Er galt als möglicher Kanzlerkandidat, überstand die milliardenschwere Maskenaffäre und kämpfte sich bis an die Spitze der Unionsfraktion zurück. Nun stolpert Jens Spahn ausgerechnet über eine Entscheidung, die er selbst lange politisch abgelehnt hatte. Nach tagelangen Vorwürfen der Doppelmoral legte der CDU-Politiker sein Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nieder.
Der Rücktritt kam schneller als erwartet
Berlin – Um 13.40 Uhr verbreitete der Nachrichtenticker von ZDFheute die Eilmeldung: Jens Spahn tritt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück. In einem Schreiben an die Abgeordneten von CDU und CSU erklärte der 46-Jährige seinen Rückzug. Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz sowie CSU-Chef Markus Söder hatte er zuvor über seine Entscheidung informiert. Damit kam Spahn einer für Montag angekündigten Beratung des CDU-Präsidiums zuvor.
Nach den ersten Berichten begründete Spahn seinen Schritt mit der inzwischen kaum noch zu beherrschenden Debatte über die Leihmutterschaft, durch die er und sein Ehemann Daniel Funke Eltern eines Sohnes geworden sind. Er habe kein Gesetz verletzt, sehe aber eine immer größere Kluft zwischen seiner privaten Entscheidung und seiner politischen Verantwortung. Sein Bundestagsmandat gab Spahn nicht zurück. Auch ein Rückzug aus dem CDU-Präsidium oder aus seinen regionalen Parteiämtern wurde zunächst nicht bekannt. Der Rücktritt betrifft damit vorerst allein den Vorsitz der Unionsfraktion. Ein Nachfolger stand am frühen Samstagnachmittag noch nicht fest.
Das Wort vom „jähen Ende“ bezeichnet deshalb zunächst das Ende Spahns an der Fraktionsspitze, nicht zwingend das Ende seiner gesamten politischen Laufbahn. Doch für einen Mann, dem seit Jahren Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt wurden, ist der Verlust eines der mächtigsten Ämter im Bundestag ein tiefer Absturz.
Vom Bankkaufmann zum jüngsten CDU-Abgeordneten
Jens Georg Spahn wurde am 16. Mai 1980 in Ahaus geboren und wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern im Dorf Ottenstein im Westmünsterland auf. Nach dem Abitur an der Bischöflichen Canisiusschule absolvierte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Westdeutschen Landesbank in Münster. Später studierte er neben seiner parlamentarischen Arbeit Politikwissenschaft an der Fernuniversität Hagen und schloss das Studium zunächst mit einem Bachelor, 2017 mit einem Master ab.
Seine politische Karriere begann ungewöhnlich früh. Spahn trat 1995 in die Junge Union und zwei Jahre später in die CDU ein. Bereits 1999 saß er im Rat seiner Heimatstadt Ahaus. Bei der Bundestagswahl 2002 gewann er im Alter von 22 Jahren das Direktmandat im Wahlkreis Steinfurt I – Borken I. Er war damals der jüngste Abgeordnete der Unionsfraktion und verteidigte seinen Wahlkreis anschließend bei jeder Bundestagswahl.
Im Parlament spezialisierte er sich auf Gesundheitspolitik. 2009 wurde er gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Von 2015 bis 2018 arbeitete er als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Wolfgang Schäuble. Im März 2018 berief Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn zum Bundesgesundheitsminister. Spahn war damals der jüngste Minister im Kabinett Merkel IV.
Politisch beschrieb er sich selbst als liberal-konservativ. Andere sahen in ihm einen kalkulierenden Provokateur, der Auseinandersetzungen nicht nur hinnahm, sondern gezielt suchte. Im Dezember 2018 kandidierte er gegen Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer für den CDU-Vorsitz. Mit knapp 16 Prozent schied er im ersten Wahlgang aus, hatte sich aber endgültig als bundespolitisches Schwergewicht etabliert. Von Januar 2021 bis Januar 2022 war er stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender.
Nach dem Ende der Regierung Merkel verlor Spahn im Dezember 2021 das Gesundheitsministerium an Karl Lauterbach. Er blieb jedoch in der ersten Reihe, wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender und rückte nach der Bundestagswahl 2025 an die Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Erst im Mai 2026 war er mit 86,5 Prozent für weitere drei Jahre bestätigt worden. Zwei Monate später ist diese Amtszeit beendet.
