So schön war die Welt vor Corona

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Es waren schöne Zeiten, als kein apokalyptischer Virus über die Gesellschaften hinweg ritt. Wohl organisierte, zufriedene und aufgeräumte Ordnung herrschte in den Volkswirtschaften. Ohne große Schwierigkeiten konnte der Kauflust nachgegangen werden. Erfahrungserweiterung durch Befriedigung der Reiselust, Erholung von fleißiger Inlandsproduktsteigerung war weltweit und leicht erfliegbar. Jedes Kind wurde, verantwortungsvoll seiner Zukunft achtend von hochmotivierten Lehrkräften auf seinem Bildungsweg begleitet. Die Universitäten bildeten und beschäftigten die besten Köpfe des Landes, um es vorzubereiten auf höchstem Niveau Wissen und Wirtschaft zu befeuern, Kreativität, Flexibilität, Nachdenken und Reaktionsbefähigung auszubilden, um jeder denkbaren zukünftigen Herausforderung proaktiv entgegen zu sehen und die Mittel zur Bewältigung derselben bereit zu stellen. Die hochkommunikative, mobile und flexible Gesellschaft konnte frei und sicher mit Bahn, Auto und Flugzeug jederzeit zu jedem notwendigen Treffen an jedem Ort der Republik, ja Europas, ja der Welt gelangen – zu Meetings, Konferenzen, Tagungen, Wirtschaftstreffen, Sportereignissen. Es waren schöne Zeiten, alles war wohlgeordnet, eine fleißige, zufriedene, aufgeräumte, zukunftsfeste Gesellschaft.

Zwar waren da doch gewisse Störungen der Ruhe festzustellen. Eurokrise, Finanzkrise, Bankenkrise, Flüchtlingskrise, eine veritable Demokratiekriese des Westens. „Krise“ wurde zu einem viel genutzten Mode- und Medienbegriff, die Häufigkeit seiner Verwendung in verschiedensten Diskursen schien Manchen schon in übertriebener Weise anzudeuten, wir befänden uns trotz scheinbarer Ruhe doch irgendwie in einer permanenten Krise.

Und nun sucht uns eine neue Krise heim, wohl keine, aus der wir mit der gewohnten Selbstverständlichkeit ‚gestärkt herausgehen werden‘. Wir nennen sie „die Corona-Krise“, wir spüren ihre Auswirkungen, wir reagieren, und wir erleben nach Art und Umfang ungewöhnliche Maßnahmen – und wir sehnen uns immer mehr und mehr nach der Rückkehr ins Normal, nach der Wiederherstellung der schönen Welt, wie sie vor der Krise war.

Einen Namen hat die neue Krise, aber wissen wir, was sie ist? Die Rede von „vor der Krise“ bedarf, wie eigentlich alles Reden von „Krise“, einiger Klarheit darüber, was denn genau eine Krise sei. Um sich vom alltäglich-emotionalen Gebrauch des Namens zu lösen und eine fundierte Antwort auf Fragen nach Status, Permanenz oder der Art von Krise zu geben, muss der Begriff „Krise“ jenseits des medial-politischen Sprachgebrauchs untersucht werden: was genau ist die analytisch relevante Struktur einer Krise?

Nachdem wir uns hier zuerst ein analytisch zufriedenstellendes Verständnis verschaffen werden, was eine Krise ist und bestimmt, möchte ich insbesondere folgende Fragen untersuchen: (1) was genau können wir über Anfang und Ende einer Krise sagen, (2) was lässt sich über Fehler in einer Krise sagen, und schließlich (3) wo in der Krise befinden wir uns genau.

Nur wenn wir die strukturelle Begrifflichkeit von Krise klar erfassen, ist es möglich, zutreffend über die Beziehung zwischen Verständnis einer Krise, Reaktionen und verantwortlichem Handeln, respektive auch zu vermeidende Fehler und Lernmöglichkeiten – bezogen auch auf kommende Krisen – zu sprechen. Die Antworten werden nahe an eine Auffassung der Permanenz von Krise führen – jetzt allerdings argumentiert auf einer soliden analytischen Basis – und zweitens eine zweifelnde Haltung bezüglich sehr grundlegender menschlicher Kapazitäten im Umgang mit Krisen motivieren.

