Kirchenschändungen in Frankreich – Doch Notre Dame wird auferstehen

Notre Dame, iankelsall, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Die Kathedrale bleibt Seele und Mittelpunkt

Notre Dame ist schwer geschlagen. Die Häuser auf der Ile de la Cité scharen sich, so scheint es, seit dem entsetzlichen Brand noch enger um die Mutter der Stadt, um die Kathedrale, deren Vorgängerbauten bis in spätrömische Zeit hinabreichen. Tief im Grund der Seine-Insel künden Steine, künden alte Gewölbe von 1.600 Jahren, die dieser Ort bereits gottgeweiht ist – geborgen und bewacht von Notre Dame, der ältesten Tochter Frankreichs, der Hüterin des petrinischen Rom in Gallia Transalpina. Für ihre Dignität, für ihre Würde, für ihre Kraft als Symbol der uralten, in der Antike wie im Christentum auf Gedeih und Verderb verankerten französischen Nation lieben die Menschen in Paris und in ganz Frankreich ihre Notre Dame. Ganz Europa, ja, die Welt schaut auf diese Kirche. Weder diejenigen, die in ihr eine Mutter des geistigen Europa sehen, noch diejenigen, deren Augen dafür blind sind, versagen ihr die Achtung, die Bewunderung.

Und nun ist sie wahrlich schwer geschlagen, fast schien sie verloren in der Nacht vom 15. auf den 16. April, diese Mutter Europa. Ihr Dachstuhl aus rund 1.300 ganzen Eichenstämmen, die teils noch im 12. Jahrhundert geschlagen worden waren, stand seit dem 13. Jahrhundert unzerstört – nun ging er fast zur Gänze in Flammen auf. Ein unwiederbringlicher Verlust. Menschen in Paris und auf dem ganzen Kontinent beteten ein Vaterunser nach dem anderen für Rettung der Westtürme – auch der Autor dieser Zeilen. Als der Morgen anbrach, stand Notre Dame noch. Von Osten, mit dem Licht, gemahnte der Mauerkranz ihres Chorhauptes, des Dachstuhls beraubt, an die Dornenkrone Christi, die darunter, im Kirschenschatz, als heiligste Reliquie bewahrt wird. Doch trotz aller Zerstörung wird eine vollständige Wiederherstellung möglich sein.

Die Struktur des heiligen Raumes gerettet

Am Morgen nach dem Brand war es endlich klar zu sehen: Die meisten Gewölbe des Hauptschiffs und des Transepts haben gehalten. Im Chor konnten sogar alle Gewölbe gerettet werden. Doch sie müssen gründlich untersucht und gesichert werden, denn Notres Dame ist aus Kalksteinen gebaut. Und Kalk glüht durch solch eine enorme Hitze, wie sie der Brand mit sich brachte, aus. Die behauenen Quader werden dann porös, werden instabil. Erschwerend kommt in der aktuellen Situation hinzu, dass alle Gewölbe mit Wasser vollgesogen waren, was ihr Gewicht um ein mehrfaches ansteigen ließ. Hier werden, wenn das Wasser nicht verdunstet oder entfernt werden kann, möglicherweise ganze Steinlagen aus den Gewölbezwickeln erneuert werden müssen.

Wichtiger noch ist es, dass die Kreuzrippen sowie die Dienste und Kapitelle, auf denen sie ruhen, ihre volle Funktionalität haben, denn sie sind neben den Säulen das Gerüst, das die diaphanen Wände als Gitterstruktur das gesamte Gebäude stabil hält. Zwar brach das Vierungsgewölbe ein, und die Bilder, die noch in der Brandnacht im Kircheninneren gemacht werden konnten, zeigen die klaffende, glühende Wunde, die Notre Dame hier erhielt. Glühende Balken und verflüssigtes Blei vom Dach stürzte hier und an weiteren Stellen des Hauptschiffs und des nördlichen Transepts auf den Marmorboden. Doch der weit überwiegende Teil der kreuzrippengewölbten Joche des Kirchenraumes blieb vorerst erhalten, weswegen die Wände auch nicht nach innen stürzten, was angesichts des Druck der äußeren Strebepfeiler andernfalls zu befürchten gewesen wäre. Dies ist ein großes Zeichen der Hoffnung. Falls die Gewölbe erhalten bleiben, was erst nach Wochen ganz sicher sein dürfte, ist viel gewonnen.

