DAS KÜNSTLERHAUS PRÄSENTIERT DRAWING IN STONE – Ausstellung der israelischen Künstlerin RONI BEN ARI

Steine sind die Protagonisten der Schau, die das Münchner Künstlerhaus bis zum 31. Juli in seinem eleganten Kunstkabinett präsentiert.



Steine auch in ihrer symbolischen Dimension, nicht zuletzt auch in der jüdischen Tradition. Nicht Blumen, sondern Steine werden in der Tat auf jüdischen Gräbern gelegt… man denke nur an die letzte unvergessliche Szene aus Spielbergs „Schindlers List„ …


Blumen spenden mit ihren Farben und Düften gewiss einen momentanen Trost. Sie verschönern, verzieren, schmücken. Ihre Dauer ist aber vorübergehender, ephemerer Natur. Blumen sind nämlich auch ein Sinnbild für Vergänglichkeit.


Steine tragen aber einen Hauch von Ewigkeit in sich.
Steine werden in Roni Ben Aris Fotoschau zur Metapher einer unendlichen Reise durch Winde und Länder, von einem
Ort zum anderen.

Steine als kleine, in sich geschlossene Einheiten, die-einmal in winzigen Bruchteilen zerschlagen -in einer anderen Form weiter existieren. Steine wie Zellen, die– einmal halbiert, gevierteilt und in Tausendsteln zersplittert – sich vermehren und somit der Sterblichkeit trotzen. Inspiriert sind Roni Ben Aris Aufnahmen diesmal von einem Gedicht des polnischen Nobelpreisträgers Wislawa Szymborsa. So wie er versucht die Künstlerin an die Tür eines Steins zu klopfen, es „einatmen wie Luft“ ,um sein Geheimnis zu entschlüsseln. Und wie schon der Dichter muss sie schließlich erfahren, dass sie nur die Oberfläche des Steins kennenlernen wird, niemals aber seine Innenseite.“„Denn der Stein hat keine Tür.“

Roni Ben Aris Fotos erzählen – wie die Sequenzen eines Films – die verschiedenen Phasen eines langwierigen Umwandlungsprozesses. Ein Berg zerspringt durch eine mit Dynamit induzierte Explosion, dabei verliert er seinen eigenen Schatten und zerfällt in eine Myriade von Steinchen unterschiedlicher Größe, die imstande sind, etwas aus dem Nichts zu schaffen, was neue Perspektiven eröffnet.



Die jungfräuliche Landschaft eines jungen Landes wird in Richtung einer stetig wachsenden Wirtschaft projiziert, ihre Bürger erfreuen sich einer höheren Lebensqualität und sozialen Wohlstandes. Sozialer Wohlstand uneingeschränkt für alle, die mit ihrer Arbeit an der Entstehung des Neuen beteiligt sind. Die Fotos sind in einem am Westjordanland angrenzenden Gebiet entstanden, wo Israelis und Palästinenser seit nun 20 Jahren als Tagelöhner harmonisch miteinander leben und arbeiten.



Steine verkörpern in Israel auch den Inbegriff von Gewalt, u.a. von Gewaltausbrüchen gegen die eigenen Soldaten. Hier stehen sie aber eindeutig für Kooperation und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in Frieden. Menschen sind in den Bildern kaum zu sehen. Man erahnt aber ihre Präsenz. Als Eigner oder Betreiber jener Achterbahnen ähnelnden Anlagen, welche die Arbeit verrichten. Die Künstlerin fotografiert innerhalb eines Steinbruchs, in dem die zerbrochenen Steine auf Förderbändern, auf so große Höhe transportiert werden, bis sie auf einen stetig wachsenden Haufen herabstürzen.
Dabei lauscht sie der Stimme des berühmten Dichters Jehuda Amichai, der vor langer Zeit aus Würzburg nach Israel kam:

„Die Bäume wiegen sich im Winde
Und Steine fliegen aus allen vier Windrichtungen.
In alle vier Windrichtungen.
Aber die Erde fällt immer zurück auf die Erde.“
(Aus dem Gedicht: „Temporary Poem of my Time“.)
Die verrichtete Arbeit ist die Spur, die der Mensch hinterlässt. Eine reinmenschliche Spur. Zerstörung. Zersprengung. Keine Vernichtung.



Neuverwertung. Neuausrichtung. Neuentstehung. Aufbau.
Wie Phasen aus einem Menschenleben, wie Episoden aus der Geschichte eines Volkes. Es ist die Geschichte Israels, der moderne Staat, der aus der Wüste entstanden ist. Was uns Roni Ben Ari hier präsentiert, ist eine Schau, die mit ihrer hypnotisierenden Wirkung viele Rätsel aufwirft, je länger man sich in ihr vertieft. Und dennoch eine Schau, die eine klare Botschaft überbringt. Die Botschaft, dass Menschen ihr eigenes Schicksal schmieden können, falls sie es wirklich wollen.



