abzubildende Sujets angewandt, um eine neue Interpretation des reproduktiven Moments in der Fotografie zu schaffen. 

Das Neue Sehen kann als ein sehr experimenteller Stil kategorisiert werden, der sich immer aufgeschlossen gegenüber neuen Impulsen gibt und sich nicht einheitlich präsentiert. Intention des Neuen Sehens ist es, die Fotografie von einem rein reproduzierenden zu einem produzierenden Medium zu erweitern. Hierbei kann ein didaktischer Ansatz ausgemacht werden: Der Betrachter muss zunächst an die neuen Abbildungsweisen herangeführt werden und sich über eine Perzeption mit dem Abgebildeten auseinandersetzen. Dafür werden ihm bekannte Sujets in unbekannter Darstellung präsentiert. 

Anschließend geht es um die Tradierung des Neuen Sehens in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart. Dies wird von einem Beitrag von Christoph Schaden eingeleitet, dann folgen Werke von zeitgenössischen Künstlern in einzelnen Kapiteln. Dies macht den Hauptteil des Buches aus. Dann werden Zukunftsperspektiven der fotografischen Entwicklung behandelt: Zwei theoretische Essays über die Frage, ob Kunst und Technik als eine Einheit verstanden werden kann und zur Rolle des Lichtes sowie zwei Kapitel über Fotografien von Studentinnen und Studenten der Hochschule Darmstadt und der Technischen Hochschule Nürnberg setzen sich damit auseinander. 

Ein Bericht über die Rekonstruktion der Ausstellung „Film und Foto“ von Kai-Uwe Hemken, die Biografien der Künstler findet man im Anhang, ein Literaturverzeichnis fehlt allerdings. 

Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.