I

Beginnen wir mit einer einfachen, weil relativ leicht zu beherrschenden sprachlichen Verwirrung: In Euro-, Demokratie- oder Klimakrise scheinen Euro, Demokratie oder Klima in der Krise; bei Flüchtlings- und Corona-Krise sind es jedoch nicht Flüchtlinge noch der Virus, letztere verweisen nur auf etwas Anderes, das krisenhaft bedroht wird. (Selbiges gilt jedoch auch, s.u. für alle anderen genannten Krisen). Kann ich nicht klettern und möchte über einen hohen Berg, so habe ich ein Problem. Muss ich jedoch über diesen Berg, so stecke ich möglicherweise in einer Krise – die mitnichten eine Berg-Krise ist.

Worauf also verweist eine Krise? Hier soll uns vor allem der Verweis und Zusammenhang mit Bedingungen vor dem tatsächlich bemerkbaren Eintritt einer Krise interessieren. Erstens wird sich daran ein zentrales analytisches Merkmal zeigen, zweitens aber auch der Zugang zu den oben genannten Fragen eröffnen.

Wir fassen – um bei der Corona-Krise zu bleiben – das Virus nicht als erzeugende Ursache der Krise auf, sondern als ihren Auslöser. Damit kann die oben angesprochene Verweisstruktur mittels eines gut bekannten philosophischen Werkzeuges untersucht und genauer gefasst werden: der Konzeption dispositionaler Eigenschaften. Dispositionen sind solche Eigenschaften, die sich unter bestimmten Umständen, insbesondere dem Vorliegen eines Auslösers, manifestieren können. Blicken wir zur Verdeutlichung auf eine typische Anwendung dispositionaler Beschreibungen, ein zerbrechliches Glas. Zerbrechlich zu sein ist hier die in Frage stehende dispositionale Eigenschaft. Ein Glas ist zerbrechlich, selbst wenn es im Verlauf von vielen 1000 Jahren, ja selbst, wenn es nie zerbricht. Sollte jedoch ein Auslöser – der Schlag eines Hammers gegen das Glas – eintreten, so wird das Glas notwendigerweise zerbrechen; die Disposition ‚zerbrechlich‘ wird manifestiert.

Dass eine Struktur Glas, in dieser Weise auf den Auslöser ‚reagiert‘ kann in der molekularen Struktur des Stoffes Glas begründet werden. Damit geben wir die kausale Basis der Disposition an. Wir haben also eine Disposition (zerbrechlich zu sein), einen Auslöser (der Hammerschlag) und eine kausale Basis (die molekulare Struktur).

Für die dispositionale Auffassung einer Krise bedeutet das: Wir haben eine Disposition (zur Krise), jetzt aufgefasst als ein Bündel dispositionaler Eigenschaften der Gesellschaftsstruktur (oder des „Systems“), und einen Auslöser (das Virus). Damit kommen wir zu einer Auffassung einer Krise, die, als Dispositionale verstanden, nicht alleine und direkt auf das aktuelle Krisengeschehen bezogen ist, sondern vielmehr auf die Gegebenheiten der grundlegenden Ausgangssituation inklusive ihrer strukturellen Eigenschaften.

II

Wollte man mit der Analyse von Krise als dispositionalem Geschehen nur auf komplizierte Weise ausdrücken, wie sehr Krisen mit einer bestimmten gegebenen Ausgangslage verknüpft sind, so wäre dies wahrlich nicht sonderlich erhellend und erwähnenswert. Die Struktur von Dispositionen kann die Beurteilung und Analyse von „Krise“ jedoch weit über die simple Feststellung eines Bezugs zur Ausgangslage erhellen. Zwei zentrale Aspekte, die im Folgenden genauer ausgeführt werden, seien genannt. Erstens sind dispositionale Eigenschaften in einem ganz entscheidenden Sinne als ‚ausgreifend‘ zu verstehen, verglichen mit kategorischen Eigenschaften. Zweitens besteht bei Vorliegen dispositionaler Eigenschaften aber dennoch keine Ableitbarkeit für oder der Manifestation, in gewissem Sinne nicht einmal für die Typisierung des Auslösers.

Das Verhältnis zwischen denjenigen Eigenschaften – hier strukturelle einer bestehenden Gesellschaft – die Vorbedingungen einer Krise sind, und neuen zusätzlichen Gegebenheiten, die zur Krise führen, stellt sich bei kategorialer respektive dispositionaler Auffassung sehr unterschiedlich dar.

