Das Olympia-Attentat, München 1972 – Chronik eines Versagens

Bereits im Inhaltsverzeichnis des kompakt und gut lesbar geschriebenen Buches offenbart Kellerhoff seine straffe Dramaturgie nach Art eines Drehbuchs für eine Dokumentation. Die inhaltliche Gestaltung, das vorweg, kann dem standhalten. Den chronologischen Ereignissen vorangestellt ist eine knappe, spannungsgeladene Schilderung des Überfalls arabischer Terroristen, die sich selbst als „palästinensisch“ apostrophierten und „Gruppe Schwarze September“ nannten, auf die Mitglieder der Olympia-Mannschaft aus Israel. Natürlich kann diese Geiselnahme, die als Blutbad enden sollte, nur als maximaler vorstellbarer Bruch aller völkerverbindenden Sitten und Bräuche verstanden werden. Das eherne Gesetz, ungebrochen seit der Antike, dass während der Olympischen Spiele Frieden zu herrschen habe, wurde 1972 gezielt und bewusst in den Schmutz getreten. Der moslemische Antisemitismus wurde auf grauenhaft brutale Weise an die Weltöffentlichkeit getragen.

Der Tabubruch war maximal, und entsprechend waren weltweit Aufmerksamkeit und Entsetzen. Die Bundesrepublik, aus historischen Gründen nach den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin auf Höchste um ihre israelischen Gäste besorgt, wurde perfide angegriffen. Doch die Terroristen zielten noch höher. Die Werte des Abendlandes, aus der griechischen Antike bis nach Europa tradiert, wurden insgesamt infragegestellt – aus heutiger Rückschau ist das evident. Das Verbrechen von München ist ein erstes Aufflackern eines „clash of civilisations“ nach Samuel Huntington, der bis heute Millionen von Toten fordert. Wer das Attentat von München niedriger hängen möchte, überblickt die weltweite Lage nicht. Doch was hat dieser große weltgeschichtliche Rahmen mit diesem Buch zu tun?

 

War es der Nahostkonflikt, aus dem heraus sich ein weltweiter Religionskrieg entwickelte, der heute von Pakistan bis Nigeria lodert? Wenn diese These stimmt, dann war München 1972 einer der ersten Schauplätze dieses Weltkriegs einer bestimmten Religion gegen fast alle anderen. Es ist eine Herausforderung, diese enorme Kriegserklärung an eine aus Christentum und Judentum erwachsene, demokratische Kultur – gemeinhin „westlich“ genannt – anhand eines örtlich und zeitlich sehr begrenzten Ereignisses zu schildern. Kellerhoff gelingt dies, ohne dass er direkte Schuldzuweisungen aussprechen müsste. Er legt in neutralem Ton die Fakten streng chronologisch geordnet nebeneinander und enthält sich jeder Wertung. Das ist eine Stärke dieses Buches. Wer indes über das Wesen des Islams informiert ist, denkt sich seinen Huntington dazu.

Streng chronologisch aufgebaut

Im Kapitel I schildert Kellerhoff anschaulich und kompakt, mit welcher Tatkraft und mit welch ruhigem Mut der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel die XX. Olympischen Spiele nach München holte. Ja, damals war mit der SPD noch etwas anzufangen – so möchten wir ausrufen. Ein wenig verkennt er die Rolle des aus Bayern stammenden Bundeskanzlers Ludwig Erhard. Das ist schade, denn die Rolle der Bonner Bundesregierung war speziell für die Finanzierung, aber auch für die Moderation gegenüber dem ursprünglichen internen Mitbewerber Berlin eminent wichtig.

Dann wartet Kellerhoff mit starkem Tobak zur Sicherheitslage auf. In seinem Kapitel II ist zu erfahren, dass die bayerischen Sicherheitskräfte unter dem Rubrum „Plan 21“ einen Angriff mordlustiger arabischer Terroristen auf wehrlose israelische Sportler skizziert hatten – indes: dieses Szenario wurde nicht ernsthaft durchgespielt. Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer solchen Situation wurde als zu gering erachtet. Dieses eindeutige Versäumnis ist besonders tragisch, weil es 1970 in München einen Anschlag auf ein jüdisches Altersheim gegeben hatte, bei dem sieben Menschen starben – allesamt Überlebende des Holocaust.

