KSI Jounalistenforum Web 2.0


Das Nebeneinander, um nicht zu sagen: der Wettbewerb von Journalismus und anderen relevanten Teilöffentlichkeiten, wie sie durch die sogenannten neuen Medien mittlerweile entstanden sind, wird besonders signifikant beim Blick auf die Berichterstattung über eine missbrauchte Frau, die in zwei katholischen Kliniken in Köln angeblich abgewiesen worden ist. Eine den klassischen journalistischen Handwerklichkeiten wie Recherche und Gegenrecherche geschuldete Berichterstattung gerät dann in vielen Fällen angesichts von medialer Standardisierung und Pauschalierung bis hin zur Skandalisierung schnell zur Debatte um die Frage, wer die Deutungshoheit beansprucht.

Sicher ist der aktuelle Fall, der nach wie vor diskutiert wird und dabei auch weit in katholische Milieus hineinwirkt, ein besonders drastisches Muster. Gleichwohl ist es gerade deshalb hervorragend geeignet, sich über den Strukturwandel von Öffentlichkeit, der ja maßgeblich durch Medien und Medienverhalten bestimmt und gestaltet wird, auszutauschen. In sozialen Netzwerken kann gerade in krisenhaften Situationen sicher auch gegengesteuert werden. Doch andererseits können die sozialen Netzwerke dann auch schnell zu asozialen Netzwerken werden, die jegliches Bemühen um eine zeitlich und inhaltlich angemessene, erklärende und einordnende Reaktion erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Dieser Tage reflektierte über diese Fragen das Medienkompetenzzentrum des Katholisch-Sozialen Instituts der Erzdiözese Köln. Es hatte zusammen mit der Pressestelle des Erzbistums Köln zum Thema „Öffentlichkeit und Kirche in der Mediengesellschaft des Web 2.0“ Journalisten und Referenten zu diesem erstmals ausgetragenen Forum eingeladen. In dessen Mittelpunkt stand das immer bestimmender werdende Phänomen von neuer Medientechnologie, Mediennutzung- und (mit)gestaltung sowie die damit verbundene Möglichkeit von medialer Einflussnahme und Mitgestaltung auf das Geschehen von Öffentlichkeit.

„Vom Ich zur Welt“, bezeichnet es Jan-Hinrik Schmidt, wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement über das ,Social web‘ – das sind vor allem Facebook, Twitter, Wikipedia sowie Youtube – lassen immer mehr persönliche Öffentlichkeiten entstehen. Eine Folge, so Schmidt: „Die bisher bekannte Trennung der Rollen des Senders einerseits sowie des Empfängers von Massenkommunikation andererseits lösen sich auf.“ Diese persönlichen Öffentlichkeiten bestünden aus Informationen persönlicher Relevanz und führten so zu einer Infragestellung bislang anerkannter etablierter (Medien-)Öffentlichkeiten.

Erodiert das Monopol der Journalisten auf Auswählen, Aufbereiten und Verfügungstellung von Informationen? Zumindest erhöht sich aus Sicht des Medienwissenschaftlers der Anpassungsdruck auf publizistisch-journalistische Medien, weil die Partizipation an öffentlicher Kommunikation wächst. „Aus Nutzer werden Urheber.“ Die frühere Kopplung und Verbindung eines Mediums mit einer bestimmten journalistischen Qualität löse sich auf oder stehe nun neben anderen Inhalten und Kommunikationsformen, die die Unterscheidung von Qualität, Recherche, Wahrheitsgehalt, Verantwortlichkeit, Relevanz immer schwieriger mache. Oder gar beliebig?

Wie negativ sich manches Verhalten im Social Web auf etablierte Öffentlichkeiten auswirkt, zeigt etwa der Blick auf die sogenannte Internetkriminalität. „Man sitzt vor dem Internet, sieht Straftaten und kann kaum etwas tun“, beschreibt es auf Nachfrage der Tabula Rasa Frank Scheulen, Kriminalhauptkommissar und Pressesprecher des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen. Dort gibt es seit einigen Jahren ein sogenanntes Cybercrime-Kompetenzzentrum. Dazu gehören Ermittlungskommissionen für herausragende Verfahren, die Zentrale Internetrecherche, die Auswertestelle für Kinderpornografie sowie weitere Experten für Computerforensik, Telekommunikationsüberwachung, Auswertung, Analyse und Prävention. „Wir können oftmals nur an die Nutzer appellieren, sich für die Dinge verantwortlich zu fühlen, die in ihren Räumen, ihren sozialen und medialen Netzwerken passieren“, so Scheulen.

