Eine mutige Kämpferin für den Glauben – Vor 20 Jahren starb die Schriftstellerin Luise Rinser

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Gescholten und bewundert, verdammt und verherrlicht – Luise Rinser, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Literatur der Nachkriegsgeschichte, verstarb vor 20 Jahren. Doch was von ihr bleibt, ist der unverbrüchliche Glaube, der ihr Zeit ihres Lebens Hoffnung gab.

Leicht hatte sie es nie, zu impulsiv, zu bewegend, zu weltverändernd. Als frühe Apologetin des Nazi-Regimes war Luise Rinser im Nachkriegsdeutschland der 68er verschrien, zeitlebens auf die frühen Irrungen und Wirrungen jugendlicher Arglosigkeit reduziert. Für Menschen mit dem Gespür für den religiösen Ton, die göttliche Musik und Redlichkeit hingegen, galt sie als Glanzlicht für eine Literatur, die in Zeiten der Säkularisierung die Stimme für das Übernatürliche, das Geheimnis und das Göttliche eröffnete und damit einer Sehnsucht eine Stimme gab, die sich nicht an der blinden Materie abarbeitete, sondern die hinter allem den weiten Himmel suchte, der die Welt ein wenig besser machen könne.

Offen im Widerspruch

Luise Rinser, die am 17. März 2002 in Unterhaching bei München starb, war ein funkelnder Stern, eine, die dem Leben die wunderbare Kraft des Vitalen immer wieder abgerungen hat, eine Rebellin, für die alles in Bewegung und in Wandlung war. In 80 Büchern, Tagebuchaufzeichnungen und unendlichen Briefwechseln hat sie ein Bild des Lebens gezeichnet, dass vor allem in einer Welt des Absurden beständig nach dem Sinn, dem Glück und der Freude ausgriff, um gegen alle nur spürbare Tragik des Seins den Blick auf die Hoffnung und die Liebe hin zu schärfen.

Die bekennende Katholikin atmete den Geist der Offenheit und des Widerspruchs – und sie war keine, die in irgendeine Schablone passte. Eine Rinser ließ sich einfach nicht ins Korsett pressen. Und so wurde das Nichtkonventionelle ihr Credo. Das Ausgreifen in oft widersprüchliche Weltanschauungen blieb Zeichen einer Offenheit des Blicks, dennoch immer tief verbunden mit dem Humanem und nicht zuletzt einer tief katholisch geprägten Frömmigkeit, einer Sehnsucht nach dem Mysterium und dem Faszinosum von Wunder und Gnade.

Der Ritt durch die irdischen Institutionen

Aus der tiefen barocken Frömmigkeit des bayerischen Katholizismus entsprungen, sparte Rinser nicht an Kritik an ihrer Kirche, katapultierte sich zur einflussreichen Stimme des Linkskatholizismus und engagierte sich in den 1970er Jahren für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen § 218. Und sie hegte eine für heutige liberal-demokratische-westliche Politikauffassungen eine fast schon krude Verehrung für absolutistische Denker und Despoten. In Revolutionsführer Ajatollah Chomeini sah sie ein „leuchtendes Vorbild für die Länder der Dritten Welt“, ihre frühe Bewunderung für Adolf Hitler und den nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung klingen wie irritierende Passionen, die längst aus der Zeit gefallen sind und einzig aus ihrer offenen Suche in die Weite des Lebens hinein und ihres Denkens zu rechtfertigen sind. Auch diese Widersprüche gehören bei aller ihrer tiefsinnigen Intellektualität zu den persönlich unergründlichen Geheimnissen der Literatin.

So rückwärtsgewandt diese Seite ihrer Wesensnatur war, so fortschrittsausgreifend war sie, die bekennende Unterstützerin von Ex-SPD-Kanzler Willy Brandt, aber dann, wenn es um Tierrechte und Vegetarismus ging. Auch gegen die widersinnige Aufrüstung der hochmilitarisierten Waffenblöcke im Kalten Krieg kämpfte sie mit Schriftstellern wie Heinrich Böll und Günter Grass gegen den NATO-Doppelbeschluss. Und lange bevor die Grünen im Establishment der bundesdeutschen Politik angelangt waren, wurde sie von den Umwelt- und Naturschützern 1984 in den Ring um die Wahl des deutschen Bundespräsidenten geworfen. Doch neben der diskursfreudigen Schriftstellerin, die den geistigen Austausch mit dem Dalai Lama ebenso wie mit Ernst Jünger und dem Jesuiten Karl Rahner pflegte, gab es auch die ganze andere Rinser, die mit ihren religiös-theologischen Schriften viele in den Bann zog. Für die einen war ihre Theologie Anlass, sich tiefer in den Glauben zu winden, für die andern geriet sie als „Erbauungsschriftstellerin“ jedoch in Misskredit. Doch mit ihrem Roman „Mirjam“, der Jesus aus der Sicht einer Frau zeigt, hatte sie vielen Menschen auf Sinnsuche einen neuen Zugang zum Glauben eröffnet.

