Im Geschichtsloch verwunden – Die langsame Auslöschung Ostdeutschlands

Ist der Osten tot?

Tunnel Foto: Stefan Groß

Als ich am Montag, 3. Januar 1983, mein Amt als Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ in der Bonner Stiftung Ostdeutscher Kulturrat antrat, geriet ich in eine mitreißende Aufbruchsstimmung! Das Kriegsende 1945 lag noch keine 40 Jahre zurück, es lebten noch Hunderttausende von Flüchtlingen und Vertriebenen, deren ursprüngliche Heimat in Schlesien und Hinterpommern, in Ostpreußen und Ost-Brandenburg oder in Böhmen lag. Der Ostdeutsche Kulturrat in der Bonner Kaiserstraße 113 war für alle, die aus dem historischen Ostdeutschland stammten und Rat und Hilfe suchten, eine Anlaufstelle, von der sie nicht abgewiesen wurden. Zeitweise hatte die Stiftung damals zehn Mitarbeiter, die auf zwei Stockwerken untergebracht waren

Präsident war seit Herbst 1982 der Oberschlesier Dr. Herbert Hupka, der mit mehreren Projekten zugleich die reichhaltige Geschichte und die überragenden Kulturleistungen Ostdeutschlands den nachgeborenen Deutschen wieder in Erinnerung zu rufen wusste. So erschien die „Kulturpolitische Korrespondenz“, die ich fast 18 Jahre zu verantworten hatte, nicht nur alle zehn Tage wie bisher, sondern es wurden jedes Jahr auch umfangreiche Sonderhefte erarbeitet wie „Widerstand in Ostdeutschland“ (1984), „Gerhart Hauptmann“ (1986) und „Verlorenes Leben, verdrängte Geschichte. Ostdeutsche Autoren in Mitteldeutschland 1945-1995“ (1995). Die herausragende Leistung aber, die bleiben wird, waren die zwölf Bände „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“, die von 1992 bis 2005 im Münchner Langen-Müller-Verlag erschienen sind.

Das alles ist nun Vergangenheit, nachdem der politisierende Schöngeist Dr. Michael Naumann, seit Oktober 1998 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Staatsminister für Kultur und Medien, mit einem Federstrich die staatliche Förderung für ein Dutzend ostdeutscher Kulturinstitute, darunter die Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg, die Künstlergilde in Esslingen und die Stiftung Ostdeutscher Kulturrat in Bonn ,die Förderung gestrichen hat.

Wenn Vermögen vorhanden war, konnte sich das betroffene Institut noch einige Jahre halten, dennoch mussten zahlreiche Mitarbeiter mit exzellentem Fachwissen entlassen werden. So arbeitet heute in der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn, wo immer noch alljährlich die „Ostdeutschen Gedenktage“ erscheinen, nur noch eine Fachkraft; beim Kulturwerk Schlesien in Würzburg sind es noch zwei. Der Ostdeutsche Kulturrat, der auch nur noch über zwei Mitarbeiter verfügt, gab, wegen der hohen Miete, sein Domizil in Bonn auf und zog rheinaufwärts nach Königswinter im Bundesland Rheinland-Pfalz.

Die vorletzte Jahrestagung der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat fand am 7./8. November 2016 in Warendorf bei Münster statt, wo in einem ehemaligen Kloster heute das „Westpreußische Landesmuseum“ untergebracht ist. Dort waren 38 Historiker und Kulturwissenschaftler versammelt, die auf Geschichte und Kultur Ostdeutschlands spezialisiert sind und deren Fachwissen mit ihnen ausstirbt.

Am Abend nach der Tagung fuhr ich, auf der Rückreise nach Coburg, mit dem Zug durch Bonn, der, langsam Fahrt aufnehmend, an der Kaiserstraße entlangfuhr, wo einst, im dritten und vierten Stock, die Mitarbeiter des Ostdeutschen Kulturrats gearbeitet hatten. Die Stiftung wird noch bis 2019 in Königswinter arbeiten, bis die beiden Mitarbeiter die Altersgrenze erreicht haben, dann wird sie vom „Deutschen Kulturforum Östliches Europa“ in Potsdam übernommen werden.

Bei den Pommern in Lübeck-Travemünde sieht es weitaus schlechter aus. Das 1988 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnete Pommern-Zentrum samt Ostsee-Akademie und „Pommerscher Zeitung“ musste alle Mitarbeiter entlassen und die Insolvenz einleiten. Diese Tendenz, Ostdeutschland im Geschichtsloch verschwinden zu lassen, findet man zunehmend auch in der Kulturpolitik angesehener Verlage wie des Insel-Verlags in Frankfurt/Main, der 2007 ein umfangreiches Lexikon der deutschen Literatur auf den Markt brachte, das den Begriff „deutsche Literatur“ auf das Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland einengte. So kommt die Literatur Ostpreußens nur dann vor, wenn ein Vertreter dieser Literatur, beispielsweise Johann Gottfried Herder (1744-1803), auch westlich der Oder-Neiße-Grenze gewirkt hatte. Auch bei Gerhart Hauptmann (1862-1946) verfährt man so: Die in Berlin-Erkner entstandenen Dramen wie „Der Biberpelz“ (1893) dürfen genannt werden, das in Schlesien entstandene Werk, wie das Stück „Magnus Garbe“ (1942, aber nicht. Hier kann man nur noch den Kopf schütteln!

Früher oder später, das war abzusehen, wären ohnehin alle ostdeutschen Kulturinstitute von der Schließung bedroht gewesen, weil die Erlebnisgeneration als notwendiger Resonanzboden fast völlig ausgestorben ist. Auch die einst als Kinder aus Schlesien und Ostpreußen Geflohenen sind heute längst im Rentenalter. Und die in den Ämtern in Bund und Ländern für das historische Ostdeutschland Verantwortlichen sind alle nach dem Krieg geboren und in der Bundesrepublik Deutschland erzogen worden. Sie hören es nicht gerne, wenn man ihnen von einem Deutschland erzählt, das um ein Viertel größer war als das heutige.

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.