Sprechen wir von einer Gruppe kategorialer Eigenschaften, so scheinen zukünftige Geschehnisse als mögliche Verläufe. Bei Auftreten einer weiteren Gegebenheit, eines zusätzlichen Ereignisses, erwartet man aus der Kombination mit den vorliegenden Eigenschaften die entsprechenden Auswirkungen. In dieser Auffassung liegt also ein Bündel an strukturellen Eigenschaften vor, das in Zusammenspiel mit einer oder wenigen zusätzlichen Eigenschaften dann zu einer, hier krisenhaften Situation führt. Dem schließt sich dann die Frage an, einen kausalen Mechanismus zu finden, der die Verknüpfung zwischen dem ursprünglichen Eigenschaftenbündel und den hinzutretenden neuen Ereignissen erklärt. Es schließt sich die Auffassung an, durch manipulieren der neuen Eigenschaften könnte die Konsequenz vermieden oder verändert werden. Dies ist wohl die typische Auffassung solcherart Entwicklungen.

In der hier präferierten dispositionalen Auffassung hingegen sprechen wir nicht mehr von einer gegebenen Gruppe an Eigenschaften die durch Addition einer Weiteren – sei es dem Auftreten eines Virus – zur Krise führen könnte. Dispositionale Eigenschaften enthalten qua Eigenschaft bereits Auslöser als ihre notwendige Manifestationsbedingung. In der Auffassung einer Eigenschaft oder Gruppe von Eigenschaften als Dispositionen ist der Zusammenhang zum Auslöser stets mitzudenken, selbst wenn sich seine genaue Art unserer Kenntnis entzieht. Manipulation am Auslöser verändert nicht ex post die dispositionalen Eigenschaften – Veränderungen müssen immer letztere selbst und direkt betreffen. Selbst ein mögliches ‚Ausschalten‘ eines manifestierenden Auslösers garantiert nicht, dass dieselben dispositionalen Eigenschaften sich in anderer Weise manifestieren.

Zum zweiten ist eine Krise, als dispositionales Geschehen verstanden, nicht aus den Eigenschaften des Systemzustandes ableitbar. Denn gerade diese Konsequenzen sind erst ‚vom Ende her‘, das ist, nach Manifestation sichtbar und analysierbar. Dispositionale Eigenschaften sind in bestimmtem Sinne unsichtbar, nämlich insoweit sie sich – ohne den Auslöser – eben nicht direkt als Dispositionen zeigen. Man verwechsle diese Situation nicht mit der Idee, wir wüssten ja bereits, dass Gläser zerbrechlich sind. Dieses Erfahrungswissen – das wir ohne jemals ein zerbrechendes Glas erfahren zu haben nicht wüssten – steht uns nur erstens eben aus Erfahrung und zweitens verbunden mit einer sehr einfachen kausalen Basis zur Verfügung. Im Falle der hier in Rede stehenden gesamtgesellschaftlichen Situation ist die Basis jedoch alles andere als vergleichbar simpel. In so einer hochkomplexen dispositionalen Situation gilt noch viel mehr die Aussage vom erst post-manifestierten Sichtbarwerden der Zusammenhänge.

Wir sind damit an einem kollektiv-psychologisch nachdrücklichen Moment angelangt: dem Auftreten des Erschreckens über den Eintritt einer krisenhaften Situation, insofern sie eben auch der noch so phantasievollen Projektion vor der Krise in gewissem Sinne stets entzogen war. Genau so ‚brechen‘ Krisen über uns herein.

Für die umfängliche Erfassung einer Krise gilt es also diejenigen dispositionalen Momente einer vorgängig gegebenen Situation zu bezeichnen, deren Manifestation nun sichtbar wird. Tückisch ist dies insofern, als man nicht dem Schluss verfallen darf, die Analyse hätte auch bereits prae-manifestiert stattfinden können. Ordnete man sie jenseits des Auslösers der Situation zu, machte man sich gerade der Verwechslung von dispositionalen mit (vom Auslöser völlig unabhängigen) kategorialen Eigenschaften schuldig. Die Analytik einer Krise bedarf also der retrospektiven Erfassung dispositionaler Strukturmerkmale der Vor-Krisen-Verfasstheit; erst dann ist der Begriff „Krise“ klar inhaltlich gefüllt.

