Max Weber – ein Vordenker der Moderne. Erinnerungen zu seinem 100. Todestag

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Am 14. Juni 1920 ist Max Weber in München gestorben. Er starb an der Spanischen Grippe. Neben Ferdinand Tönnies und Georg Simmel ist er einer der drei Gründerväter der Deutschen Soziologie. Die drei Genannten gründeten mit Werner Sombart und Rudolf Goldscheid 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Csef 2014 b). Max Weber zählt heute noch zu den am häufigsten zitierten Soziologen. Christian Marty, Verfasser einer neuen Biographie über Max Weber, pries ihn kürzlich in der Neuen Züricher Zeitung als „Titan der modernen Sozialwissenschaft“. Sein Freund, Wegbegleiter und Kollege Karl Jaspers hielt ihn für „den größten Deutschen unseres Zeitalters“ (Csef 2014 a). Wie sein Vater studierte Max Weber Jura und promovierte und habilitierte sich in Berlin an der Juristischen Fakultät. Dort wurde er mit 29 Jahren bereits Professor. Insgesamt hatte er fünf Professoren-Stellen, davon vier Lehrstühle an den Universitäten Freiburg, Heidelberg, Wien und München. An fast allen Lehrstühlen war er nur etwa zwei Jahre aktiv. Etwa 20 Jahre verbrachte er als Privatgelehrter. Der Großteil seines umfangreichen Werkes ist erst nach seinem Tod erschienen. Seine Frau Marianne brachte seine wichtigsten Werke posthum heraus.

Die monumentale Max-Weber-Gesamtausgabe (MWG)

Die Max-Weber-Gesamtausgabe ist die Edition des vollständigen Werkes von Max Weber nach historisch-kritischen Grundsätzen. Die gigantische Editionsarbeit begann im Jahr 1975 und wurde von der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften betreut. Das Projekt wurde vom Freistaat Bayern und der Bundesrepublik Deutschland finanziell gefördert. Die Max-Weber-Gesamtausgabe umfasst 47 Bände mit etwa 30 000 Druckseiten (Horst Baier et al, 1984-2020). Die 47 Bände sind in den Jahren 1984 bis 2020 erschienen. Insgesamt erstreckte sich das Projekt auf fast 50 Jahre umfangreiche Editionsarbeit.

Er war seiner Zeit voraus

Max Webers bekanntestes Werk ist wohl jenes über die Entstehung des Kapitalismus. Es ist im Jahr 1904 nach einer dreimonatigen Amerikareise entstanden und trägt den Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Das Werk umfasst etwa 160 Druckseiten und ist in zwei Teilen in den Jahren 1904 und 1905 im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ erschienen. In Buchform erschien es erst nach dem Tod von Max Weber. Für ihn hat der moderne Kapitalismus eine Schlüsselstellung in der gesellschaftlichen Entwicklung. Er nannte ihn „die schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens“. Hauptthema seiner Untersuchung ist der Zusammenhang von Religion und Kapitalismus, wobei er die protestantische Ethik als die treibende Kraft für die Kapitalismus-Entstehung sieht. Weiterhin arbeitete er die negativen Folgen des Kapitalismus heraus und verdichtete diese zu einer Kapitalismus-Kritik. Diese hat Gemeinsamkeiten, aber auch wesentliche Unterschiede zur Kapitalismus-Kritik von Karl Marx. Max Weber wurde lange Zeit „der bürgerliche Marx“ genannt.

Max Weber gilt auch als Begründer der Wirtschaftsethik und der Religionssoziologie. Bezüglich Wirtschaftsethik untersuchte er nicht nur den Protestantismus und Katholizismus, sondern auch den Konfuzianismus, Taoismus, Hinduismus, Buddhismus und das Judentum. Interessanterweise hat er den Islam ausgelassen. Die große Aktualität von Max Weber zeigt sich besonders in seinen Auffassungen zur „Politik als Beruf“, zu Charisma und Führertum sowie zur Demokratie und Freiheit. Nach Christian Marty hatte Weber ein „ungemein starkes Freiheitspathos“. Die Selbstbestimmung und Autonomie waren für Max Weber ganz hohe Werte – insofern blieb er hier bis heute sehr aktuell. Luzide erkannt hatte er die „Feinde der Demokratie“, die durchaus Parallelen zu der späteren Auffassung von Karl Popper aufweist.

Antagonismen und Widersprüche der Moderne

Die moderne Welt ist nach Max Weber durch starke Ambivalenzen und Antagonismen geprägt. Der moderne Mensch sei bestrebt, sich immer wieder neue Räume zu schaffen und Freiheit zu bewahren. Dabei begibt er sich allerdings immer wieder in neue Zwänge und institutionelle Hörigkeit. Der Antagonismus zwischen Freiheit und Zwang, sowie zwischen Autonomie und Abhängigkeit ist für Max Weber konstitutiv für den modernen Menschen. Die für Max Webers Werk sehr typischen Chiffren von der „Entzauberung der Welt“ und vom „stahlharten Gehäuse“ sind eng mit der Entwicklung des Kapitalismus verknüpft. Max Weber war sehr politisch interessiert. Aus seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ wird er heute noch gerne in Festansprachen von Politikern zitiert. Durch seine Amerikareise im Jahr 1904 war er sehr für Demokratiebewegungen und Revolutionen in anderen Kontinenten sensibilisiert. Die russische Revolution und der amerikanische Kriegseintritt im April 1917 haben ihn sehr beschäftigt. Er diskutierte mit anderen Intellektuellen, wie eine gute Lösung nach Kriegsende aussehen könnte. Er differenzierte klar die antagonistischen Pole eines möglichen „Siegfriedens“ oder eines „Versöhnungsfriedens“. Der Versailler Friedensvertrag machte seine Hoffnungen auf Versöhnung zunichte.

