Ein neues Buch über Deutschlands einstigen Zuckerbaron Friedrich von Jacobs liest sich wie ein Spiegel der Zeiten

Kirche in Potsdam, Foto: Stefan Groß

Der Nationalstaat wird wieder Bezugsgröße, Tatmenschen und Gründerzeiten werden plötzlich gefeiert wie 1871 und alles fühlt sich nach Umbruch an. Ein neues Buch über Deutschlands einstigen Zuckerbaron liest sich wie ein Spiegel der Zeiten.

Das 19. Jahrhundert war jahrzehntelang verpönt – vordemokratisch, unsozial, nationalistisch, imperialistisch, preußisch heran marschierend. Als historischer Bezugsraum weitgehend unbrauchbar, bestenfalls als abschreckendes Beispiel oder gar als Präludium der Katastrophen im 20. Jahrhundert. Doch plötzlich ändert sich der Blick auf das stählerne Jahrhundert. Die Kultur entdeckt Romantik und Realismus neu, die Politik wird neo-national und in der Wirtschaft werden Gründerzeiten vom Silicon Valley bis ins Perlflussdelta auf einmal gefeiert wie weiland 1871 und folgende.
Insbesondere die Bilder von  Fortschritt und Unternehmertum wandeln sich auf bemerkenswerte Weise. Wurden Unternehmer seit dem Kulturbruch von 1968 weithin als Kapitalisten, gierige Manager oder Haifische im Meer der Globalisierung verunglimpft, so wächst seit einiger Zeit ein neues Heldenbild unternehmerischen Handelns heran. Insbesondere die Herolde der digitalen Revolution, von Mark Zuckerberg bis Bill Gates und Steve Jobs, sind neue, positive Ikonen heroischer Schaffenskraft. Selbst Großkapitalisten wie Warren Buffet oder schillernde Angeber wie Elon Musk werden bewundert wie seit den Gründerzeiten des 19. Jahrhunderts keine Generation von Unternehmern mehr.
Und so ist es kein Zufall, dass man plötzlich auch für die Gestaltungsmächtigen des 19. Jahrhunderts ein neues, anderes Interesse findet. Achsenschmiede der Geschichte, Männer, die herausragen aus dem Strom der Umwälzungen, die Intelligenz mit Kapital bündeln konnten, werden historiographisch wieder gewürdigt. Männer wie Friedrich Krupp, Friedrich List, August Borsig, Werner von Siemens, Friedrich Harkort oder Bethel Strousberg. 
Nun ist auch eine völlig neuer Blick auf eine Leitfigur der deutschen Agrarindustrie frei geworden. Preußens Zuckerbaron Ludwig von Jacobs (1794 –1879 ist Untersuchungs- und Erzählsubjekt einer opulenten Monografie, die jetzt im Münchner CH.-GOETZ-VERLAG erschienen ist. Herausgeber des Werkes ist Karl-Ludwig Kley, Aufsichtsratschef von E-on und Lufthansa sowie langjähriger Erfolgs-Vorstandsvorsitzender des Pharmakonzerns Merck. Kley ist direkter Nachfahre des Zuckerbarons, doch das Buch ist keine Heldenverehrung sondern eine tiefenscharfe Monografie und Sittenstudie einer Epoche. Mit großer Eleganz in Machart und Erzählstil liest sich das Buch wie ein schillerndes Panoptikum des Unternehmerlebens im 19. Jahrhundert. Denn der enorme wirtschaftliche Erfolg der neuen Großbürger stand zugleich in einem latenten Spannungsfeld politischer Emanzipation. Von Jacobs war nebenberuflich Abgeordneter im preußischen Parlament – und man kann ihn, wie viele Unternehmer des 19. Jahrhunderts, einen konservativen Modernisierer nennen.
Er stand, auch das ist typisch für das Jahrhundert – und es wiederholt sich heute in der digitalen Revolution –  an einer Schnittstelle der wirtschaftlichen Innovation. Die Zuckerbranche war eine Schlüsselindustrie der frühen industriellen Revolution, Vorläufer der Stahlindustrie, und Jacobs kann als Brückenbauer zwischen beiden gesehen werden. Er begründete aus Preußens Zentrum heraus erste Großsiederei und hernach die Eisenbahnlinie von Berlin nach Magdeburg, Preußens zentrale Verkehrsachse. Jacobs war ein klassischer Tatmensch des neuen, bürgerlichen Zeit­alters. Ein geschickter Investor, Zuckerfabrikant, Eisenbahnpionier und spätestens seit der Revolution von 1848 /1849 ein sozial denkender Unternehmenslenker. Seine Geschäftsbeziehungen reichten von der Karibik bis nach Russland, von London bis Berlin. Er dachte international, lange bevor das Wort „Globalisierung“ in Mode kam, war ein weltoffener Multiplikator von Ideen und Kapital. 
Anders aber als Unternehmer von heute war Jacobs ein Breitbandmensch – vom Parlamentarier bis zum Mäzen reichten seine Rollen. Seine Gemäldesammlung zog Besucher von weither an. Mit seinem Sommer­ haus, der „Villa Jacobs“, begründete er einen preußischen Baustil: den der Turmvillen. Mit seiner Lebensleistung ist er einer der großen Gestalter des bürgerlichen Aufbruchs in Deutschland und zudem einer der ersten Vertreter jener prägenden Gruppe führender Bürger, die als „Honoratioren“ zu Ansehen gelangten. „Wenn heute von „Preußens Gloria“ die Rede ist, sollten weniger die Soldaten, sondern vielmehr Persönlichkeiten wie Ludwig von Jacobs im Mittelpunkt stehen“, so steht es auf dem Buchrücken. Das stimmt.
Denn wenn heute das 19. Jahrhundert wieder Beachtung findet, dann sollte nicht das Gehäuse der Nationalisten und Militaristen dominieren – besser die breitbannige Vorgehensweise solcher Unternehmer. Wir leben 200 Jahre später in Zeiten extremer Spezialisierung und Verengung des gesellschaftlichen Comments und Engagements. Viele Unternehmer und Manager kümmern sich nur noch ums Geschäft und trauen sich weder auf Kulturbühnen oder Talkshows, geschweige denn in Parlamente. Von Jacobs war da anders, als Unternehmer in ein Parlament zu ziehen und sich der öffentlichen Debatte und Kritik zu stellen und etwas in der Gemeinschaft bewegen zu wollen und nicht an der Börse, das ist heute reichlich unpopulär. Es wäre aber wichtig. Und so kann man diese Monografie rückwärts wie vorwärts lesen. Oder einfach wie ein Coffeetableband visuell genießen, denn es ist eine geistige und sinnliche Fundgrube für breitwurzelndes Unternehmertum im 19. Jahrhundert.         R.K.
Karl-Ludwig Kley (Hsg.) 
Autor: Sebastian Sigler
Ludwig von Jacobs. Ein Unternehmerleben im 19. Jahrhundert
CH.GOETZ VERLAG, München
49,80 Euro

ISBN: 978-3-9471400-0-8 • Bestellung per Mail an weinmann@ch-goetz-verlag.de