Dies ist nun aber keineswegs ein Immer-schon-zu-Spät. Im Gegenteil, gerade die Analyse fördert Aspekte und Elemente einer bestimmten Verfasstheit zu Tage, die eine Manifestation möglich gemacht haben; schärfer: die diese Manifestation dispositional beinhalteten. Somit verweist die Krise jenseits ihrer aktuellen Erfordernisse deutlicher als viele feinsinnigen Tagesanalysen auf strukturelle Problemfelder; Problemfelder, es sei wiederholt, die oftmals beinahe unsichtbar ihrer Manifestation harren.

Kurzum: eine jede Krise fordert einen Aspekt des Handelns im Sinne klassischer Krisenbewältigung, dem zu Grunde liegend wir die typische nicht-dispositionale Auffassung annehmen dürfen; nennen wir es Handeln erster Ordnung. Dem Handeln zweiter Ordnung und Nachdenken über Krise jedoch liegt der eben durch die Krise gegebene unfreundliche Hinweis auf strukturell-dispositionale Probleme zu Grunde. Es ist dieser zweite Aspekt des Nachdenkens, der auf lange Sicht entscheidend ist. „Gestärkt“ geht man aus jeder Krise nicht durch einen Sieg über den Auslöser hervor, sondern durch die Analyse und Veränderung der dispositionalen Gesamtverfasstheit. Nachdenken muss zu Umdenken führen.

III

 Welche Konsequenzen der Analyse sind nun aus dieser Auffassung zu ziehen? Wir werden uns im Weiteren mit den folgenden Aspekten beschäftigen.

(1) Was bedeutet es, ‚vom Ende her‘ zu analysieren? Vor allem geht es hier darum, zu fragen, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Sinne wir vom „Ende“ sprechen können. Wann genau ist eine Krise zu Ende und sind wir nicht mehr in Krisen-Zeiten?

(2) Die Frage nach Reaktionen und mit diesen möglicherweise Fehlern im Umgang mit einer Krise. Wir werden zwei verschiedene Zeiten für Reaktionen, ja sehr grundlegend verschiedene Reaktionsphasen ansprechen, von denen jedoch nur eine – die spätere – tatsächlich in gewichtigerem Sinne Fehler-relevant ist. Entsprechend liegen auch zwei sehr grundlegend verschiedene Fehlertypen vor, von denen wiederum der zeitlich Spätere wichtiger ist; der große Vorteil: seine Erkenntnis und seine Vermeidung lässt sich unabhängig von der spezifischen Art der Krise aus der Analyse begründen, also eigentlich ein Fehler, den man rational nicht machen müsste.

‚Vom Ende her‘ heißt zunächst, nicht das Vorliegen bestimmter dispositionaler Zustände selbst, sondern die spätere Manifestation schließt die Dynamik dispositionaler Eigenschaften erst ab, und macht letztere sichtbar. Als ein ‚Ende‘ scheint der Eintritt des Auslösers. Dieser Auslöser ist oftmals verhältnismäßig leicht zu identifizieren. Im Coronafall natürlich der Virus. Die Manifestationsdynamik ist jedoch nicht eine zu den Eigenschaften hinzukommende, sondern als Eigenschaftscharakteristik mitgedacht und mit enthalten, der Auslöser nicht das Additivum zu einer Gruppe von Eigenschaften; letztere beinhalten das Auslösemoment qua Status dispositionaler Eigenschaften. Einmal manifestiert entwickelt sich aus den dispositionalen Eigenschaften die konsequentielle Geschehensdynamik, was wir im Normalfall dann als die Krise bezeichnen – eine Auffassung, die im Sinne der dispositionalen Beschreibung wesentlich zu kurz greift.

Die Bezeichnung des Geschehens ist nicht mehr als ein Name, der Begriff „Krise“ inhaltlich noch gar nicht umfänglich klar, solange er Dispositionen, Manifestation und Konsequenzen nicht ein- und umfasst. Ab manifestatione sprechen wir von einer zweiten Phase, in deren Verlauf ein Name, bisher nur inhaltlich unklar, nun tatsächlich zu einem Begriff wird. Inhaltserfüllt wird er durch Analyse und Kenntnis der dispositionalen Grundlagen. Hier zeigt sich nun aber, und wir werden weiter unten bei der Analyse von Verantwortung und Fehlern erneut darauf zurück kommen, folgendes Dilemma.