Hartmut Rosa – der Direktor des Max-Weber-Kollegs: Entzauberung und Entfremdung durch fehlende Resonanz.

Hartmut Rosa gilt als einer der führenden deutschen Soziologen und hat mit Bestsellern wie „Beschleunigung“ (2005) und „Resonanz“ (2016) einen großen Wirkungsgrad im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Seit Oktober 2013 ist er Direktor des Max-Weber-Kollegs in Jena. In seinem Werk greift er viele Grundgedanken von Max-Weber auf. Moderne Phänomene wie Entzauberung und Entfremdung seien die Gegenspieler von Resonanz. Hartmut Rosa definiert Resonanz wie folgt:

„Resonanz ist eine bestimmte Form der Bezugnahme auf Welt. Darunter verstehe ich eine Form des In-Beziehung-Tretens, die uns berührt und bewegt, wo wir aber umgekehrt eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen.“

Für das Gemeinwohl und eine gelingende Demokratie ist nach Hartmut Rosa die Resonanz in der Beziehung zu anderen Menschen wichtig. Resonanz gelingt im Zwischenmenschlichen nur über Dialog, Kommunikation, Emotion und Empathie. Wenn dies nicht gelingt, dann entstehen Frustrationen, Enttäuschungen und Wut. Hartmut Rosa sieht im Misslingen von Resonanz die tiefste Wurzel des zeitgenössischen Wutbürgertums (Hartmut Rosa 2019).

Zur Aktualität von Max Weber

In den vergangenen Jahren gab es durch zwei Gedenkjahre wichtige neue Monographien über das Leben und Werk von Max Weber, die mehr oder weniger auch die Aktualität seines Werkes betonten. Im Gedenkjahr zum 150. Geburtstag im Jahr 2014 erschienen die aufschlussreichen Biographien von Jürgen Kaube und Dirk Kaesler. Zum 100. Todestag im Jahr 2020 erschienen die Werke von Hans Peter Müller (2010), Christian Marty (2020) und Gangolf Hübinger (2019). In den vergangenen Jahren wurden die Beiträge von Webers Kapitalismuskritik im Zusammenhang mit den aktuellen Krisen diskutiert. Dabei standen die Klima-Krise und die Corona-Krise im Vordergrund. Der 100. Todestag von Max Weber am 14. Juni 1920 fiel in die Endphase des Corona-Lockdowns. Die Parallelen zwischen der Spanischen Grippe, an der Max Weber starb, und der aktuellen Corona-Pandemie sind evident.

„Bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist“  – dieser Satz aus dem bekanntesten Werk von Max Weber „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ offenbart plastisch die Virulenz der aktuellen Klimakrise. Die Ausbeutung der Ressourcen der Natur und die hemmungslosen Umtriebe des „Raubtier-Kapitalismus“ verdeutlichen, wie hellsichtig Max Weber in seiner Kapitalismus-Kritik die Krise vorwegnahm. Wenn nun Staatsmänner wie Bolsonaro in Brasilien die Regenwälder abholzen lassen, um Gewinne zu maximieren, ist diese Ausbeutung mehr als evident. Max Weber hat mit klarem Blick und konsequenter Analyse die Widersprüche und Antagonismen der Moderne erkannt, die die Demokratie gefährden können und immer wieder Krisen auslösen. Gerade deshalb ist und bleibt das Werk von Max Weber höchst aktuell.

Literatur:

Baier, Horst; Hübinger, Gangolf; Lepsius, M. Rainer; Mommsen, Wolfgang J.; Schluchter, Wolfgang; Winckelmann, Johannes (Hrsg.):

Max-Weber-Gesamtausgabe (MWG). I. Schriften und Reden, II. Briefe, III. Vorlesungen und Vorlesungsnachschriften. 47 Bände. Mohr Siebeck, Tübingen. 1984 – 2020

Csef, Herbert: Karl Jaspers und Max Weber – Freundschaft und Werk. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik. Ausg. 2/2014 a, S. 1-8

Csef, Herbert: Max Weber zum 150. Geburtstag. Universitas. Nr. 815, Heft 5, Jahrg. 69 (2014 b), S. 61-68

Hübinger, Gangolf: Max Weber. Stationen und Impulse einer intellektuellen Biographie. Mohr Siebeck, Tübingen 2019

Kaesler, Dirk: Max Weber – Preuße, Denker, Muttersohn. München 2014

Kaube, Jürgen: Max Weber – Ein Leben zwischen den Epochen. Rowohlt, Berlin 2014

Marty, Christian: Max Weber. Ein Denker der Freiheit. Beltz Juventa, Weinheim 2020

Müller, Hans-Peter: Max Weber: Eine Spurensuche. Suhrkamp, Berlin 2020

Müller, Hans-Peter; Sigmund, Steffen (Hrsg.): Max-Weber-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Metzler/Springer, Berlin 2020

Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005

Rosa, Hartmut: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2016

Rosa, Hartmut: Woher kommt eigentlich die Wut der Wutbürger? Interview mit Thorsten Jantschek. Deutschlandfunk Kultur vom 5.1.2019, S. 1-11

Weber, Marianne: Max Weber. Ein Lebensbild. Piper, München 1989

Weber Max: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 20 (1904), 1-54 und 21 (1905), 1-110

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef, Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Oberdürrbacherstr. 6, 97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 62 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.