Die Maskenaffäre blieb an ihm haften
Seine prägendste und zugleich umstrittenste Zeit erlebte Spahn während der Corona-Pandemie. Unter seiner politischen Verantwortung beschaffte das Bundesgesundheitsministerium nach Darstellung des Wikipedia-Artikels insgesamt 5,8 Milliarden Masken. Der Bundesrechnungshof sprach später von einer massiven Überbeschaffung und bezifferte die damit verbundenen Ausgaben auf ungefähr sieben Milliarden Euro. Allein im sogenannten Open-House-Verfahren kamen innerhalb weniger Tage Verträge mit einem Volumen von mehr als 6,4 Milliarden Euro zustande.
Der zugespitzte Begriff „Masken-Dealer“ darf dabei nicht falsch verstanden werden. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Spahn persönlich Masken verkauft oder sich an den Geschäften bereichert hätte. Die polemische Bezeichnung zielt auf seine politische Verantwortung für eine Beschaffung, die vom Bundesrechnungshof als ineffizient und unwirtschaftlich kritisiert wurde und den Bund mit langwierigen Gerichtsverfahren und möglichen Nachzahlungen belastete.
Besonders schwer wogen die Feststellungen des sogenannten Sudhof-Berichts. Die Sonderermittlerin Margaretha Sudhof war nach der im Wikipedia-Artikel wiedergegebenen Darstellung zu dem Ergebnis gekommen, dass durch die Maskenbeschaffung möglicherweise ein Schaden in Milliardenhöhe entstanden sei. Kritisiert wurde unter anderem die Beauftragung des Logistikunternehmens Fiege, das wie Spahn aus dem Münsterland stammt. Spahn musste sich deshalb im Juni 2025 im Haushaltsausschuss des Bundestages erklären. Oppositionspolitiker warfen ihm Machtmissbrauch vor und forderten bereits damals seinen Rücktritt.
Zu einer strafrechtlichen Anklage kam es nicht. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin stellte ein Verfahren im Zusammenhang mit den Maskenkäufen im März 2026 ein, weil keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Straftat vorlagen. Dieser Hinweis gehört zwingend zu einer fairen Darstellung der Affäre. Politisch blieb die Beschaffung dennoch mit Spahns Namen verbunden.
Privates Leben und öffentlich vertretene Moral
Spahn ist römisch-katholisch, war als Jugendlicher Ministrant und sprach wiederholt über die Spannung zwischen seinem Glauben, seiner Homosexualität und der Haltung der katholischen Kirche. Im Jahr 2017 heiratete er Daniel Funke, der lange für die Burda-Mediengruppe tätig war und seit 2025 im Bereich Public and Corporate Affairs für Peek & Cloppenburg arbeitet.
Am 15. Juli 2026 machten Spahn und Funke öffentlich, dass sie Eltern eines Sohnes geworden sind. Das Kind war in den USA von einer Leihmutter ausgetragen worden. Nach den veröffentlichten Angaben ist Funke der biologische Vater. Die Freude über die Geburt wurde jedoch innerhalb weniger Stunden von einer politischen und ethischen Debatte überschattet.
Der entscheidende Punkt war nicht Spahns Homosexualität und auch nicht die Tatsache, dass zwei Männer ein Kind großziehen wollen. Die Kritik entzündete sich an der Leihmutterschaft. Die ärztliche Durchführung und Vermittlung einer Leihmutterschaft sind in Deutschland untersagt. Zugleich hatte sich die CDU auf Parteitagen gegen eine Legalisierung ausgesprochen. Auch Spahn selbst hatte diese Position in der Vergangenheit vertreten.
Spahn verteidigte sich mit einer juristischen Differenzierung. Es sei in Deutschland nicht verboten, durch eine im Ausland vorgenommene Leihmutterschaft Eltern zu werden. Verboten seien die medizinische Durchführung und die Vermittlung innerhalb Deutschlands. Zudem verwies er darauf, dass Entscheidungen ausländischer Gerichte über die Elternschaft unter bestimmten Voraussetzungen von deutschen Gerichten anerkannt würden.
Politisch löste diese Argumentation das Problem nicht. Den Kritikern ging es weniger um die Frage, ob Spahn persönlich eine Straftat begangen hatte. Sie warfen ihm vor, die Möglichkeiten seines Geldes und seiner internationalen Kontakte genutzt zu haben, um im Ausland etwas zu verwirklichen, das seine Partei den Menschen in Deutschland aus ethischen Gründen untersagen will.
