Weine aus die entfesselte Schwere der Angst“- Lyrik zur Angstbewältigung von Nelly Sachs

Wie die Nobelpreisträgerin gegen Angst und Trauma anschrieb

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 Nelly Sachs (1891 – 1970) wurde von Hans Magnus Enzensberger als die größte deutschsprachige Lyrikerin des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Er förderte in der Nachkriegszeit erheblich die Verbreitung des literarischen Werkes von Nelly Sachs. Sie war schließlich die erste deutsche Schriftstellerin, die im Jahr 1966 einen Literaturnobelpreis erhielt. Ein Jahr zuvor erhielt sie – ebenfalls als erste Frau – den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Kurz vor ihrem Tod schrieb sie ihr Gedicht „Weine aus die entfesselte Schwere der Angst“, das unter Literaturkennern und Psychologen als eines der gelungensten Gedichte über die Angstbewältigung gilt. Es ist im Jahr 1965 in ihrem Gedichtband „Späte Gedichte“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Der Weg zu dieser späten „Bewältigung“ war lang und schwierig. Denn Nelly Sachs hatte schon in der Kindheit ein Entwicklungstrauma, das später durch ein Holocaust-Trauma erheblich verschärft wurde. Dass ihr am Lebensende doch so ein hoffnungsvolles Gedicht gelang, spricht für die Resilienz und die Bewältigungsfähigkeiten der Lyrikerin.

Angst und Traumatisierung

Wegen ihrer jüdischen Herkunft war schon bald Angst ihr ständiger Begleiter. Als Einzelkind wuchs sie verwöhnt und überbehütet in wohlhabenden Verhältnissen in Berlin auf. Ihr Vater war Erfinder und Fabrikant. Trotz günstiger äußerlicher Verhältnisse war sie als Kind und Jugendliche fragil und sensibel. Ihre Ängste in dieser Lebensphase waren innere Ängste bezüglich ihrer Selbstentwicklung.

Die folgende Selbstbeschreibung mag dies ausdrücken:

„Die kleine Kinderhölle der Einsamkeit. Tiergartenspaziergänge in der Abendsonne. Angst, das Anderssein zu erkennen zu geben. Immer versteckt. Schlechte Schülerin. Schlecht im Rechnen. War Träumerin. Hab für mich getanzt, in mich eingerollt, schrecklich schüchtern.“

Der erste Konflikt mit ihrem geliebten Vater brachte sie vehement aus dem psychischen Gleichgewicht. Sie hatte sich mit 17 Jahren in einen älteren geschiedenen Mann verliebt. Ihr Vater verbot ihr diese Beziehung. Auf diesen Konflikt hin verweigerte sie die Nahrung, entwickelte die Symptome einer Magersucht (Anorexia nervosa) und erlebte mit 19 Jahren in Berlin einen ersten Psychiatrie-Aufenthalt, der schließlich zu einer Stabilisierung führte (vgl. Dinesen1992).

Die nächste psychische Belastung war die Krebserkrankung ihres Vaters, der schließlich im Jahr 1930 daran starb. Verlustängste und schließlich der reale Verlust prägten die Zeit vor und nach dem Krebstod des Vaters. Kurze Zeit später begann die Herrschaft des Nazi-Regimes und die Verfolgung und Bedrohung ihrer Mutter und ihrer selbst. In letzter Minute gelang die Flucht ins schwedische Exil. Zuvor gab es Gestapo-Verhöre und Wohnungs-Plünderungen durch SA-Trupps in Berlin. Nun waren Realängste das Vorherrschende. Die Bedrohung, die jetzt hinter der Angst lauerte, kam nicht von innensondern von außen. Flucht, Exil und das Holocaust-Trauma prägten das weitere Leben und die Lyrik von Nelly Sachs (Walter A. Berendsohn in der ersten Biografie über Nelly Sachs, Berendsohn 1974).

Die erste psychische Dekompensation von Nelly Sachs war bereits im Jahr 1938 in Berlin, als sie von der Gestapo verhört wurde. Dadurch war sie so schockiert, dass sie wochenlang nicht mehr sprechen konnte. Sie erlitt eine dissoziative bzw. traumatische Aphonie, einen Stimmverlust, der durch psychische Traumatisierung ausgelöst werden kann. Wie bereits oben erwähnt, war Nelly Sachs besonders durch die Nazi-Verfolgung psychisch traumatisiert. Die Flucht ins Exil war mehr als dramatisch: es war eine späte Rettung kurz vor der drohenden Deportation. Nelly Sachs und ihre Mutter hatten bereits einen Einberufungsbefehl in ein Arbeitslager in Polen. Diese Reise wäre vermutlich ein Weg in den Tod gewesen. Durch eine Freundin, die extra nach Stockholm flog, und mit Hilfe der Schriftstellerin Selma Lagerlöf und des griechischen Königshauses erhielten Nelly Sachs und ihre Mutter in letzter Minute ein Visum. Ein einfühlsamer Gestapo-Mann gab ihr den Tipp, zu fliegen, weil sie bei der Reise mit dem Zug höchstwahrscheinlich abgefangen würden. So stiegen Nelly Sachs und ihre Mutter in das letzte mögliche Flugzeug nach Stockholm. Danach hat Nelly Sachs Deutschland gemieden. Von ihrer Geburt an hat sie fast 50 Jahre lang in Berlin gelebt und ist 79 Jahre alt geworden.

