„Kostbarster Unterricht an den Sterbebetten“ – Das „memento mori“ von Hilde Domin

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Hilde Domin ist eine der ganz großen deutschsprachigen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit. Sie war jüdischer Herkunft und steht damit in einer Reihe mit anderen namhaften jüdischen Lyrikern ihrer Zeit wie Nelly Sachs, Rose Ausländer und Paul Celan. Regen Austausch hatte sie mit anderen bekannten deutschsprachigen Lyrikern wie Karl Krolow, Günter Eich, Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, Peter Rühmkorf oder Hans Magnus Enzensberger. Ihre ersten 23 Lebensjahre verbrachte die geborene Kölnerin in Deutschland. Dann folgten 22 Jahre im Exil – über die Länder Italien, England, Dominikanische Republik und USA. Sie gehörte zu jenen Exil-Dichtern, die nach ihrem Exil nach Deutschland zurückkehrten. Ihre Heimkehr war im Jahre 1954. Der bekannte und mit ihr befreundete Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer nannte sie deshalb „die Dichterin der Rückkehr“. Da sie 97 Jahre alt wurde, verbrachte sie noch 52 Jahre in Deutschland, davon die meiste Zeit in Heidelberg – die Stadt, die sie besonders liebte. Hier studierte sie von 1929 bis 1932. Ihre wichtigsten Lehrer waren damals Karl Jaspers und Karl Mannheim. Mehr als 20 Preise und Auszeichnungen verdeutlichen die große Anerkennung, die Hilde Domin als Lyrikerin erhielt. Der Rilke-Preis, der Nelly-Sachs-Preis und der Friedrich-Hölderlin-Preis sollten besonders hervorgehoben werden. Ihr Gedicht „Unterricht“ gehört zu ihren bekanntesten Gedichten. Es geht dabei um den Tod und die Lehre der Sterbenden für die Hinterbliebenen.

Der Tod – mitten im Leben

Von Rainer Maria Rilke stammt die Metapher vom „Tod mitten im Leben“. Hilde Domin hat Rilke sehr verehrt und sie hat erfreulicherweise im Jahr 1976 den Rilke-Preis erhalten. Wie Rilke hat sie sich lebenslang mit dem Tod beschäftigt. Ihr Leben war im Vergleich zu anderen besonders lang. Hilde Domin hatte sehr fürsorgliche weltoffene und liberale jüdische Eltern. Sie sprach oft von einer „schönen Kindheit“, die ihr vergönnt war. Mit dem Nazi-Regime kamen die Todesdrohungen und der Tod wurde zu ihrem ständigen Begleiter. Schon die Flucht ins Exil quasi in letzter Minute war von den Schatten des Todes geprägt. Viele Jahre musste sie sich heimatlos mit ihrem Mann in fremden Ländern durchschlagen. Ihre Mutter war die Person, die sie am meisten geliebt hat. Sie ist im Jahr 1951 in Deutschland gestorben. Dies war für Hilde Domin die größte Konfrontation mit dem Tod – hier der Tod als unwiederbringlicher Verlust. Ihr großes lyrisches Vorbild Rainer Maria Rilke hat in seiner Dichtung wiederholt den Tod als „radikaler Verlust“ beschrieben (Csef 2020). Sie war in dieser Zeit noch im Exil und konnte ihrer Mutter nicht am Sterbebett Beistand leisten. Sie konnte sich auch nicht in der Form verabschieden, wie sie es gerne getan hätte. Gleichzeitig hatte sie zusätzlich eine erhebliche Ehekrise mit ihrem Mann. Der Tod ihrer Mutter stürzte sie in eine Lebenskrise, die von schweren Depressionen und Selbstmordgedanken geprägt war. In dieser Zeit fing sie an, Gedichte zu schreiben. Für sie wurde Schreiben zur Rettung. Ihre Gedichte retteten sie vor dem Suizid. Sie fühlte sich wie „eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb“. Vier Jahre nach dem Tod ihrer Mutter erschien ihr erster Gedichtband „Herbstzeitlose“.

„Unterricht“ – ein lyrisches „memento mori“

Mit „memento mori“ sind alle Erscheinungsformen der Kunst und Literatur zusammengefasst, die den Menschen an seine Vergänglichkeit und seinen Tod erinnern wollen. Ein „memento mori“ ist wie ein Mahnmal, das die Lebenden ermahnt, wie kurz und begrenzt ihr Leben ist und dass man seine kostbare Lebenszeit nicht vergeuden soll. Die früheste und vielleicht eindrucksvollste Botschaft dieser Art ist für viele der Psalm 90, Vers 12.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90, Vers 12).

In anderen Kulturen und Religionen ist die Tradition des „memento mori“ ebenfalls stark verbreitet, besonders im Buddhismus. Das buddhistische Lebensmotto „Lebe dein Sterben!“ vermittelt jedenfalls diese Botschaft.

Bei ihrer außergewöhnlichen Sensibilität für Tod und Sterben ist Hilde Domin mit ihrem Gedicht „Unterricht“ eine Meisterschaft der Dichtkunst gelungen, die als ein modernes lyrisches „memento mori“ gewürdigt werden darf.

Unterricht

Jeder, der geht,

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen,

auf die wir gelegt sind,

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können ihre Lehre

nicht wiederholen.