Der qualitative Sprung in den Glauben

So sehr Rinser polarisierte, so sehr sie thematisch ins Offene schritt, so sehr sie an allen Fronten der Gesellschaft nach der greifbaren Veränderung suchte, eines hat sie nie verlassen – ihr Glaube an eine göttliche Ordnung und das Prinzip der göttlichen Gnade. „Es muss eine Ordnung geben, der man sich zu fügen hat“, und die nichts anderes als Ausdruck des Willen Gottes sein kann. Und genau diesem transzendenten Wesen sich zu öffnen, dessen Wirklichkeit einerseits in seiner Schöpfungsvielfalt erscheint, anderseits übernatürlich ist, steht für Rinser für eine völlig neue Qualität des Lebens. Gott ist in der Welt, doch erst die Erkenntnis seiner Jenseitigkeit zeigt, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, sondern eine Gegebenheit und eine vom Gegebenen unabhängige Möglichkeit. Es ist gleichsam dieses übergeordnete Potential im Menschen, das nicht im Unbewussten lokalisiert bleibt, sondern für eine ganz andere Daseinsform steht. Dieses Gott-Sein im Menschen zu entdecken und in der Stunde des Zweifels erweckt zu werden, ist das tiefe Mysterium – an dessen Ende der andere, der durch Gott verwandelte Mensch steht. Dieser qualitative Sprung in den Glauben einerseits und die Gottesgabe andererseits versteht Rinser letztendlich als einen ein Akt der göttlichen Gnade, der in das menschliche Leben eingreift. Für die am 30 April 1911 im bayerischen Landsberg am Lech geborene Autorin wird dieses Eingreifen des transzendenten Gottes zum Damaskus-Erlebnis, aber zu einem, das dankbare Liebe voraussetzt und die Gewissheit um die Endlichkeit der eigenen Existenz.

„Frei ist nur der, der auf sein Ich verzichtet“

Eine ganzheitliche Lebens- und Weltauffassung – gebunden in der göttlichen Harmonie – dafür steht die Schriftstellerin, die in der Erzählung „Die gläsernen Ringe“ 1940 programmatisch das Leitmotiv ihres Lebens und Schreibens so verkündete. „Da erkannte ich zum ersten Male, dass nicht das wirre dunkle Leiden der Kreatur, sondern das scharfe klare Gesetz des Geistes mein Leben leiten würde.“ Gott, so das Credo einer Autorin, „ist die allesbewegende Kraft, er ist der Wandel, er wandelt sich mit uns, wir wandeln uns mit ihm.“

Doch so sehr Rinser von Comenius‘ Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos, von Keplers Gedanken von der „Harmonie der Welt“ und von Nicolaus Cusanus „coincidentia oppositorum“, dem Zusammenfall aller Gegensätze in Gott, von früher Jugend an getragen und erfüllt war, blieb sie stets Pragmatikerin, eine, für die Philosophie und Theologie in das Leben greifen müssen, es vor Stillstand bewahren und in den Strom des Werdens treiben müssen. Die Ideale des Urchristentums sind ihr ebenso nahe wie ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Und in allem schwingt der Geist der Liebe ganz im Sinne von Augustinus‘ „Liebe und tu, was du willst“.

Nur die Liebe sowohl zu Gott als auch zu den Menschen vermag das Band zu stiften, an dessen Ende die Vision von einem glücklichen und friedvollen Leben steht. Doch Liebe und Freiheit hatte Rinser nicht als egozentrische Größen verstanden, wo die Einzeltat heroisch die Siege herbeiführt, sondern: „Frei ist nur der, der auf sein Ich verzichtet. Wer sich selbst hingibt, der hat die Fülle des Lebens. Die Freiheit vom Ich: das ist das Friedensreich.“ Und gegen die zersetzende Kraft des Todes hat sie das Wunder der Auferstehung gesetzt, sowohl ganz katholisch wie auch rein pragmatisch. An die Stelle des Gesetzes und der Unausweichlichkeit des Todes stellt sie ihre Hoffnung von einer geeinten Welt in der Jesus-Nachfolge. Denn nur durch die von ihm vermittelte Einheit von Makro- und Mikrokosmos, von Endlichem und Unendlichem, von Natürlichem und Übernatürlichem, kommt es zur Erkenntnis vom Einssein alles Lebendigen, dass letztendlich das erträumte Friedensreich erschafft. Inmitten des Glaubens hat Luise Rinser immer die Hoffnung in sich getragen, dass die Liebe die Erlösung bringt, mit sich, mit der Welt und letztendlich in Gott. Und so bleibt es die Maxime ihres irdischen Lebens: Durch die Liebe hin zur Verbrüderung. An diese Vision von einem Paradies auf Erden hat die Literatin immer geglaubt – und dieser unverbrüchliche Glaube ist letztendlich ihr unsterbliches Vermächtnis.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2081 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".