Kersten Knipp: Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr

Uhr, Foto: Stefan Groß

Der Publizist und Journalist Kersten Knipp beschäftigt sich in diesem Buch anlässlich des 100jährigen Jubiläums mit dem Schicksalsjahr 1918, seinen grundlegenden Umbrüchen und Neubeginnen sowie die Bedeutung für das heutige Europa.

Die Erste Weltkrieg bewirkte erhebliche Veränderungen in der politischen Landkarte vor allem Europas. So entstanden aus Österreich-Ungarn und dem Russischen Kaiserreich die Staaten Finnland, Lettland, Litauen, Estland, die Zweite Polnische Republik, die Erste Tschechoslowakische Republik, Ungarn, Österreich und Sowjetrussland. Außerdem bildeten sich kurzlebige Staaten wie zum Beispiel die Ukrainische Volksrepublik, die Weißrussische Volksrepublik, die Demokratische Republik Aserbaidschan, die Demokratische Republik Georgien und die Demokratische Republik Armenien. Ende 1922 schlossen sich die Sowjetrepubliken zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (Sowjetunion, UdSSR) zusammen. Aus dem Zusammenschluss des Königreichs Serbien und des Königreichs Montenegro mit Teilen Österreich-Ungarns bildete sich das Königreich Jugoslawien.

Aus dem Osmanischen Reich gingen die Türkei sowie verschiedene Völkerbundmandate hervor, so das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon, das Britische Mandat Mesopotamien (aus dem 1932 das Königreich Irak entstand) und das Völkerbundsmandat für Palästina. Auch die deutschen Kolonien gingen in Völkerbundmandate über, lediglich in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, besteht heute noch eine nennenswerte deutsche Minderheit. Die Kolonialreiche und Einflusszonen der Briten und jene der Franzosen erreichten nach dem Ersten Weltkrieg ihre maximale Ausdehnung.

Im ersten Kapitel geht Knipp auf die letzten Tage des 1. Weltkrieges und seiner Folgen mit dem Schwerpunkt auf die Habsburgermonarchie ein. Danach folgen die diplomatischen Bemühungen um Frieden während des Krieges, wobei vor allem die Vorstöße des US-amerikanischen Präsident Wilson diskutiert werden. Außerdem werden der tschechische Unabhängigkeitskampf und die Reetablierung des Landes Polen ausgeführt. Im nächsten Kapitel geht Knipp detailliert auf die Pariser Friedenskonferenz und seine Folgen ein. Anschließend werden totalitäre Entwicklungen in Österreich und der Türkei mitsamt den Völkermorden an Armeniern und Griechen präsentiert. Institutionen für den Frieden wie der Völkerbund und die künstlerische Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges (Strawinsky, Musil, Klee) folgen danach. In seinem Epilog „Auf der Suche nach ‚Europa‘ beleuchtet der Autor dann die Folgen des Jahres 1918 bis zur heutigen Zeit. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Knipp sieht den 1. Weltkrieg und seine Folgen als Zeitenwende des 20. Jahrhunderts: „Mit diesem Krieg hatte endgültig ein neues Zeitalter begonnen: Eines, in dem die Menschen keinerlei Grenzen mehr anerkannten, nicht einmal mehr im Blick auf das Töten. Fortan gilt, dass mit dem Schlimmsten zu rechnen war. Die Welt hatte ihre Unschuld verloren endgültig aufgegeben und sich darüber verwandelt.“ (S. 370)

Die neue Weltordnung nach dem 1. Weltkrieg schuf nationalistische Exklusionsmechanismen: „Vertreibungsaktionen, Zwangsassimilation und kulturelle Entwurzelung, dies waren die Instrumente, um die Minderheiten, wenn nicht zum Verschwinden zu bringen, so doch zumindest unsichtbar werden zu lassen. Alles war recht, um den lang ersehnten homogenen Nationalstaates endlich Wirklichkeit werden zu lassen.“ (S. 374)

Der 1. Weltkrieg gilt wegen der Verwerfungen, die der Erste Weltkrieg in allen Lebensbereichen auslöste, und seiner bis in die jüngste Vergangenheit nachwirkenden Folgen zu Recht als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Er war Nährboden für den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland und wurde so zum Vorläufer des Zweiten Weltkriegs. Die Neuordnung Europas 1918/1919 und der Revanchismus prägte das 20. Jahrhundert – neben anderen Faktoren – entscheidend, die These Knipps vom europäischen Schicksalsjahr 1918 trifft also zu. Dies führt er in den einzelnen Kapitel anschaulich und faktenreich aus, ein lesenswertes Buch.

Kersten Knipp: Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr, Theiss Verlag, Darmstadt 2018, ISBN: 978-3-8062-3665-1, 29,95 EURO (D)

 

 

Michael Lausberg
Über Michael Lausberg 204 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.