Das Geheimnis des venezianischen Reichtums

Hochzeit mit dem Meer

Es war am Himmelfahrtstag des Jahres 1000, als Pietro Orseolo II., mit Sicherheit der mächtigste und vielleicht auch der weiseste aller venezianischen Dogen, mit einer gewaltigen Flotte die Stadt am Rialto verließ, um dem christlichen Vorposten Zara an der dalmatinischen Küste gegen die immer wieder plündernd und mordend aus den nahen bergen einfallenden Kroaten beizustehen. Der Prior von Zara, welcher formell auch den Titel eines Herzogs (Dux) von Dalmatien führte, hatte die Venezianer um Hilfe ersucht.

Pietro Orseolo unterwarf die Kroaten, ließ sich den Untertaneneid leisten und sicherte die gesamte Küste hinunter bis nach Ragusa für seine Republik. Als gefeierter Feldherr kehrte er bereits im Spätsommer nach Venedig zurück und ernannte sich selbst, als erbe des Priors von Zara, zum herzog von Dalmatien. Die obere Adria wurde damit zum ausschließlich venezianischen Gewässer. Die Inbesitznahme dieses Meeres und der angrenzenden Küsten wurde symbolisch am ersten Jahrestag des Beginns dieses Dalmatienfeldzuges – am Himmelfahrtstag des Jahres 1001 – vollzogen.

Die Ehe zwischen Venedig und der Adria hielt über 795 Jahre lang. Sie wurde Jahr um Jahr am Himmelfahrtstag – in guten wie in bedrohlichen Zeiten – erneuert.

Wie diese Hochzeit mit dem Meer vollzogen wurde, schildert folgender Bericht:

„Kaum war der von allen ungeduldig erwartete Himmelfahrtstag angebrochen, begrüßte die ganze Nation mit Freudenrufen die ersten Strahlen dieses jungen Tages, der Glanz erhalten sollte durch die Erneuerung des feierlichen Herrschaftsaktes, bei welchem sich die Königin der Adria durch keusche Bande mit dem Meer vereint und so durch die Zeremonie eines heiligen Mysteriums ihre absolute Hoheit über das unbezähmbare Element manifestierte.

Sobald sich die verantwortlichen Schiffsführer vergewissert hatten, daß kein Unwetter die Freude des Festtages zu stören drohte, trafen sie schleunigst alle notwendigen Vorbereitungen für die Abfahrt.

Der Doge begab sich in Begleitung der Botschafter und der wichtigsten Würdenträger der Republik, geleitet vom Admiral und anderen prächtig gekleideten Chargen, auf das Schiff. Der prachtvolle Bucentoro löste sich dann von der Piazetta, wo er festgemacht hatte. Gefolge und Geleit bot ihm eine Vielzahl anderer, kleinerer Barken. Die ganze Lagune wurde nun mit einem Schlag zu einer mit eleganten Gondeln, Booten und schiffen geschmückten Riesenfläche. Die Fahrzeuge strotzten von Gold, Purpur, Draperien und Schnitzwerk. Hier erstrahlten Genie und Kunstfertigkeit der besten venezianischen Künstler. Vor dem Arsenal angekommen, gegenüber einer kleinen Kapelle, wo ein wundertätiges Bild Unserer Lieben Frau verehrt wurde, grüßten die Ruderer nach Galeerenbrauch die ruhmreiche Jungfrau, die Beschützerin Venedigs.

Seine Hochwürden, der Patriarch, erwartete den Bucentoro indessen auf der Insel Santa Elena im Kloster der Mönche von Monte Olivetta. Sobald das große Schiff in Sichtweite der Insel kam, bestieg der Patriarch im bischöflichen Ornat, begleitet vom Klosterkapitel und vom gesamten Klerus der San-Pietro-Kathedrale, ein Flachboot mit Goldbeschlägen und fuhr dem Schiff entgegen. Unterwegs sangen die Priester Psalmen und Gebete, während der Patriarch ein großes Wassergefäß weihte, welches dann ins Meer entleert wurde.

Wenn der Bucentoro dann die Lido-Einfahrt passiert hatte und die Zeremonie der Ringweihe vorgenommen war, öffnete sich das Fenster, welches der Thronrückwand entsprach, unter den Freudenschreien der Menge. Hervor kam die Hand des Dogen, der einen kostbaren Ring – das Unterpfand der gegenseitigen Bindung – mit den Worten

>Mare noti ti sposiamo in segno del libero dominio sopra di te<

zu deutsch

>Meer, wir vermählen uns mit dir

zum Zeichen unserer unbegrenzten Herrschaft über dich<

ins Wasser warf.