Ebenfalls seit 1970 gab es linksextremen, latent antisemitischen Terror in der Bundesrepublik – die RAF verbreitete Angst und Schrecken. Auch war 1972 bereits bekannt, wie gefährlich die Judenfeinde unter denen sind, die sich selbst „Palästinenser“ nannten – und heute noch nennen. Die Hintergründe zu derlei Phänomenen stehen bei Karl Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Und wie fatal im konkreten Fall ein schäbiger, kleiner Verräter wirken konnte, stellt der Autor an der Person des „Palästinenser“-Helfers von München, Willi Pohl, kalt und klar dar.

Unerhörte Spannung auch nach 50 Jahren

Die Dramaturgie Kellerhoffs folgt bewährten Mustern, ist aber zugleich sehr ausgeklügelt. Vor die Schilderung des Blutbads setzt er den Moment der fast unvergleichlich unbeschwerten Freude, den der Olympiasieg der erst 16jährigen Ulrike Meyfarth bedeutete – es war der 4. September 1972. Der letzte Abend der fröhlichen, ja, der glänzenden XX. Olympischen Spiele. Nachdem jedem Leser klar ist, was folgte, ist die Spannung, die in der Schilderung dieser Momente liegt, jedes Hitchcock-Krimis ebenbürtig.

Und doch ist es die nackte Realität. In den frühen Morgenstunden des 5. September begannen die Terroristen, ihr teuflisches Werk zu verrichten. Kellerhoff läßt kein Detail aus. Wie an einem Fernsehbildschirm verfolgen die Augen Abschnitt um Abschnitt, Seite um Seite. Die ausgeklügelte Dramaturgie, mit der dieses Buch angelegt ist – sie geht auf. Am Ende steht die Katastrophe, und Kellerhof lässt offen, ob sie vermeidbar gewesen wäre. Die Stärke seiner Neutralität bewahrt er sich bis zum Schluss.

Völlig nachvollziehbar sind Kellerhofs Schlussfolgerungen zu Schuld und Versäumnissen, die sich aus dem desaströsen Ablauf der Ereignisse ergeben. Abgewogen schließlich sein Urteil, dass die Sicherheitskräfte in und um München völlig überfordert waren, aber nicht bösartig gehandelt haben. Sehr zu loben ist schließlich, dass er in einem kurzen, knappen, aber faktisch starken Anhang mit Mythen und Legenden aufräumt, die sich um das Attentat bildeten – aus unterschiedlichen Ressentiments gegenüber Deutschland und den Deutschen heraus, aber deswegen nicht weniger erlogen. Und bis heute immer noch vielerorts geglaubt und weitererzählt. Karten, Schlagworte und Anmerkungen sind nützliche und wertvolle Ergänzungen für die sachliche, faktenbasierte und rundum fundierte Darstellung.

Das Fanal von München

Kellerhoff resümiert schließlich völlig zutreffend, das moslemische Attentat von München sei „für die kommenden Jahrzehnte so etwas wie der Maßstab politisch motivierter Gewalt“ gewesen. Erst der 11. September 2001, an dem arabische Terroristen die Region der US-Ostküste nutzten, insbesondere New York, um die westliche Welt erneut anzugreifen, bedeutet die nächste Eskalationsstufe in einem weltweiten Krieg, der als „Islam gegen den Westen“ interpretiert werden könnte. Und diese Einordnung ist eminent wichtig!

Unvorstellbar war es bis zum 5. September 1972, dass je wieder Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland in aller Öffentlichkeit durch Gewalt sterben würden. Moslemischer Antisemitismus hat dies wieder geschehen lassen. Dieses Buch ist ein mahnendes Beispiel für unsere heutige Gesellschaft, hierzulande und weltweit, denn die internationale Bühne – in diesem Fall „Olympia“ – war von den arabischen Angreifern ganz gezielt gewählt worden. Nicht vergessen sei, dass dieses Buch ein Denkmal für die Opfer des Terrors ist, für die Sportler aus Israel. Nicht eigens erwähnt werden muss die Empfehlung, doch sei sie hier explizit aufgeschrieben: Absolut lesenswert!

Kellerhoff, Sven Felix, Anschlag auf Olympia – Was 1972 in München wirklich geschah, Darmstadt 2022, geb. mit SU, 240 Seiten, 20 Illustrationen s/w, ISBN 978-3-8062-4420-5, 25 Euro.

Über Sebastian Sigler 26 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.