Hat die deutsche Sprache eine Perspektive in Europa? Bundestagspräsident Norbert Lammert im Gespräch

Herr Bundestagspräsident, geht es mit der deutschen Sprache bergab?

Dies wäre mindestens zu pauschal, aber richtig ist, dass sich der Stellenwert der deutschen Sprache sowohl mit Blick auf den allgemeinen Sprachgebrauch der Weltgemeinschaft als auch im Blick auf den Stellenwert von Deutsch als Wissenschaftssprache in den letzten Jahren verändert hat, und dass er heute zweifellos nicht mehr die Bedeutung hat, wie es früher, insbesondere im Wissenschaftsbereich, jahrzehntelang der Fall war.

Welche Rolle spielt die Politik beim Thema Globalisierung der Sprache?

Sie spielt eine Rolle, aber nicht die einzige – und auch nicht in allen Fällen die ausschlaggebende Rolle. Dass es etwa im Bereich der Wissenschaft die Veränderungen gab, die es gegeben hat, hängt neben objektiven Faktoren auch mit dem subjektiven Übermut vieler deutscher Wissenschaftler zusammen, die auf in Deutschland stattfindenden Konferenzen – bei einem meist überwiegend meist deutsch sprechenden Publikum – gleichwohl insbesondere ihre Fremdsprachenkenntnisse spazieren führen wollen, und dass wir teilweise auch für Forschungsprojekte von den Wissenschaftsinstitutionen als Teilnahmebedingung Projektanträge in Englisch erwarten, gehört aus meiner Sicht zu den Übertreibungen, die zwar in die Autonomie der Wissenschaften gehören mögen, aber nicht zur Stärkung von Deutsch als Wissenschaftssprache geeignet sind.

Mehrsprachsprachlichkeit versus deutsche Sprache als Merkmal nationaler Identität – wie ist dies zu vereinbaren?

Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen. Wir haben natürlich und müssen ein Interesse an Mehrsprachigkeit haben, die Schulen müssen sich heute noch mehr als das vor einer oder zwei Generationen notwendig war, um die Vermittlung von Sprachkompetenz bemühen, weil in einer globalen Welt, allein in einem vielsprachigen Europa, Sprachkompetenz eine wesentliche Voraussetzung für Mobilität und für beruflichen Erfolg ist. Aber zu glauben, das ließe sich durch die fröhliche Vereinbarung am ehesten sichern, dass alle Englisch sprechen, verkennt die Präzisionsanforderungen, die an Sprache im beruflichen, im technischen und ganz besonders im wissenschaftlichen Bereich gerichtet werden. Auch und gerade bei Wissenschaftlern ist in aller Regel die Fähigkeit sich in einer anderen Sprache als der Muttersprache so präzise auszudrücken wie es wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, eben doch nur in sehr engen Grenzen zu beobachten. Deshalb liegt es auch im Interesse der Wissenschaft, dass wir die Mehrsprachigkeit und die Aufrechterhaltung der Sprachkompetenz in den jeweiligen Nationalstaaten sichern.

Ist es sinnvoll Deutsch als Landessprache in der Verfassung der Bundesrepublik zu verankern?

Nach meiner Überzeugung ist es ganz sicher sinnvoll. Davon hängt nicht unsere Bemühung zur Förderung der Sprache ab, aber es würde den Stellenwert, den Sprache für nationale Identität und für das Selbstverständnis dieses Landes nach innen und nach außen hat unmißverständlich markieren. Und im Vergleich zu vielem anderen, was in der Verfassung steht, und bei dem man mindestens auch darüber streiten kann, ob es unbedingt in die Verfassung gehört, hat die Sprache eine Bedeutung und einen Rang, der eine solche Berücksichtigung in der Verfassung sicher rechtfertigt.

Herr Prof. Dr. Lammert, herzlichen Dank für das Interview, das Dr. Stefan Groß führte. Das Gespräch fand im Anschluß an einen Vortrag des Bundestagspräsidenten in der Hanns-Seidel-Stiftung in München statt. Dort diskutierte Prof. Lammert mit Staatsminister a.D., Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair.

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Über Lammert Norbert 4 Artikel
Prof. Dr. Norbert Lammert, geboren 1948, ist seit 2005 Präsident des Deutschen Bundestages. Von 1989 bis 1998 war er Parlamentarischer Staatssekretär. Von 2002 bis 2005 war er Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Lammert studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere Geschichte und Sozialökonomie in Bochum. Zuletzt erschien sein Buch „Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit. 20 Blicke auf unser Land“.

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