So wie aus der Treue und der gegenseitigen Liebe der Eheleute frieden und Wohlstand erwachsen, sollte aus der engen Verbindung Venedigs mit dem adriatischen Meer seine natürliche Größe hervorgehen und stets weiter wachsen.

Nachdem so die alte Macht neu bekräftigt war, nahm die Bootsmenge, die den Bucentoro begleitete, wieder Kurs auf den Lido, wo sich seine Durchlaucht und das gesamte Gefolge an Land begab und in der San-Nicolo-Kapelle der Mönche von Monte Cassino die vom Abt des Klosters zelebrierte Pontificalmesse hörten. Danach bestiegen alle wieder das Schiff und kehrten zum Abfahrtsort zurück. Ein prachtvolles Gastmahl, zu dem der Doge all jene einlud, die der Zeremonie beigewohnt hatten, beschloß dieses wahrhaft nationale Fest.

Eigens für diese ganz besondere Zeremonie – im Volksmund „Sensa“ genannt – hatten die Venezianer eine prachtvolle Galeere erbaut – den bereits erwähnten „Bucentoro“. Zumeist wird dieser Name von „buzina d’oro“, dies heißt „Goldene Barke“ hergeleitet.

Das erste Schiff dieses Typs wurde 1177 gebaut und in Dienst gestellt. Es diente ausschließlich Repräsentationszwecken.

Nach einem 18 lange Jahre andauernden Schisma, an dem ganz Europa und sogar Byzanz unter zwei rivalisierenden Päpsten beteiligt waren, gelang es dem Geschick venezianischer Diplomatie während der Amtszeit des Dogen Sebastiano Ziani, die beiden Hauptkonthrahenten des Konfliktes – Papst Alexander III. und den Kaiser Friedrich I. Barbarossa – miteinander auszusöhnen.

Am 23. März 1177 kam der Papst an Bord des neuen Staatsschiffe nach Venedig und am 14. Juli folgte ihm dann der Kaiser. Unter dem Dröhnen aller Glocken, Jubelchören und Posaunengeschmetter beugte der stolze Friedrich I. Barbarossa dann sein Knie vor dem Stellvertreter Christi auf Erden und umarmte anschließend den Papst zum Zeichen seiner Freundschaft. So geschehen zu Venedig auf der Piazza von San Marco.

Dem legendären ersten Bucentoro folgten weitere Prunkschiffe gleichen Namens – niemals größer als das erste Staatsschiff, jedoch immer reicher mit Schnitzwerk und Gold versehen.

Der letzte und zugleich wohl prunkvollste Bucentoro wurde im Jahr1727 durch den Dogen Aloysio Mocenico in Auftrag gegeben. Unter Leitung des bekannten Schiffsbaumeisters Stefano Conti und des Bildhauers Antonio Coradini wurde das anspruchsvolle Projekt verwirklicht. Dieser Bucentoro hatte eine Länge von etwa 35 m und eine Breite von ca. 7 m. Insgesamt 168 Ruderer – alles ausgewählte junge Männer des Arsenals – bedienten vom unteren Deck aus jeweils zu viert die 21 Riemenpaare.

Das Oberdeck war den höchsten Edlen der Republik und den Senatoren vorbehalten. Am Heck stand – sichtbar erhöht – der Thron des Dogen.

Die Aufbauten dieses Bucentoro waren über und über vergoldet und mit reich geschnitzten Skulpturen verziert. Auf dem Bugspriet wachte der Löwe von San Marco. Gleich dahinter erhob sich eine Figurengruppe, welche die „Gerechtigkeit“ darstellen sollte. Bezeichnenderweise war die Skulptur der „Gerechtigkeit“ in die Amtsgewänder des Dogen gehüllt. Ihr zur Seite kniete der „Frieden“ mit Ölzweig und Taube. Putten mit Füllhörnern sollten Überfluß symbolisieren, während Tritonen mit Muschelhörnern weithin vom Ruhme Venedigs kündeten.

Die Decke des Großen Saales auf dem Bucentoro schmückten Reliefdarstellungen der Monate, der Tag- und Nachtstunden sowie insgesamt 32 Figuren der Tugenden und Künste, als da waren:

Treue, Wahrheit, Vaterlandsliebe, Lernen, Erziehung, Mut, Ehre, Wachsamkeit, Frömmigkeit, Reinheit, Weissagung und Sittsamkeit, Gerechtigkeit, Kraft, Demut, Mäßigung, Wissenschaft, Gewogenheit, gute Tat, Vorbestimmung, Barmherzigkeit, Glaube, Keuschheit, Symmetrie, Geodäsie, Geographie, Navigation, Geometrie, Bildhauerkunst, Architektur, Malerei, Idee, Chirurgie, Astrologie, Medizin und Pracht.