Weit über 900 Millionen Euro stehen für den Wiederaufbau der ältesten Tochter der Kirche Frankreichs bereit. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte, die Stadt werde sich mit 50 Millionen Euro am Wiederaufbau beteiligen. Die Region Ile-de-France kündigte zehn Millionen Euro an. Die beiden größten Luxusgüterkonzerne Frankreichs, LVMH und Kering, verpflichteten sich bereits, bevor alle Flammen gelöscht waren: Die Familie Pinault, die bei Kering für Marken wie Gucci und Saint Laurent steht, gibt 100 Millionen Euro. François-Henri Pinault erklärte noch in der Brandnacht, diese Tragödie treffe alle Franzosen, und in solch einer Situation wolle jeder mithelfen, „schnellstmöglich diesem Juwel unseres nationalen Kulturerbes wieder Leben einzuhauchen“. Am Dienstagmorgen versprach dann LVMH, für die Moët Hennessy und Louis Vuitton bekannt, man werde 200 Millionen Euro für den Wiederaufbaufonds geben. Die Besitzerfamilie Arnault ließ verlauten, sie wolle „nach dieser nationalen Tragödie ihre Solidarität zeigen“. Notre-Dame sei ein Symbol Frankreichs, seines kulturellen Erbes und seiner Einigkeit.

Der Wiederaufbau ist beschlossen

Es ist enorm wichtig, dass große Familien schnell und entschlossen ein Beispiel geben. Denn nach Expertenschätzungen sind es Milliardenbeträge, die benötigt werden, um der geistigen und geistlichen Mutter der Seinemetropole und des christlichen Westeuropa zur alten Schönheit und zu neuer Stabilität zu verhelfen. In fünf Jahren bereits soll der Wiederaufbau geschafft sein. Präsident Emmanuel Macron hat dies noch in der Brandnacht zu seinem persönlichen Projekt erklärt. Wenn 2024 die Augen der Welt auf Paris gerichtet sein werden, weil die Olympischen Spiele in Paris stattfinden, sollen in Notre Dame wieder Gottesdienste stattfinden.

Doch es geht um weit mehr als um Geld, es geht keinesfalls nur um ehrgeizige Aufbaupläne. Es geht um den Geist, den jeder Einzelne nur spirituell erfahren kann. Dazu sei hier eine Einladung ausgesprochen. Stellen Sie sich, liebe Leser, die Kathedrale Notre Dame vor. Schließen Sie die Augen, hören Sie innerlich, wie eine Glocke schlägt. Vielleicht spüren Sie, was der Autor diese Zeilen zuweilen spürt, wenn er eine Kathedrale betritt oder auch nur an sie denkt: Hier ist der Ort einer großer Ruhe, eines höheren Seins, einer höheren Vernunft, die aber keiner uns zugänglichen Rationalität gehorcht oder ihr verpflichtet ist. Es ist wohl das, was Menschen vom Himmel auf Erden spüren können. Es ist das, was von der Verheißung des Kommenden zu wissen möglich ist.

Kathedralen sind die Mütter der Kirchen, des Landes. Und deswegen reicht es auch, eine kleine mecklenburgische Dorfkirche oder einer der beiden erhaltenen Friedenskirchen in Schlesien zu betreten, um die mystische Erfahrung zu machen, dass hier der Himmel näher ist als an irgendeinem anderen Ort. Der Unterschied zu anderen religiösen Stätten – denen nichts von ihrer Ehrwürdigkeit abgesprochen sei – ist, dass in den Dorfkirchen, den Friedenskirchen, den Kathedralen die Botschaft der Liebe gepredigt wird. Die Liebe Jesu Christi. Die Liebe eines Gottes, der sich selbst als Mensch den Menschen gibt und der höchstselbst die Sünden aller Menschen durch den Tod am Kreuz büßt. Der Kommentator eines Blogs im Internet  hat dies in einer Leserzuschrift ganz wunderbar erspürt, als er über Notre Dame schrieb: „Sie war und ist auch noch in ihrer Zerstörung geronnener Geist von Jahrhunderten französischer und europäischer Geschichte. Die Kathedrale ist das Abbild eines Urbildes.“