Dein Tod und meiner

der nächste Unterricht:

so hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

Hilde Domin

Sebastian Kleinschmidt brachte in seiner Gedichtinterpretation die universale Bedeutung dieses Gedichts treffend mit den folgenden Worten zum Ausdruck:

„Das Gedicht gibt zu verstehen, daß es die Toten sind, welche die Lebenden mahnen, daß sie sterblich sind und daß sie ihr Leben nicht vergeuden sollen. Und so wird der Tod, der schwarz gekleidete König, der uns sonst ängstigt und schreckt, zum unersetzlichen Lehrer, denn er begründet unser unabwendbar auf Vergänglichkeit gestelltes Weltverhältnis. Ein Menschenalter später, und wir sind es, die hingenommen werden. Wer je bei einem Sterbenden gewacht hat, dem wird dies auch in seiner eigenen Abschiedsstunde helfen. Man nimmt sich vor, die Prüfung gleichfalls zu bestehen und die Lehre auch weiterzugeben.“

(Sebastian Kleinschmidt, FAZ vom 14.10.2006).

„Nur einmal sterben sie für uns. Nie wieder.“

Das Kostbarste an dem Unterricht an den Sterbebetten ist sicherlich die Wichtigkeit und Einmaligkeit dieser Lehrstunde. Es ist eine günstige Gelegenheit und eine einmalige Chance, das Tiefste der eigenen Existenz wahrzunehmen und für die zukünftige Lebensgestaltung dadurch berührt zu werden. Diese philosophische Grunderfahrung entspricht dem griechischen Zeit-Mythos von Chronos und Kairos. Kairos ist der rechte Augenblick, der richtige Zeitpunkt, die Gelegenheit, die es am Schopfe zu packen gilt. Wer dies versäumt, kann das Versäumte nie wieder nachholen. Für den kostbarsten Unterricht an den Sterbebetten gibt es keine zweite Chance – man nutzt sie oder hat sie für immer versäumt.

„Sie können ihre Lehre nicht wiederholen.“

Die Einzigartigkeit des Todes.

Ob sich ein Mensch für die Chance des Unterrichts an den Sterbebetten öffnet und was er daraus für sein eigenes Leben lernt, hängt von vielen Faktoren ab. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen wesentlich mit, ob diese Lehrstunde an den Sterbebetten wahrgenommen werden kann. Vor 100 Jahren sind die meisten Menschen zu Hause im Kreise der Familie gestorben. Heute haben zwar die meisten Menschen immer noch diesen Wunsch, dieser wird ihnen jedoch meist nicht erfüllt. In aktuellen Umfragen ergibt sich, dass 80 % der Menschen am liebsten zu Hause im Kreise der Familie sterben wollen. Nur bei 20 % geht allerdings dieser Wunsch in Erfüllung. Soziologen und Palliativmediziner sprechen in diesem Zusammenhang oft vom Sterbe-Paradox – weil in der Sterbewirklichkeit etwas ganz anderes geschieht als das, was die Menschen sich wünschen.  Viele Menschen sterben heute alleine und einsam – ohne Beistand oder Begleitung ihrer Familie (Csef 2018). Der bekannte Soziologe Norbert Elias verfasste 1982 sein Werk „Über die Einsamkeit der Sterbenden“. (Elias 1982). Der Unterricht an den Sterbebetten kann nicht wiederholt werden. Es gibt keine zweite Chance. Diese Einzigartigkeit und Besonderheit hatte Hilde Domin vor Augen, als sie mit ihrer Chiffre vom „Kostbarsten Unterricht an den Sterbebetten“ spricht. In den vergangenen Jahren sind die Diskussionen um das Thema Sterbehilfe und assistierter Suizid immer wieder aufgeflackert und sind durch Gerichtsurteile geprägt worden. Die sehr unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen in den einzelnen europäischen Ländern führten zu einem fragwürdigen Sterbehilfe- und Suizid-Tourismus (Csef 2019). Im Februar 2020 hat es das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber zur Aufgabe gemacht, eine neue und bessere Lösung zu finden. Die Diskussionen hierzu sind leidenschaftlich und kontrovers. Es geht ja um sehr viel: den einzigen Tod, den jeder hat. Insofern bleibt die lyrische Parole von Rainer Maria Rilke höchst aktuell:

„Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.“

Literatur:

Csef, Herbert (2018) Die Einsamkeit der Sterbenden. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik, Ausgabe 2, S. 1-10

Csef, Herbert (2019) Neuere Entwicklungen der Sterbehilfe in den Niederlanden, Belgien und in der Schweiz. Suizidprophylaxe 46, Heft 1, S. 28-32

Csef, Herbert (2020) Der Tod als radikaler Verlust. Sterben und Tod in der Lyrik und Prosa von Rainer Maria Rilke. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik, Ausgabe 1, S. 1-7

Domin, Hilde (1987) Gesammelte Gedichte. Fischer, Frankfurt am Main

Domin, Hilde (1992) Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein Lebenslauf. Piper, München

Domin, Hilde (1993) Gesammelte Essays. Heimat in der Sprache. Fischer, Frankfurt am Main

Domin, Hilde (2009) Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Nikola Herweg und Melanie Reinhold. Fischer, Frankfurt am Main

Elias, Norbert (1982) Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Humana conditio. Suhrkamp, Berlin

Kleinschmidt, Sebastian (2006): Zu Hilde Domins Gedicht „Unterricht“. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.10.2006

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef, Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Oberdürrbacherstr. 6, 97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Herbert Csef
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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.