„Mit Anstand von dieser Welt verschwinden“ Zum 80. Todestag von Sigmund Freud

Friedhof Rom, Foto: Stefan Groß

Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud in London gestorben. Sechzehn Jahre lang war er deutlich von seinem Mundhöhlen-Karzinom gezeichnet. 32 Operationen und die erheblichen Folgeschäden (nicht mehr richtig essen und sprechen können) hat er mit stoischer Würde ertragen. Schon zu Beginn seiner Krebserkrankung, noch bevor er eigentlich die Diagnose kannte, äußerte er die Möglichkeit von aktiver Sterbehilfe. Zu dieser ist es dann sechzehn Jahre später gekommen: Freud starb keinen natürlichen Tod, sondern durch assistierten Suizid, genauer durch Tötung auf Verlangen. Der erste Arzt, den er damals konsultierte, war sein Schüler und Leibarzt Felix Deutsch in Wien. Felix und seine Ehefrau Helene Deutsch waren beide Psychoanalytiker und Schüler Freuds. Wegen ihrer jüdischen Herkunft emigrierten beide 1936 in die USA. Felix Deutsch wurde dort der erste Professor für Psychosomatische Medizin an der Washington University in Sankt Louis, Missouri. Dass Freud gerade ihn als seinen Leibarzt auswählte, lag an seiner internistischen Kompetenz. Er hatte sich 1919 an der Universität Wien für Innere Medizin habilitiert und erhielt 1921 einen Lehrauftrag. Im Jahr 1923, als Freud ihm die verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle zeigte, war Felix Deutsch sichtlich überfordert. Als Schüler des großen Meisters war er nicht in der Lage, diesen mit der ganzen grausamen Realität zu konfrontieren. Der Titel des vorliegenden Essays geht auf die sehr entscheidende Begegnung vom 7. April 1923 zurück. Freud bat nämlich Felix Deutsch, ihm im Ernstfall zu helfen, „mit Anstand von dieser Welt zu verschwinden“. Als Freud schließlich im Jahr 1939 um ärztliche Suizidbeihilfe bat, war Felix Deutsch bereits 13 Jahre in den USA. So war es nun die Aufgabe des aktuellen Leibarztes Max Schur, Freud seinen letzten Wunsch zu erfüllen.  

Die Krebserkrankung Sigmund Freuds

Im Februar 1923 zeigte Sigmund Freud seinem Schüler und Arzt Felix Deutsch eine verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle, von der er vermutete, es handele sich um eine Leukoplakie. Nach mehreren Konsultationen anderer Ärzte erfolgte am 20. April 1923 eine erste Operation. Bemerkenswerterweise ließ sich jedoch Freud nicht von dem ausgewiesenen Experten Professor Hans Pichler, dem Leiter der Wiener Spezialabteilung für Kieferchirurgie operieren, sondern von dem HNO-Professor Markus Hajek, der Spezialist für Nasennebenhöhlen war. Vielleicht war dies ein fataler erster Fehler. Bei der Operation wäre Freud beinahe verblutet. Weiterhin konnte der Operateur nur einen Teil des Tumors entfernen und in der Tiefe des Oberkiefers befanden sich noch Tumorreste. Anschließend empfahl Professor Hajek eine Radiumtherapie, die bei Freud starke Schmerzen verursachte. Der engste Kreis von vertrauten Psychoanalytikern um Freud, das sogenannte „Komitee“ (Karl Abraham, Max Eitington, Sandor Ferenczi, Ernest Jones, Otto Rank, Hanns Sachs) traf sich zu einer Geheimsitzung und beriet das weitere Vorgehen. Es wurde eine weitere Behandlung bei Professor Pichler empfohlen und organisiert (Cremerius 1989; Schmidbauer 2013). Die Operation erfolgte am 11. Oktober 1923. Sie dauerte 7 Stunden und es erfolgte eine ausgeprägte Knochenresektion. Von nun an musste Freud eine Kieferprothese tragen. Bis zum Ende seines Lebens waren Sprechen und Essen ohne Schmerzen nicht mehr möglich (Edmundson 2009). In den ersten fünf Jahren des Verlaufs der Krebserkrankung kam es zu mehr als 350 Konsultationen von Sigmund Freud bei Professor Pichler, in dessen Händen er sich sehr gut aufgehoben fühlte. Ein großes Manko war die fehlende Bereitschaft oder Fähigkeit Freuds, mit dem schädlichen Rauchen aufzuhören. Nach der ersten Operation kam es noch zu 32 weiteren Operationen, jeweils wegen Lokalrezidiven in der Mundhöhle (Csef 2017). Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud nach einer 16 Jahre verlaufenden Krebserkrankung gestorben

„Existenz auf Kündigung“ als Damoklesschwert-Erlebnis

Etwa ein halbes Jahr nach seiner ersten Krebsoperation schrieb Sigmund Freud an Lou Andreas-Salome, die zu seinen engsten Vertrauten gehörte:

„Ich habe alle garstigen Realitäten gut überstanden, aber die Möglichkeiten vertrage ich schlecht, mit der Existenz auf Kündigung komme ich nicht zurecht.“ (Brief an Lou Andreas-Salome vom 13. Mai 1924).

