Deutschland und die Geschichte der „Russian Collusion“

Deutschlandfahne, Foto: Stefan Groß

„Conspiration“ oder zu Deutsch „Verschwörung“ ist strafbar, den Tatbestand der „Collusion“ – des „Zusammenspiels“ – gibt es jedoch in keinem Gesetzbuch der Welt. Trotzdem reichte der Verdacht der „Russian Collusion“ aus, um einen Sonderermittler zu berufen, welcher zwei Jahre lang gegen den Präsidenten der USA, Donald Trump, ermittelt hat. Für Erasmus von Rotterdam hingen beide Begriffe noch eng zusammen. „Justum bellum appelant, cum ad exhauriendam opprimendamque rempublicam principes inter se colludunt“ hatte er geschrieben, „pacem vocant cum in hoc ipsum inter sese conspirant.“ Also: „Wenn Fürsten zusammenspielen, um das Gemeinwesen auszusaugen und zu vernichten, dann nennen sie das einen gerechten Krieg – Frieden nennen sie es, wenn sie genau dasselbe conspirativ betreiben.“

Um die Geschichte der „Russian Collusion“ zu verstehen, müssen wir zu dem ereignisreichen Sommer vor neunzig Jahren zurückkehren. Am 30. Mai 1929 gewann die Labour Party die Parlamentswahl zum britischen Unterhaus, zum zweiten Mal in ihrer Geschichte. Ramsay MacDonald wurde wieder Premierminister, der fünf Jahre zuvor schon einmal aus dem Amt entfernt worden war, als er die Sowjetunion diplomatisch anerkennen wollte. Während dieser kurzen ersten Amtszeit war es seiner Initiative zu verdanken gewesen, dass auf der Londoner Konferenz von 1924 der Dawes-Plan unterzeichnet werden konnte, durch den Deutschland erstmals seit dem Versailler Vertrag wenigstens so etwas wie finanzielle Planungssicherheit erhalten hatte. MacDonalds neuerlicher Wahlsieg ließ viele Alarmglocken schrillen – namentlich in jenen Clubs der Londoner City, die im erst sieben Jahre zurückliegenden russischen Bürgerkrieg mit den „weißen“ Russen gegen die „roten“ zusammengespielt hatten. Es sollte noch schlimmer kommen als von ihnen befürchtet. Sydney Webb zog ins Colonial Office ein und mit ihm der Geist seiner Frau Beatrice. Das kinderlose Ehepaar hatte bereits mehrere Bücher und Artikel gemeinsam geschrieben, in denen sie sich lobend über Josef Stalin äußerten. Das Buch über die Geschichte der britischen Genossenschaftsbewegung, von Lenin persönlich ins Russische übersetzt, hatte Beatrice noch vor ihrer Ehe veröffentlicht. Schon Ende Juni merkte sie an, dass sie im Vorzimmer ihres Mannes zwar schon sehr viele jüdische Lobbyisten gesehen habe aber noch keinen einzigen Araber. Im Juli kam der 16. Zionistische Weltkongress in Zürich zusammen und erreichte nun die historische Einigung der beiden Fraktionen, die man seit Jahrzehnten vergeblich gesucht hatte – die Kräfte, die einer forcierten Einwanderung nach Palästina und der Gründung eines jüdischen Staates eher ablehnend gegenübergestanden hatten, wurden offenbar überzeugt, dass Eile geboten sei. Am 11. August wurde die Jewish Agency gegründet, während man jenseits der Grenze in Deutschland nichtsahnend den 10. Jahrestag der Weimarer Verfassung feierte. Noch vor ihrer Abreise erreichte die Kongressteilnehmer die Nachricht, dass Anhänger des militanten Mussolini-Bewunderers Vladimir Jabotinsky in Jerusalem am Tempelberg demonstriert hatten. Wenig später versammelten sich tausende bewaffnete Araber am Tempelberg. Darüber, ob der Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini das Massaker angeordnet hat, das sich wenig später in Hebron ereignete, kann nur spekuliert werden. Die jüdische Gemeinde wurde am 23. und 24. August vollständig vertrieben, 133 Mitglieder starben, die Überlebenden, die von ihren arabischen Nachbarn versteckt worden waren, flohen. Damit endete eine gemeinsame Geschichte der beiden Bevölkerungsgruppen, die seit der Ankunft der Araber im 7. Jahrhundert mit wenigen Unterbrechungen Bestand gehabt hatte.