Wer Spahns Rücktritt forderte
Der CDU-Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, erklärte Spahn für nicht mehr tragbar. Ein Fraktionsvorsitzender habe eine besondere Vorbildfunktion. Spahn habe sich nach Peters’ Auffassung bewusst über die in Deutschland geltenden Wertentscheidungen hinweggesetzt und könne nicht als Privatmann das Gegenteil dessen tun, wofür er als führender CDU-Politiker eintrete.
Auch der CDU-Stadtverband Brilon aus der politischen Heimat Friedrich Merz’ verlangte Spahns Rückzug. In einem offenen Brief hieß es, das notwendige Vertrauen in den Fraktionsvorsitzenden sei nachhaltig beschädigt. Sein Verhalten stehe in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis zu den Überzeugungen, für die die CDU seit Jahrzehnten eintrete.
Der frühere Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach legte Spahn den Rücktritt ebenfalls nahe. Es sei hochproblematisch, wenn bei den Bürgern der Eindruck entstehe, für Politiker würden andere Regeln gelten. Ein Rücktritt, sagte Bosbach, könne die Fraktion von einer monatelangen Debatte befreien.
Michael Brand, CDU-Politiker und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, sprach von einer „echten Zumutung“. Spahn habe zwar keinen formalen, aber einen moralischen Rechtsbruch begangen. Gerade in Rechtsfragen müssten für Politiker dieselben Maßstäbe gelten wie für alle anderen Bürger.
Sahra Wagenknecht verschärfte den Ton noch einmal. Die BSW-Vorsitzende warf Spahn eine „unerträgliche Doppelmoral“ vor und verlangte seinen Rücktritt. Sie verband die Leihmutterdebatte ausdrücklich mit der früheren Maskenaffäre und dem Spendendinner während der Pandemie.
Bundeskanzler Friedrich Merz vermied zunächst eine offene Rücktrittsforderung, rückte aber sichtbar von seinem Fraktionsvorsitzenden ab. An der deutschen Rechtslage und am CDU-Parteitagsbeschluss gegen Leihmutterschaft solle sich nichts ändern, erklärte Merz. Alles Weitere sollte am Montag im CDU-Präsidium beraten werden. Dazu kommt es nun erst nach Spahns Rücktritt.
Es gab auch Verteidiger
Nicht alle Unionspolitiker beteiligten sich an den Rücktrittsforderungen. Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch erklärte, der öffentliche „Shitstorm“ gegen Spahn verliere jedes Maß. Die CDU sei eine politische Partei und keine Religionsgemeinschaft. Menschen müssten ihre Überzeugungen ändern dürfen, auch bei gesellschaftspolitisch sensiblen Fragen.
Der frühere CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer mahnte, bei aller berechtigten Debatte nicht zu vergessen, dass ein Kind geboren worden sei. Der Sohn von Spahn und Funke verdiene Gesundheit, Glück und ein erfülltes Leben. Damit zog Scheuer eine wichtige Grenze: Das Kind darf nicht zum Ziel politischer oder persönlicher Angriffe gemacht werden.
Erst wollte Spahn die Fraktion entscheiden lassen
Noch am Freitag hatte Spahn erklärt, er habe lange mit sich gerungen. Über seine Zukunft an der Fraktionsspitze könne am Ende nur die Fraktion entscheiden. Ursprünglich wollte er die Frage nach der parlamentarischen Sommerpause mit den Abgeordneten beraten. Der Druck wuchs jedoch innerhalb weniger Stunden so stark, dass dieser Zeitplan nicht mehr zu halten war.
Am Samstagmittag folgte die Konsequenz. Aus dem einst jüngsten CDU-Abgeordneten, dem Gesundheitsminister der Pandemie und dem möglichen Kanzlerkandidaten wurde ein zurückgetretener Fraktionsvorsitzender. Nicht die Maskenmilliarden, nicht die umstrittenen Immobiliengeschäfte, nicht das Spendendinner und nicht die zahlreichen innerparteilichen Machtkämpfe hatten seine Karriere an der Fraktionsspitze beendet. Es war die Frage, ob ein Spitzenpolitiker privat das Gegenteil dessen tun darf, was er politisch vertritt.
Jens Spahn hat diese Frage letztlich nicht mehr vor dem CDU-Präsidium oder der Bundestagsfraktion beantwortet. Er beantwortete sie mit seinem Rücktritt.