Hunderte Kirchen erleiden Martyrium

Und Notre Dame erleidet nun, als wenn sie es stellvertretend für alle Kirchen in Frankreich täte, in dieser Karwoche 2019 ihr Martyrium, denn noch nie stand sie zuvor in Flammen. Doch viele andere Kirchen in Frankreich erleben in diesen Tagen Zerstörung und Schändung. Zuletzt, im März, traf es die zweitgrößte Kirche in Paris, S. Sulpice, deren große Tür angezündet wurde, wodurch auch eine Fensterrose und sehr wertvolle Fresken stark beschädigt wurden. Vera Lengsfeld weist ferner darauf hin, dass im Jahre 2017 allein in Frankreich 878 Kirchen, die Töchter der Kathedralen, Opfer von Attacken und Beschädigungen wurden. In den Silvesternächten 2015 und 2016 wurden schließlich in ganz Europa hunderte von Kirchen geschändet – die meisten davon übrigens in Deutschland. Was in den meisten Medien aber noch besser vertuscht wurde als das 1000-fache Sexualverbrechen auf der Kölner Domplatte und rund um den dortigen Hauptbahnhof. Wobei dieser weite Bogen zurückgeführt werden kann zu den Kulminationspunkten der Kultur, zu den Kirchen und von ihnen zu den Kathedralen.

Denn die Bedrohung ist da. Die Blicke richten sich in diesen Tagen auch deswegen speziell auf Köln, denn in diesen Tagen hat ein Islamist in einer Gerichtsverhandlung expressis verbis mit einem Anschlag auf den Kölner Dom gedroht. Und so war es denn, als ob sich eine mahnende Stimme erhöbe, ein Künden von der Passion, von den Zerstörungen in der Notre Dame, als am Mittag des 16. April die große Petersglocke des Kölner Doms zu sprechen begann. Als sie auch zu der Stunde, als tags zuvor der Brand ihre Schwester zu verwüsten begann, ihr langsames, bedeutungsvolles Geläut ertönen ließ. Mancher blieb stehen und hörte auf diesen Takt des alten, des christlichen Europa. Und verstand. Und wünschte sich die Sicherheit, wirklich glauben zu können, dass es wirklich nur ein Funken aus einem Schweißgerät eines Bauarbeiters war, der die älteste Tochter Frankreichs, der die Seele Europas so schwer verletzte.

Düstere Ahnungen sind es nämlich, die mit dem verfliegenden Rauch über die Ile-de-Cité ziehen. Am 12. April, drei Tage vor dem schrecklichen Brand, war eine IS-Sympathisantin von einem Pariser Gericht wegen diverser einschlägiger Straftaten verurteilt worden. Genau diese Frau ist Hauptverdächtige im Fall des knapp misslungenen Anschlags auf Notre Dame im Jahre 2016. Diese IS-Frau schrie unmittelbar nach dem Urteil gellend durch den Saal: „Notre Dame wird brennen!“ Drei Tage später brannte Notre Dame.

Was immer jedoch an Zeichen – oder Spekulationen darüber – geistern mag: Notre Dame in Paris wird in all ihrer Schönheit auferstehen. Die Gewölbe, die Balken des Dachstuhls, sie werden neu sein. Aber sie werden in das bestehende Heiligtum hineingebaut. Sie werden selbst zu Stücken dieses Heiligtums. Die Berührung mit dem Ort, mit den schon dort verbauten Steinen wird sie heiligen. Notre Dame steht noch. Zwar wie mit den Dornen vom Haupte Jesu Christi gekrönt, aber das Osterfest sicher erwartend.

Die Hoffnung lebt. Notre Dame steht noch. Das sollte allen, die an das christliche Europa glauben und in friedlicher Verschiedenheit dort leben wollen, große Kraft geben. Weit über die Karwoche 2019 hinaus, und allen Kirchenschändungen, allen Drohungen zum Trotz. Warum wir trotz der Zerstörung so vieler unwiederbringlicher Kunstwerke ohne diese Hoffnung nicht leben wollen, drückt das Schlusswort von Vera Lengsfeld aus: „Europa entstand, als es sich um 1000 ein weißes Kleid an Kathedralen zulegte. Es wird untergehen, wenn es seine Kathedralen, die symbolisch für sein christliches Erbe stehen, nicht schützt.“

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Über Sebastian Sigler 11 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.