Auf einem Horn sitzen wir durch den Zwang zu handeln, ein Handeln jedoch ohne Wissen um die tatsächlichen Bedingungen; bleibt nur, gegen den Auslöser zu kämpfen. Kein Glas jedoch wird unzerbrechlich, nur weil man alle Hämmer verbietet.

Das zweite Horn des Dilemmas besteht darin, auf vollständige Kenntnis und Analyse zu setzen, um zu wissen, was im Sinne der Beseitigung der dispositionalen Grundlagen zu tun wäre. Diese Wartezeit verhindert aber über Gebühr aktuell notwendige Handlungen.

Dieses Dilemma gehört mit zur Krise und macht einen wichtigen Teil derselben aus. Sie ist keineswegs vorbei, wenn Auslöser identifiziert und sogar erfolgreich bekämpft sind. Ihr Ende erreichte sie, wenn dispositionale Grundlagen identifiziert und verändert wären. Dieses Ende der Krise ist kognitiv wie gesellschaftlich viel schwerer zu erreichen. Meist fällt es erheblich leichter, einen neuen Namen für eine neue Krise zu finden, und sie damit kognitiv – aber vor allem auch politisch – von der ersten zu lösen.

Ähnliches gilt in rückwärtiger Richtung. Waren die dispositionalen Eigenschaften vorliegend – aber noch nicht durch Auftreten eines Auslösers manifestiert – so mögen sie wenig bis schlecht sichtbar gewesen sein, präsent aber dennoch. Ihre Präsenz reicht tief in gesellschaftliche, politische und zeitliche Geschichte. Es ist also mithin ähnlich schwierig den Anfang einer bestimmten Krise genau zu bestimmen.

In gewissem Sinne also ist eine so komplexe Struktur wie Gesellschaft tatsächlich Krise in Permanenz. Selbst wenn sie nicht ausgelöst wird, dispositionale Eigenschaften liegen in der Verfasstheit einer bestimmten Gesellschaftsordnung und -struktur, und zwar jeder, vor. Diese dispositional immer Krisengebundenheit komplexer Gesellschaften nicht zu erfassen, ja sogar als überwunden zu glauben, ist gerade selbst eine der wichtigsten krisenbegründenden Eigenschaften.

Fassen wir zusammen. Das entscheidende Moment, um Krisen richtig zu erfassen, besteht in der Einsicht, dass der üblicherweise namensgebende Faktor als Auslöser einer dispositionalen (Gesellschafts- oder System-)Struktur zur Manifestation führt. Eigentlich ist dies nur die reichlich simple Feststellung, wie sehr Krisen mit einer Basis in den strukturellen Gegebenheiten verwoben sind. Es scheint aber Vieles in der Diskussion über die aktuelle Corona-Krise daraufhin zu deuten, wie wichtig es ist, diesen simplen Fakt erneut und verstärkt zu betonen. Die Analyse von Krisen als dispositional fasst diesen Zusammenhang bloß analytisch schärfer und bietet eine Grundlage, um dessen Konsequenzen zu betrachten.

Das Ende des Manifestationsprozesses, sozusagen der modale Umschwung von dispositionalen zu manifestiert aktualen Eigenschaften wird üblicherweise und fälschlich als der Anfang einer Krise aufgefasst. Ihr Ende besteht nicht im Sieg über den Auslöser, sondern in der Aufgabe den analytischen Blick auf nunmehr wenigstens zum Teil nicht mehr vollständig unsichtbare (vormals dispositionale) Eigenschaften des betroffenen Systems zu richten. Entsprechend sind Verhalten und Reaktionen auf eine neue Krise zu bewerten und damit auch die scheinbar unausweichliche, politisch hoch relevante Frage nach Fehlern im Umgang mit einer Krise.

Bezogen auf die verkürzte Auffassung einer Krise – die mit Manifestation ‚beginnt‘ – kann man sagen: Fehler werden nicht zu Beginn einer Krise gemacht, Fehler macht man am Ende!

Der Beginn – der ja nicht eigentlich der Beginn ist, sondern die Manifestation – erfordert Reaktionen, und zwar erstens rasche und zweitens, unter einem bestimmten Grad an Unkenntnis, risikoreiche. Nimmt man die beiden vorliegenden Momente an Unkenntnis zusammen: Unkenntnis über genaue Art und Funktionsweise des Auslösers einerseits und Unkenntnis über die dispositionalen Grundlagen andererseits, so ist es schlicht rational, die größtmögliche  Gefährdung anzunehmen und dagegen vorzugehen.