Zwei Videoarbeiten ergänzen die Ausstellung und bilden weitere Facetten einer gesamten Komposition, die den Betrachter fesselt und oft auch ins Staunen versetzt. „Drawing Stone“ begleitet ihn mit seinem mitreißenden Rhythmus auf der Reise der Steine in Schwarz und Weiß, er führt ihn in ihre eigene Welt ein und trägt zum besseren Verständnis bei. Die sprechende Stimme ist die des namhaften israelischen Schriftstellers, Dichters und Historikers Isaac Neustadt.„Pop Rocks“ erzählt eine parallel laufende Geschichte. Dynamitkugeln, die – um sie zu kennzeichnen – rosa gefärbt wurden, stehen sich rosafarbenen Zuckerstreuseln gegenüber, die die Geburtstagstorte eines Kindes schmücken und sich später in Kaugummiblasen verwandeln. Ein Spektakel gewiss! Beide sind ansprechend. Beide bergen aber in sich ein zerstörerisches Potential. Die Dynamitkugeln verursachen Explosionen, die Zuckerstreuseln können mit den Farbstoffen, die sie enthalten, Gesundheitsschäden hervorrufen!

Roni Ben Ari ist Multimediakünstlerin und Fotografin, die sich Zeit ihres Lebens bevorzugt mitsozialkritischen Themen beschäftigt. Als bekannte Reporterin des israelischen Fernsehens hat sie schon manche Erlebnisse aus ihrem beruflichen Alltag in ihre parallel laufende künstlerische Laufbahn transponiert. In der Auswahl ihrer Themen spielt das Wort Empathie eine eminente Rolle. Empathie, die sich in ihre künstlerische Sprache reflektiert und aus einem inneren Bedürfnis entspringt, Betroffenheit zu zeigen. Ein Highlight unter ihren Projekten war die Ausstellung „Gypsies“ -, die sie im vergangenen Jahr im Museum Ramat Gan mit großem Erfolg zeigte. Zu sehen waren äußerst expressive Bilder, die sich wie eine Reportage aus Camps in Rumänien verfolgen lassen, wo Sinti-Familien Tag für Tag ihr schwieriges, aber wahrscheinlich nie langweiliges Leben meistern. Mit ihrer Kamera unterliegt Roni Ben Ari der Faszination des so genannten „fahrenden Volkes“, das für viele von uns im Westeuropa als Fremdkörper empfunden wird, während in anderen– wie z.B. in Rußland – als ein unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Kultur angesehen wird. Die Ausstellung mit einer Vielzahl von ausdrucksstarken Portraits von Kindern und Erwachsenen sowie von Innenansichten aus Zelten und Wohnwagen, ist eine Art Dankeschön der Künstlerin an das Volk, das Ihre in Rumänien geborene Mutter vor der Deportation ins KZ rettete. Es war ihr ein Bedürfnis zu sehen, wie sie in einem solchen Camp gelebt hatte.



Roni Beri Ari ist eine vielseitige Künstlerin, das Spektrum an Themen, mit denen sie in Berührung gekommen ist, mannigfaltig. Die journalistische Erfahrung hat sie sehr wahrscheinlich in dieser Hinsicht geprägt. Noch vor einem Monat eröffnete sie im polnischen Lodz eine Ausstellung, diesmal zum Andenken an ihren Vater, einen Textilfabrikanten aus Polen, der gezwungen war, sein Land in Richtung Palästina zu verlassen. Aus Teilen eines Webstuhls wob sie ein virtuell animiertes Muster, so wie ihr Vater Textilien in seiner echten Fabrik gewoben hatte. Daraus wurden schwebende Installationen aus Stoffen und Metallteilen, die die Phantasie der Zuschauer beflügelten und tiefe Eindrücke hinterließen.



Mit ihrem jüngsten Projekt „QUEST“ startete Roni Ben Ari vor einem Jahr eine neue Karriere als Kuratorin. Die Ausstellung, in der Fotografie und Keramik kombiniert werden, war vom Anblick alter Keramikobjekte im Museum Tel Aviv beeinflusst und wird derzeit im Open Museum of Photography in Tel-Hai gezeigt.


Eintritt frei. Anmeldung unter 089/59918414

www.kuenstlerhaus-muc.de
www.ronibenari.com

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Anna Zanco-Prestel
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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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