Das lässt sich indes auf viele Bereiche und Gestalter der Öffentlichkeit anwenden – nicht zuletzt auf den Journalismus und seine Protagonisten selbst. Auch hier tut oftmals eine Reflexion über das eigene Handeln, dessen Konsequenzen und Verantwortung not.

Und die Kirche? „Viele Menschen nehmen Kirche nur noch über die Medien wahr“, stellte der Kölner Weihbischof Heiner Koch fest und wertete dies erst einmal positiv: „In und für Medien ist Kirche relevant, präsent.“ Insbesondere die lokale Berichterstattung vor Ort spiegele dies wider. Problematisch werde es, wenn einer Gruppe oder einer Institution wie der Kirche es nicht mehr gelingt, medial präsent zu sein und ihr Anliegen deutlich zu machen. Sonntägliche Gottesdienstübertragungen oder die Berichterstattung von einem kirchlichen Glaubensfest wie dem Weltjugendtag trügen zu einer Vervielfältigung der Kernbotschaft bei: „So kann eben eine gute und kultivierte Fernsehübertragung auch das Verständnis für das Geheimnis des Glaubens befördern“, weiß Koch sicher nicht zuletzt aus seinen Erfahrungen als Generalsekretär des Weltjugendtags 2005 in Köln.

Doch der designierte Bischof von Dresden-Meißen weiß natürlich auch sehr genau, dass es für die Kirche in kritischen Situationen über die Medien und nicht zuletzt die sozialen Netzwerke, das sogenannte Web 2.0, eben auch oft zu einer Vervielfältigung eines negativen Bildes von Kirche kommt. Darin sieht der 58-Jährige aber auch eine Chance, nämlich zu einer Selbstvergewisserung, „einem selbstkritischen Wachsein“, wie er es nannte und sogleich konkret aktuell verdeutlichte: „Wie gehen wir angesichts aktueller Medienberichterstattung eigentlich mit unseren Krankenhäusern um? Wie gehen wir mit unserem Klinikpersonal um?“ Dies führe zu Kommunikation und Interaktion nicht nur mit den externen Öffentlichkeiten, sondern auch zu einer intensiven Form der internen Kommunikation innerhalb der Kirche. „Dies wäre ohne die neuen Medien so nicht möglich.“

Kritisch werde es zudem aber auch, wenn Medien gerade in solchen schnelllebigen Gemengelagen wie der eingangs erwähnte aktuelle Vorgang „kirchliche Wirklichkeiten amputieren, weil vielfach Zeit, Luft und Atem fehlen, um Zusammenhänge vor dem Hintergrund unseres grundlegenden Bezugs auf Gott zu erklären“. Da gelinge es dann oftmals nicht, entsprechend dagegen zu halten und sich gegen bestimmte Trends zu stemmen, die dann aber gerade durch Medien verstärkt würden. Rasch komme es schließlich zu einer Beliebigkeit der Inhalte: „Alles ist denkbar, machbar, richtig und darf ja nicht von einer Autorität moderiert oder reguliert werden.“

Mit sehr viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen für einen verantwortungsvollen und sinnvollen Umgang im Zusammenspiel mit den verschiedenen Ausprägungen medialer Formen skizzierte Koch als eine der wesentlichen Anfragen an die Kirche: „Wie bekommen wir es hin, dass das, wofür wir stehen und was auch geschrieben steht, wirklich wahrgenommen wird?“ Die Antwort und Empfehlung des Noch-Weihbischofs, für den das Treffen in Bad Honnef einer seiner letzten offiziellen Termine vor dem Wechsel vom Rhein an die Elbe war, lautet: „Wir dürfen nicht in eine sektenhafte Isolation gehen, sondern müssen Wege der Kommunikation beschreiten.“ Diese Kommunikationsaufgabe sei auch theologisch vorgegeben, denn: „Im Anfang war das Wort.“ Die Menschen mit Jesus Christus und seiner Botschaft zusammenzubringen gehe eben nur über die ,communio‘, die Beziehung, die Kommunikation. Dafür brauche es viele glaubensstarke Menschen und stabilisierende Gruppen, die das begleiten – etwa die ebenso einfühlsamen wie kompetenten Verantwortlichen der Internetseelsorge des Bistums Dresden -Meißen oder auch der Facebook-Austausch eines Weihbischofs mit den ihm anvertrauten Firmlingen.

Foto (Hoensbroech): Schmidt (Bredow-Institut), Michael Kasiske (Pressestelle EB Köln), Weihbischof Heiner Koch (v. li.)

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