Worum es nun nicht geht, ist die sofortige zutreffende Analyse mittelbar sichtbar werdender Dispositionen. Wir finden uns auf dem einen Horn des oben beschriebenen Dilemmas wieder. Nun sofort und kompetent die richtigen, also im Sinne eines erst späteren Wissens fehlerfreien, Entscheidungen zu fordern, drückt mehr als deutlich aus, wie falsch verstanden „Krise“ eigentlich gebraucht wird. Der Vorwurf einer möglicherweise zu massiven Anfangsreaktion geht daher fehl. Einzig die Unterschätzung, das Herunterspielen der Gefahr, politisch motiviertes Einlullen wäre als Fehler zu bezeichnen.

Entscheidende Fehler jedoch werden im weiteren Verlauf gemacht. Je weiter wir uns dem Ende nähern, je mehr Zugang und Analyse der dispositionalen Bedingungen möglich wird, desto gravierender werden sie.

Der gravierendste Fehler lässt sich aus der vorgelegten Analyse sogleich und ohne jeden Zweifel benennen. Er besteht darin, die – wie auch immer gearteten – Anfangsreaktionen als erfolgreiche Ausnahmesituation zu verstehen und dann die Rückkehr zum Normal anzustreben. Denn was als herbeigesehnter Normalzustand, dessen Wiedereintritt man sehnsüchtig wünscht, bezeichnet wird, ist nichts anderes als die dispositionale  Ausgangslage der Krise selbst. Hier macht sich die Fehleinschätzung und verkürzte Analytik einer Krise augenfällig bemerkbar.

Bewältigen einer Krise durch Beseitigung ihrer ‚Ursache‘ und anschließende siegreiche Rückkehr zum normalen, gewohnten Nicht- oder Vor-Krisen-Zustand kann nur als gute Idee verstanden werden, wenn Krise nicht verstanden wird. Nur wenn Auslöser als Ursache missverstanden werden, kann diese unzutreffende Analyse einen scheinbaren, nichtsdestoweniger fundamental falschen Weg zeigen.

Ein derart unzutreffendes, handlungsleitend katastrophales und analytisch missdeutendes Beispiel finden wir in der Ausdrucksweise der Wirtschaftswissenschaft: die Corona Krise als exogenen Schock zu bezeichnen. Hier ist nicht, in ein an und für sich gut abgestimmtes und befriedigend funktionierendes System, ein externer Querschläger, der, aus den exogenen Weiten fremder Welten kommend, ein schön geordnetes, gut funktionierendes, prinzipiell stabiles System attackiert, eingebrochen. Nein, hier hat ein Auslöser dispositionale Eigenschaften die als solche grundlegende Bestandteile des Systems darstellen, die genau dieses System mit fundieren und mit ausmachen, zur Krise manifestiert. Endogener geht kaum!

Diese Wirtschaft, deren massive Einbrüche in vielen Sparten ein Hauptkennzeichen – und ein Hauptbetätigungsfeld politischer Regsamkeit –  ist, liefert ein Paradigma einer malignen Disposition. Permanent gesteigerter Effizienz unterworfen, wurden existentielle Bereiche ausgelagert bis Nachschub und Lieferketten nicht mehr gewährleistet und gesichert werden konnten. Effizient mag ein solches Vorgehen sein, vernünftiges Management ist es nicht. Vernunft hätte immer gefordert, sich gegen eventuelle – krisenhafte – Bedingungen abzusichern. Unterbrochene Lieferketten, Unzugänglichkeit medizinisch notwendiger Grundstoffe, Fehlen bestimmter Produktionsteile sind nicht Krisensymptome, es sind bewusst geschaffene Dispositionen.

Ihnen zu Grunde liegt die Annahme, keine entscheidenden Aspekte des globalen Systems würden sich dramatisch verändern. Man lebt das Dogma, der Weg sei vorgezeichnet: immer engere globale Vernetzung, engste Koppelung zwischen Demokratie und Marktwirtschaft, der Fortgang eines Systems, das es nur noch global endgültig durchzusetzen gilt. Wichtiger noch, die Einstellung, sich in der Nähe eines Optimums zu befinden, womit jeder grundsätzlichen Veränderung die Bedrohung innewohnt, sich von diesem wieder weg zu bewegen. Erhalt, Bestand, Stabilität – diese Ziele bestimmen weit über die Wirtschaft hinaus Gesellschaft, Politik, Bürokratie, Bildung, Kunst und individuell-persönliche Einstellungen.  