Nelly Sachs hat mit großer Angst und tiefer Intuition vermieden, wieder deutschen Boden zu betreten. Zu groß war ihre Befürchtung, sie könnte dies psychisch nicht verkraften und sie könnte dadurch schwer dekompensieren. Nur zweimal ist sie nach Deutschland gereist, um große Literaturpreise entgegenzunehmen: im Jahr 1960 den Droste-Hülshoff-Preis und im Jahr 1965 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie ist deshalb im Jahr 1960 nach Zürich geflogen und von der Schweiz nach Merseburg am Bodensee gereist, damit sie nur eine kurze Strecke durch Deutschland fahren musste. Dort hatte sie den Droste-Hülshoff-Preis entgegengenommen. Sie betrat damit 1960 erstmals deutschen Boden und wurde danach so schwer psychisch krank, dass sie drei Jahre lang in einer Psychiatrischen Klinik mit schweren Depressionen und Wahnvorstellungen behandelt werden musste. Durch die Wiederbegegnung mit dem Land, in dem sie psychisch schwer traumatisiert wurde, kam es zu einer Reaktivierung des Traumas (Csef 2024).

„Weine aus die entfesselte Schwere der Angst“

Nelly Sachs schrieb ihre ersten Gedichte mit 17 Jahren. Da war ihre Welt noch scheinbar in Ordnung. Vor der unglücklichen Jugendliebe, vor dem Konflikt mit dem Vater, vor der Holocaust-Bedrohung. Nach ihrer Flucht und nach den ersten Jahren im Exil erschien im Jahr 1947 ihr erster Gedichtband „In den Wohnungen des Todes“. Wie der Titel schon anklingen lässt, geht es in diesem Gedicht um die Grauen und Schrecken des Holocaust. Das Eingangsgedicht dieses Bandes trägt den Titel „O die Schornsteine“ und beschreibt den Rauch der Krematorien in den Konzentrationslagern. Todes-Metaphern überwiegen in dieser Phase ihrer Lyrik(Csef 2020).

Erst eines ihrer letzten Gedichte widmete sie der Angst-Bewältigung. Es hat eine sehr hoffnungsvolle Grundstimmung.

„Weine aus die entfesselte Schwere der Angst,

Zwei Schmetterlinge tragen das Gewicht der Welten für dich.

Und ich lege deine Träne in dieses Wort:

Deine Angst ist ins Leuchten geraten.“

Nelly Sachs

Dass Nelly Sachs zu diesem Gedicht an ihrem schwierigen Lebensende in der Lage war, zeugt von einer großen Resilienz und Bewältigungsfähigkeit. „Sich ausweinen“ ist eine häufig verwendete Metapher für die psychische Reaktion auf einen Schicksalsschlag oder ein Trauma. In der dritten Verszeile tauchen dann die Tränen auf. Die Tränen des Sich-Ausweinens haben psychologisch eine kathartische Funktion. Leid, Schmerz und Kummer lösen sich, werden von innen nach außen gebracht. In einer universellen Körpersprache drücken die Tränen und der Körper den psychischen Schmerz aus.

Die „entfesselte Angst“ ist psychologisch die „frei flottierende Angst“. Diese überflutet und überwältigt den angstgetriebenen Menschen. Vorher war die Angst gebunden – in Körperzuständen oder Abwehrmechanismen. Bei der „entfesselten Angst“ ist der Damm gebrochen – die Angst überflutet alles wie bei einer riesigen Überschwemmung.

In dieser Notlage der Angstüberflutung tauchen zwei rettende Schmetterlinge auf. Gerade diese zarten Lebewesen stellen das rettende Gleichgewicht wieder her. Das zurückgewonnene Gleichgewicht ist die psychische Stabilisierung oder Bewältigung.

In der letzten Zeile ist die „Angst ins Leuchten geraten.“ Die Angst ist nicht weg. Sie ist nicht verschwunden. Aber sie leuchtet jetzt. Das Licht der Welt hat die Angst erleuchtet. Das ist die große Hoffnung, die Nelly Sachs mit ihrem Gedicht der Nachwelt geschenkt hat.

Literatur

Berendsohn, Walter A., Nelly Sachs. Einführung in das Werk der Dichterin jüdischen Schicksals. Agora, Darmstadt 1974

Csef, Herbert, „Noch feiert Tod das Leben“. Zum 50. Todestag der Lyrikerin Nelly Sachs. TabularasaMagazin vom 30. Oktober 2020

Csef, Herbert, Gedichte gegen die Angst. Die hoffnungsvollen Botschaften von Hilde Domin, Nelly Sachs und Rose Ausländer. Tabularasa Magazin vom 18. November 2020

Csef, Herbert, Trauma und Resilienz in der Psychoanalyse. Psychosozial Verlag, Gießen 2024

Dinesen, Ruth, Nelly Sachs. Eine Biographie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992

Sachs, Nelly, In den Wohnungen des Todes. Aufbau Verlag, Berlin 1947

Sachs, Nelly, Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1965

Sachs, Nelly, Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

Über Herbert Csef 178 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.