Spekuliert wurde jedenfalls in Europa und Amerika gerade in jenen Tagen und Wochen sehr viel – zu viel, möchte man von der bequemen Position des allwissenden Nachgeborenen aus bemerken. Der Sommer 1929 neigte sich einem Herbst zu, den die gesamte Welt so schnell nicht vergessen sollte. Eine Woche nach dem Massaker von Hebron wurde nämlich klar, dass das Colonial Office den Großmufti weder einbestellt noch eine Erklärung von ihm verlangt hatte. Dafür meldete sich Clarence Hatry bei Montagu Norman an, dem Governor der Bank of England. Er spekulierte darauf, dass die Bank, die der Rothschild-Familie seit 1825 zu beträchtlichem Dank verpflichtet war, die letzten Geldmittel für sein gigantisches Projekt einer Zusammenfassung der gesamten britischen Stahlindustrie unter seiner Leitung bewilligen würde. Einen Namen wusste er schon: „United Steel“ sollte das Unternehmen heißen. Konkurrenz hätte es dann nicht mehr gegeben, dafür wahrscheinlich Fünf-Jahres-Pläne. Sein Eigenkapitalanteil betrug rund 10%.

Norman lehnte ab. Die Folgen müssen ihm klar gewesen sein, da Hatry ihn ja über die schiere Größe der Spekulation informiert haben muss. Am 3. September erreichte der Dow Jones den historischen Höchststand von 381 Zählern – dreimal so viel wie zehn Jahre zuvor. Hatry begann, ungedeckte Aktien herauszugeben. Zwar bewohnte er das ehemalige Haus des großen Nationalökonomen Ricardo, auf dessen Dach er einen swimming pool hatte bauen lassen, doch an dessen Sachverstand reichte der seine nicht heran. Ein aufmerksamer Clerk der Börsenaufsicht kam ihm auf die Schliche. Der Sog der hektisch an der Londoner Börse verkauften Aktien weitete sich immer mehr aus. Am Schwarzen Donnerstag, dem 29. Oktober, kam es zum Börsen-Crash in New York.

Wir wissen nicht, ob Ramsay MacDonald in den folgenden Jahren der Weltwirtschaftskrise jemals Kafkas „Schloss“ gelesen hat. Nachdem er 1931 dem auf ihm lastenden Druck nachgegeben, mit den Konservativen die „Regierung der Nationalen Einheit“ gebildet hatte und daraufhin aus der Labour Party ausgeschlossen worden war, hätte er die „kafkaeske“ Situation von K., dem Protagonisten des 1926 erschienenen Romanfragments, sicher verstanden. „Sie gehören nicht zum Schloss, Sie gehören nicht zum Dorf, Sie sind Nichts“, wird diesem mitgeteilt. Niemand spielte nach seinem Parteiausschluss mehr mit Ramsay MacDonald. Buchstäblich alle Menschen, mit denen er außerhalb seiner engeren Familie je freundschaftlich verkehrt hatte, wandten sich von ihm ab. Der Schwarze Peter der „Russian Collusion“ aber, des Zusammenspiels mit den „falschen“ Russen, wurde nun an die Franzosen weitergereicht. Als nächsten traf es Louis Barthou, der als Außenminister nicht nur maßgeblich für die Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund sich stark gemacht, sondern auch den Französisch-sowjetischen Beistandspakt von 1935 ausgehandelt hatte. Bevor er ihn unterschreiben konnte, wurde er Opfer eines Attentats – wie zwölf Jahre vor ihm der deutsche Außenminister Walther Rathenau nachdem er den Vertrag von Rapallo mit der sowjetischen Delegation ausgehandelt hatte. Pierre Laval, der den Vertrag als Barthous Nachfolger unterschrieb, wurde nicht durch einen Attentäter ermordet, sondern im Oktober 1945 standrechtlich erschossen. Bis dahin hatte auch Deutschland seine Erfahrungen mit der „Russian Collusion“ gemacht und gelernt, dass man da nicht nur beim Zusammenspiel mit den falschen Russen ertappt werden kann, sondern auch mit den „richtigen“ Russen zum falschen Zeitpunkt. Die Partei eines gewissen österreichischen Mussolini-Bewunderers, die im Sommer 1929 noch bei 3% gelegen hatte, wurde nach drei Jahren Weltwirtschaftskrise mit der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit beauftragt. Streng antisowjetisch agierend flogen dieser die außenpolitischen Erfolge nur so zu, von der Remilitarisierung des Rheinlands über den Anschluss Österreichs wurden bis zur Münchner Konferenz nahezu alle Gebietsverluste seit dem Ersten Weltkrieg wieder rückgängig gemacht. Die Stoßrichtung gen Osten kam allerdings ins Stocken, als Mitte März 1939 die Slowakei wider Erwarten nicht besetzt, sondern als unabhängig von Deutschland anerkannt wurde. Die Briten, ihrerseits bereits in Geheimverhandlungen mit Stalin, waren not amused und witterten „Russian Collusion“. Am 31.3.1939 beendete Chamberlain seine Appeasement-Politik, doch ein weiteres Mal bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen als Ende August der Deutsch-sowjetische Beistandspakt unterzeichnet wurde.