Mit dieser Metapher der „Existenz auf Kündigung“ deutete Sigmund Freud frühzeitig an, dass ihn die Ungewissheit der verbliebenen Überlebenszeit stark beschäftigt und beeinträchtigt. In die psychoonkologische Forschung ist dieser Zusammenhang als „Damoklesschwert-Syndrom“ eingegangen (Csef & Flingelli 1993). Viele Krebskranke erleben die mögliche Todesdrohung wie ein Damoklesschwert, das über ihrem Haupt schwebt. Für viele bleibt ungewiss, ob sie an ihrer Krebserkrankung sterben werden und wann dies sein wird. Die „deadline“ dieser „Existenz auf Kündigung“ ist und bleibt ungewiss. Mit den „garstigen Realitäten“ kam Freud ganz gut zurecht, aber jedoch nicht mit der Möglichkeit des Todes. Hiermit scheint der Tod als die Möglichkeit der radikalen Vernichtung auf (Gerisch 2009).

Die Grundfragen des Krebskranken: „Warum gerade ich?“ und „Wie lange noch?“

Jeder Arzt oder Psychologe, der längere Krebskranke betreut oder behandelt hat, wird zustimmen, dass zwei Grundfragen Krebskranke besonders umtreiben: Die Frage, „Warum gerade ich?“ eröffnet vor allem Sinnfragen, z.B. „Warum habe ich überhaupt Krebs bekommen?“ „Warum diese Art von Krebs?“ „Warum gerade jetzt?“ (Csef 1998). Freud hat sich mit diesen Fragen wenig auseinandergesetzt. Die Frage „Wie lange noch?“ hat ihn mehr beschäftigt. Diese Frage fokussiert die Überlebenszeit, aber auch die Länge oder Dauer des qualvollen Leidens. Mit seiner Metapher „Existenz auf Kündigung“ hat Freud dieses Thema genial auf den Punkt gebracht. Kurz vor dem Brief an Lou Andreas-Salome schrieb Freud an anderer Stelle über seine Krebserkrankung: „Es geht mir nicht sehr nahe. Man wird sich eine Weile mit den Mitteln der modernen Medizin wehren und sich dann der Mahnung von Bernhard Shaw erinnern: „Don’t try to live for ever, you will not succeed.“ (zit. nach Kollbrunner 2001).

„Ich bin ganz Karzinom geworden“

Schon Jahrzehnte vor seiner Krebsdiagnose schrieb Sigmund Freud an Wilhelm Fliess den bemerkenswerten Satz: „Ich bin ganz Karzinom geworden“. (zit. nach Jacob 1989, S. 100). Diese Aussage Freuds stammt vom 19. Februar 1899, also 24 Jahre vor seiner Krebsdiagnose. Sein Leibarzt Max Schur beschäftigte sich intensiv mit diesem Phänomen und stellte die Frage, ob das Unbewusste Freuds etwas von der Krebserkrankung wissen oder ahnen konnte, lange bevor diese sich manifestierte. Wann immer Freud gefragt wurde, warum er das schädliche Rauchen nicht lassen könne, hat er geantwortet, dass ihm schöpferisches Arbeiten nur im Zusammenhang mit dem Genuss des Zigarrenrauchens möglich sei. Wiederholt sprach Freud davon, dass er eine ungeheure Arbeitswut in sich habe, einen großen Drang, sein eigenes Werk voranzubringen. Dieser mächtige Antrieb sei wie ein „innerer Tyrann“ und sei wie ein Neoplasma oder eine Krebserkrankung, die alles andere aufzehre, was vom Menschen noch übrig sei. Die Verknüpfung von Arbeitswut und Rauchen brachte Freud in den Zusammenhang mit der Idee der Selbstopferung. Dies wiederum folgt der psychoanalytischen Deutung: „Ein Symptom entsteht dort, wo der verdrängte und der verdrängende Gedanke in einer Wunscherfüllung zusammentreffen können.“ (Jacob 1989, S. 100).

Literatur:

Alt, Peter-André (2016) Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. Beck, München

Cremerius, Johannes (1989) Freuds Sterben – Die Identität von Denken, Leben und Sterben. Jahrbuch der Psychoanalyse (24) 97-108

Csef, Herbert; Flingelli, Georg (1993) Lebenssinn und Überlebenswille bei Krebskranken. Daseinsanalyse 10, 180-186

Csef, Herbert; Kube, Anette (1998) Sinnfindung als Modus der Krankheitsverarbeitung bei Krebskranken. In: Csef, H. (Hrsg.) Sinnverlust und Sinnfindung in Gesundheit und Krankheit. Königshausen & Neumann, Würzburg, 325-343

Csef, Herbert (2017) Sigmund Freud und Thomas Mann als Krebskranke. Eine vergleichende Darstellung ihrer Krankheitsverarbeitung. Onkologische Welt, 8:8-13

Edmundson, Mark (2009) Sigmund Freud. Das Vermächtnis der letzten Jahre. DVA München

Gay, Peter (1989) Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. S. Fischer, Frankfurt/Main

Gerisch, Benigna (2009) „Mit Anstand von dieser Welt verschwinden”. Psychoanalytische Anmerkungen zur Suizidalität in Leben und Werk Sigmund Freuds.  literaturkritik.de Nr. 10, Oktober 2009

Jacob, Wolfgang (1989) Zur Krankheit Sigmund Freuds. H. Speidel u. B. Strauss (Hrsg.). In: Zukunftsaufgaben der Psychosomatischen Medizin. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, S. 100-107

Kollbrunner, Jörg (2001) Der kranke Freud. Klett-Cotta, Stuttgart

Schmidbauer, Wolfgang (2013) Der Mensch Sigmund Freud. Ein seelisch verwundeter Arzt? Kindle Edition, Edel Elements

Schur, Max (1973) Sigmund Freud. Leben und Sterben. Suhrkamp, Frankfurt

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef   

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@medizin.uni-wuerzburg.de

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Über Herbert Csef 39 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.