Das ungestillte Verlangen – Theaterakademie: Die Reihe „Oper am Klavier“ könnte ein Renner werden

Was Live Painting ist, weiß, wer schon mal Dieter Hanitzsch zusah, wie er eine Karikatur vor den Augen der Fernsehzuschauer entstehen ließ. Stefanie Bartko hat nicht Hantizschs Bekanntheitsgrad, macht ihre Sache als Live Painting-Künstlerin aber nicht minder famos. Wieder gewann der 38-jährige Regisseur Levin Handschuh die Dresdnerin, um zum nunmehr zweiten Mal eine „Oper am Klavier“ mit der Theaterakademie August Everding, diesmal im Gartensaal des Prinzregententheaters, in Szene zu setzen: des mährischen komponierenden Tuchhändlers Max von Oberleithner (1868 bis 1935) „Aphrodite“, 1912 uraufgeführt und sechs Jahre lang an der Wiener Hofoper gespielt.
Den Stoff, den der Bruckner-Schüler, ehrgeizig und eklektisch, vertonte – lieferte der Wiener Kritiker Hans Liebstöckl nach dem Roman des Pierre Louys von1886. Schönberg lehnte das Werk ab, das ihmweder kompositorisch noch von der antiken Handlung um die liebestoll-eifersüchtige „göttliche“ Hetäre Chrysis, die sich unwiderstehlicher als Aphrodite sah und die dieser hybride Dünkel das Leben kostete, gefiel. Diese wäre noch zu verkraften, wenn da nicht auch der schuldlose Demetrios hätte dran glauben müssen. Stirbt er aus Berufsethos, endet sie wegen ihres ungestillten Verlangens.
Erträglich machte Levin Handschuh die tonale Präsentation der mit Chrysis` Gifttrunk nach 75 Minuten endenden Story durch den feinen Einfall, sie Zug um Zug auf die Leinwand malen zu lassen. So entstanden poetische bis brutgetränkte Metaphern zur aufgeplusterten, prätentiösen Musik an zwei Klavieren (Joachim Tschiedel, Eva Pons). Sie spricht die Sprache der „Salome“ von Richard Strauss, wozu es über Louys eine Verbindung gibt: Ihm widmete Texter Oscar Wilde sein laszives Stück. – Aus dem perfekten Ensemble ragten Josephine Renelt (Chrysis) und, ganz entschieden, der 26-jährige Münchner Bariton Ludwig Mittelhammer (Demetrios) heraus. Nadja Steinhardt hatte als Berenike hochfahrende Momente. Die neue „Prinze“-Reihe „Oper am Klavier“ gewann durch diese Aufführung spürbar an Aufwind. Hoffentlich wird sie zur ständigen Einrichtung.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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