Inszenierte Verkündigung

Annette Krauß, Thomas Schwaiger: „Seelenspiegel Krippe“. Die Osterrieder- und Jahreskrippe von St. Ursula, München-Schwabing, 104 Seiten, mit 50 z. T. ganzseitigen Abbildungen in Farbe, Neuausgabe, 19,80 €, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2020, ISBN 978-3-87437-594-8

Das ist mal ein Buch, das mit manchen Gewohnheiten aufräumt. Schon allein damit, dass es nicht um eine Weihnachts-, sondern um eine Jahreskrippe geht. Die die Weihnachtskrippe nicht ausspart, aber den Fokus auf eine – freilich entsprechend ausgewählte – Szenenfolge des Heilsgeschehens lenkt, das ein ganzes Kirchenjahr umfasst. Von „Mariä Verkündigung“ bis zum Zögerer unter Christi Aposteln, Thomas, der nicht glauben will, dass der Herr von den Toten auferstanden ist.

Das ist überdies ein Jahreskrippenbuch, das nicht bei Christi Geburt anfängt und mit der Osterfreude schließt, sondern durch seinen Anhang mit einer weiteren Krippen-Konvention bricht: Es erinnert zusätzlich an die Geschichte der Kirchenpatronin Ursula – das ihr geweihte Gotteshaus im Münchner Stadtteil Schwabing ist der Schauplatz des Buches – , auch an die Legende des heiligen Franz von Assisi, der er mit Freund Illuminatus vor den ägyptischen Sultan in Sachen Friedensverhandlung zieht, und auch an die kaum bekannte Geschichte des unter Hitler eingekerkerten evangelischen Pfarrers Dietrich Bonhoeffer.

Richtig – in diesem Buch geht es nicht nur um Katholisches. „Krippenfrau“ Annette Krauß, Münchner Kultur-Journalistin, ist evangelisch. Sie ist es, die seit 2007 die unter Kennern, berühmte „Osterrieder-Krippe“ mit ihren 43 originalen Figuren – zwischen 20 und 30 Zentimeter groß, unveränderbar, unbeweglich – nicht nur betreut, sondern … beseelt, worauf schon der Buchtitel anspielt. Und die zusammen mit dem katholischen Priester Thomas Schwaiger dieses Druckwerk mit seinen außerordentlichen Texten und dazu passenden Farbfotos realisierte. Eine ökumenische Gemeinschaftsleistung – auch dies ein Kriterium für das Ungewöhnliche dieses Buches.

Zum Weihnachtsfest vor 98 Jahren überraschte der aus Abensberg stammende, in Schwabing beheimatet gewesene Bildhauer Sebastian Osterrieder mit seinen in St. Ursula aufgestellten Krippenszenen. Orientiert an seinen Erfahrungen auf einer Israel- und Ägyptenreise fertigte er Figuren, für die er Gips, Champagnerkreide, Fischleim und Wasser brauchte. Sie sollten ihn zum „Erneuerer der orientalischen Künstlerkrippe“ werden lassen. Annette Krauß ist seine langjährige Sachwalterin aus Passion. Sie erneuerte, ergänzte, erweiterte Osterrieders Figuren. Sie hauchte ihnen quasi neues Leben ein und hört nicht auf damit. Wie sie das ehrenamtlich tut, liest sich wie ein kleiner Roman, in dem so viel Dokumentarisches steckt. Und nicht zuletzt  Pädagogisches.

Annette Krauß spricht die Kinder an. „Betrachtet die Szene“, fordert sie. Verlangt den Kindern durch geschickt gestellte Szenen-bezogene Fragen Wissen ab. Scheut nicht zurück vor schwierigen Situationen, wenn sie die Themen „Jesus und die Ehebrecherin“ oder „Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel“ aufgreift. Der Theologe Thomas Schwaiger formuliert poetisch,  anspruchsvoll, überzeugend. Er lässt das aus den vier Evangelien Genommene und zu Lesende klingen. Seine Sprache hat Musik. Erklärt und erhärtet. Und fordert. „Es gibt leise Krippenszenen, die strahlen Stille aus. Und andere Szenen sind laut und unruhig“, schreibt er.

In diesem Krippenbuch wird Theater gespielt. „Krippenszenen sind angehaltenes Theater“, heißt es einmal. Was nicht bedeutet, dass die „Bewegung“ fehlen darf. Im Gegenteil: Sie ist nicht weniger wichtig als die Berührung. „Nur wer sich traut, die beweglichen Körper und Gliedmaßen der Figuren so zu biegen, dass sie einander nahe kommen, nähert sich auch dem biblischen Text. Denn durch das Wort Gottes kommen wir mit Jesus in Berührung, der diese Geschichte (gemeint ist hier die vom „Verlorenen Sohn“) erzählt. Die Krippenfiguren wollen uns das vor Augen stellen.“

Ein Buch zum lange darin Blättern, zum Sich-Vertiefen, zum Fragen-Stellen an das, was die kunstvollen Inszenierungen ausdrücken. Sie erinnern an die Oberammergauer Passion. Mit ihren „Lebenden Bildern“. Sie sind, wie das Krippenspiel für den Prediger Thomas Schwaiger, Verkündigung.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.