Wie nichts anderes sonst symbolisierte dieser letzte Bucentoro zugleich Höhepunkt und Untergang der Republik von Venedig.

Nach mehr als 70 Jahren Staatsdienst ereilte ihn ein ebenso ehrloses Ende wie die Republik, deren Zeichen er war.

Unter dem Druck der vorrückenden französischen Revolutionsarmee, die seit April 1796 mit der Eroberung Norditaliens befaßt war, berief Ludovico Manin – Venedigs letzter Doge – für den 12. Mai 1797 den Großen Rat ein. Von dessen 1.600 Mitgliedern hatten sich gerade einmal 573 versammelt. Der Doge trug zitternd die französischen Forderungen vor und bat den Rat, diesen zuzustimmen. Mit 520 gegen 20 Stimmen wurde das endgültige Todesurteil über die Serenissima gesprochen. Es heißt, daß der Doge darüber in bitterliche Tränen ausgebrochen sei und sich noch auf dem weg zu seinen Privatgemächern die Zeichen seiner Würde heruntergerissen habe.

Doch erst im Oktober 1797 rückten die französischen Truppen tatsächlich in Venedig ein. Am 9. Januar 1798 dann wurde das Arsenal Venedigs auf Befehl Napoleons zerstört. Von der Plünderung besonders betroffen war der reich geschmückte Bucentoro. Die zerlumpten französischen „Revolutionssoldaten“ raubten an Gold und Verzierungen, was nicht niet- und nagelfest war, bevor sie das Staatsschiff in einem Winkel des Arsenals verrotten ließen.

Nach dem Untergang des Kaiserreiches erklärte der Wiener Kongreß zwar lautstark, daß dafür gesorgt werden solle, die Zustände erneut herzustellen, welche vor der Zeit Napoleons geherrscht hatten. Diese Maßgabe galt aber dann nicht, wenn die Sieger selbst Verwendung für Teile des zerschlagenen Imperiums zu haben glaubten.

Habsburg hatte Verwendung für Venedig und annektierte den Stadtstaat kurzerhand. Es sei den Österreichern zugute gehalten, daß sie sich in den 55 Jahren, in den Venedig unter ihrer Oberhoheit stand, eifrig, redlich und teilweise sogar sehr erfolgreich bemühten, die Wirtschaft der doch arg angeschlagenen Serenissima wieder in Schwung zu bringen.

Anderseits begingen sie aber auch haarsträubende diplomatische Fehler, welche die stolze Bevölkerung gegen ihre neuen Herren aufbrachte. Dazu zählte nicht nur das verrufene System des Ministers Metternich mit seiner Geheimpolizei, den allgegenwärtigen Spitzeln und Denunzianten – sondern vor allem auch die ebenso absurde wie taktlose Idee, ausgerechnet den Bucentoro in ein Staatsgefängnis zu verwandeln.

Im Jahr 1848 dann war das Maß voll. Das Feuer der Revolution machte auch vor Venedig nicht halt. unter dem jüdischen Advokaten Daniele Manin wurde erneut die Republik von San Marco ausgerufen. Am 22. März 1848 zogen sich die Truppen der Habsburger eiligst aus Venedig zurück. Noch einmal schien die Serenissima aufzublühen.

Doch das Glück der jungen Republik war nur von kurzer Dauer. Im Jahr 1849 kamen die Österreicher zurück – mit schwerer Belagerungsartillerie und überlegenen Truppen.

Aber das hier waren nicht mehr die zaudernden und ängstlichen Venezianer von einst, die dem General Buonaparte vorschnell die Tore ihrer Stadt geöffnet hatten – diesmal waren sie entschlossen, sich zu verteidigen und ließen es auf eine Belagerung ankommen.

Immerhin zwei Monate widerstand die venezianische Bürgerwehr den weit überlegenen Truppen der Österreicher. Erst am 30 August 1849 marschierten diese erneut in die Stadt am Rialto ein.

Zu den ersten Amtshandlungen der Sieger gehörte die völlige Zerstörung des Bucentoro, der abgebrochen und verbrannt wurde. Nichts sollte mehr an die einstige Größe und den Einfluß der Serenissima erinnern.

Als die verbrannten Reste des Bucentoro im Wasser des Rialto versanken, erlosch Venedigs Ehe mit dem Meer ebenso endgültig wie die Unabhängigkeit der Republik, die das eigentliche Geheimnis des venezianischen Reichtums war.

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Über Thomas Ritter 106 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.