Sir Winston Churchill blieb es vorbehalten, 1946 ein ganz neues Kapitel der „Russian Collusion“ aufzuschlagen: die Selbstbezichtigung derselben. In seiner berühmten Rede in Fulton prägte er nicht nur den Begriff „eiserner Vorhang“ sondern beschuldigte sich selbst, leider zwischen 1941 und 1945 „Russian Collusion“ begangen zu haben. Die Zuhörer verziehen ihm, womit der Kalte Krieg offiziell eröffnet war. Noch vor dessen Ende begann Donald Trumps „Russian Collusion“ als er in seiner Eigenschaft als Immobilienmakler im Jahre 1988 Michail Gorbatschow in Manhattan traf, wo dieser Verbindungen zu amerikanischen Geschäftsleuten knüpfen wollte. Trumps Interesse an Gorbatschows bahnbrechenden Ideen der Glasnost und Perestroika scheint aber schon früher bestanden zu haben, zumindest lud er 1986 den Kardiologen Bernard Lown nach dessen Rückkehr aus Moskau zu sich in den Trump Tower ein und befragte ihn ausführlich über den sowjetischen Staatschef. Lown hatte diesen kennengelernt, nachdem er gemeinsam mit Gorbatschows Leibarzt Jewgenij Tschasow den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte.


„Nantes colludunt in aqua plumae“, dichtete Vergil – im Wasser umspielen sich, schwebend, die Federn…. Ist nicht der Mensch ganz Mensch nur da, wo er spielt, wie Friedrich Schiller sagte? „Tables have turned“ – die Seiten werden vertauscht bei der „Russian Collusion“, schrieb die „New York Times“ vor wenigen Tagen: die früheren Hexenjäger werden nun gejagt. Die Clintons wurden bisher noch nie der „Russian Collusion“ beschuldigt – Jelzin, Abramowitsch, Chodorkowski und Beresowski schienen 1990 genau die richtigen Russen zum richtigen Zeitpunkt gewesen zu sein, gerade wie Denikin, Kornilow, Koltschak und Wrangel anno 1920. Wie auch immer diese Gegenattacke des Trump-Lagers ausgehen wird, zwei Dinge stehen jedenfalls fest: 1. Die 1990er Jahre für die meisten Russen kein leichtes Spiel. Und 2.: Beim Krieg hört der Spaß auf. „Dulce bellum inexpertis“, wie Erasmus schrieb: Süß ist der Krieg nur für die, die ihn nie erlebt haben. Bleiben wir Inexperten, doch spielen wir weiter miteinander!

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Über Hansjörg Rothe 7 Artikel
"Dr. Hansjörg Rothe, geboren 1966 in Leipzig, niedergelassener Arzt in einer Dialysepraxis mit genetischem Labor in Sachsen, praktizierte als Krankenhausarzt für Innere Medizin und Nephrologie in England, Sachsen-Anhalt und Bayern, arbeitete in New York in der klinischen Forschung und hat einen Lehrauftrag für Bioanalytik an der Hochschule für Angewandte Naturwissenschaften Coburg. Er ist Mitglied der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Nephrologie, der Hippokratischen Gesellschaft Zürich und des Freien Deutschen Autorenverbandes Thüringen."