Schmerzlich sichtbar an den Bildungseinrichtungen. Einer saturierten Lehrerschaft, bürokratisierten Leitern und hölzern erstarrten Bildungsministerien waren Abstinenz von Einfallsreichtum, Abwesenheit jeglicher Phantasie und der unerschütterliche Wille, Änderungen nur in minimaler Veränderung des gewohnten Systems zu denken ins Gesicht geschrieben. Unterricht im Freien, Verpflichtung schließlich doch nur im Ruhestand befindlicher beamteter Lehrkräfte zum Einsatz, Verteilung der Unterrichtsstunden über den ganzen Tag, Besuch in sowieso geleerten Museen, erhöhte Fahrdienste und Takte zur Beförderung in geringerer Dichte, nichts davon war zu sehen.

‚Systeme‘ und Gesellschaften bestehen aus der Summe ihrer Individuen. Von Angst getrieben, wurden Einschränkungen und Veränderungen angenommen: home-office, Schließungen, lock-down. Die Grenze dieser Akzeptanz wurde jedoch nur zu schnell deutlich; Shoppen, Urlaub, Party, Fußball.

 Das also waren die Dispositionen jener schönen Zeiten vor dem Virus. Die scheinbare rationelle Effizienz schuf eine labile und angreifbare Wirtschaft, Kauflust war zum bestimmenden Inhalt der Befriedung durch Konsum, finanziert auf Pump geworden. Produktionssteigerungen wurden erreicht, ohne Rücksicht auf Ressourcen und globale Gerechtigkeit. Gesprochen über Didaktik, Digitalisierung, Inklusion, Stützung der Schwächsten wurde permanent, geschehen ist, wie wir nun erschüttert feststellen mussten, fast nichts. Die Hochschulen im Leuchtturm-Management zerstörten Freiraum, Kreativität, Renitenz und Phantasie. In zu vielen Bereichen waren es eben nicht die besten Köpfe, sondern die besten Systembespieler und Emsigen. Sinnleer wurde maximale Mobilität gepredigt, alles lief hinaus auf Bewahren, Beharren, Systemstabilisierung – alles, nur keine echten Veränderungen. Von Vernunft wenig zu sehen, denn stumpfe Befriedigung und potemkinsches Selbstbestätigen hat wenig mit Vernunft zu tun.

Diese Dispositionen bleiben, wenig weist darauf hin, nach dem Sieg über das Virus würde nicht schnellstmöglich der Sehnsucht nach Rückkehr ins Normal nachgegeben werden. Die Dispositionen also bleiben und mit ihnen die Permanenz der Krise. Schlimmer, sie werden sich erneut manifestieren, ja sie manifestieren sich bereits und wir befinden uns inmitten dieser Manifestation. Diese Krise trägt den völlig unzutreffenden Namen Umwelt- oder Klimakrise, aber sie wird eine Überlebenskrise werden, sie sollte Menschheitskrise heißen. Auf die endgültige Manifestation zu warten, um dann den Auslöser zu bekämpfen, wird zu spät sein. Es sind die Dispositionen zu dieser Dynamik, die verändert werden müssen, die Beharrung, die Stabilität, die Gewohnheit, die schöne Ordnung. Und wir werden wieder nur ein Mittel haben, die Vernunft.

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Stephan M. Fischer
Über Stephan M. Fischer 1 Artikel
Stephan M. Fischer lehrt Philosophie in Erfurt, Berlin und Innsbruck. Sein Doppelstudium der Physik und Philosophie führte ihn von Innsbruck nach Konstanz, Paris und Berlin. Diplom in experimenteller Atom- und Molekülphysik, gefolgt von Studien der Evolutionsbiologie, Genetik und Neurobiologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Promotionsstudium in Berlin und an der University of Cambridge. Danach absolvierte er ein Ausbildungsprogramm zum Führungsnachwuchs der Ernst Klett Verlagsgruppe in Stuttgart. Rückkehr an die Technische Universität Berlin und dort Habilitation in Philosophie. Veröffentlichungen zur Philosophie und Wissenschaftstheorie der Physik, Biologie, Geschichte, sowie zu Sprachphilosophie.