Morde in „gesellschaftlichem Auftrag“

Freya Kliers Buch über die Verbrechen der Staatssicherheit

Stasi

Als der ostpreußische Schriftsteller Ernst Wiechert (1887-1950) im Sommer 1938 aus dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar entlassen worden war, wurde er sofort, bevor er auf seinen Hof in Oberbayern zurückkehren durfte, Joseph Goebbels, dem „Minister für Volksaufklärung und Propaganda“, in Berlin zugeführt, wo er verwarnt wurde, weiterhin gegen den nationalsozialistischen Staat zu hetzen, ansonsten würde er noch einmal ins Konzentrationslager gebracht „mit dem Ziel Ihrer physischen Vernichtung“. Als der 1933 in Oelsnitz/Erzgebirge geborene DDR-Schriftsteller Reiner Kunze 1976 seine DDR-kritischen Texte „Die wunderbaren Jahre“ in einem Westverlag veröffentlicht hatte, wurde er zu Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann nach Ostberlin einbestellt und eindringlich verwarnt, weiterhin staatsfeindliche Literatur zu schreiben, ansonsten könne er, der Minister, einen tödlichen Autounfall Reiner Kunzes auch nicht mehr verhindern. Was ist der Unterschied zwischen einem nationalsozialistischen und einem kommunistischen Auftragsmord? Es gibt keinen! Reiner Kunze hat nur deshalb überlebt, weil er am 13. April 1977 nach Bayern ausreisen durfte.

Wer die Geschichte der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ zwischen 1918 und 1945 kennt, kann nicht überrascht sein darüber, mit welcher Brutalität die seit 1946 in der Sowjetzone herrschenden Kommunisten sich ihrer Gegner entledigten. Schon die KPD-Geschichte in der Weimarer Republik ist eine einzige Abfolge von Parteiausschlüssen, mit denen Widerstrebende der seit Lenins Tod 1924 einsetzenden Stalinisierung der Partei mundtot gemacht werden sollten. Wenn es sich ergab, wurde auch gemordet: Der bayerische Kommunist Hans Beimler (1895-1936), der im SED-Staat wie ein Heiliger verehrt wurde, ist, so lassen es die merkwürdigen Umstände seines plötzlichen Todes vermuten, im Spanischen Bürgerkrieg am 10. Dezember 1936 an der Madrider Front von den eigenen Genossen, denen er politisch unbequem geworden war, hinterrücks erschossen worden.

Nach 1949, als die deutschen Kommunisten über einen eigenen Staat verfügten, wurden politische Gegner nach Artikel 6 der DDR-Verfassung zu hohen Haftstrafen verurteilt, später nach dem Strafrechtsergänzungsgesetz vom 11. Dezember 1957. Aber noch weit in die DDR-Jahre hinein wurden demokratisch gesinnte Studenten der russischen Besatzungsmacht überstellt wie Arno Esch (1928-1951) von der Universität Rostock und Herbert Belter (1929-1951) von der Universität Leipzig, die 1951 in Moskau erschossen wurden, während der Leipziger Studentenvertreter Wolfgang Natonek (1919-1994) „nur“ zu 25 Jahren Straflager verurteilt wurde.

Ähnlich dem seit 1936 unaufgeklärten Kriminalfall „Hans Beimler“ lässt sich auch bei den rund 70 Attentaten, derer sich die 1950 in Dresden geborene Schriftstellerin Freya Klier mit analytischer Schärfe annimmt, schwerlich nachprüfen, wer die Aufträge dazu erteilte. Ein starkes Indiz dafür, dass Erich Mielkes Ministerium das ausführende Organ für Morde gewesen ist wie im Fall des 1979 geflohenen DDR-Fußballers Lutz Eigendorf und für Mordversuche wie im Fall des Ostberliner „Spiegel“-Korrespondenten Ulrich Schwarz, liegt darin, dass nur bei einer Organisation wie der Staatssicherheit eine derartige Wucht an krimineller Energie, gepaart mit ideologischer Verblendung, existierte. Ein „Verein zur Beförderung der Humanität“ war dieser Geheimdienst sicher nicht! Ein Moment der Verbrechensaufklärung tritt hinzu: Freya Klier und der Liedermacher Stephan Krawczyk hatten am 8. November 1987 auf dem Weg nach Stendal/Altmark einen schweren Autounfall, der sie fast das Leben gekostet hätte; von Oktober bis Dezember 2019, 32 Jahre danach, erhielten sie mehrere Anrufe ihres einstigen Vernehmungsoffiziers von 1988, der, den nahen Krebstod vor Augen, sein Gewissen erleichtern wollte und schließlich bestätigte, dass bei dem verunglückten Auto die Bremsschläuche durchschnitten waren. Ulrich Schwarz, der 1985/89 über enge Kontakte zu DDR-Bürgerechtlern verfügte, wurde 1987 auf der Fahrt nach Rostock bewusstlos, überschlug sich mehrmals und kam wie durch ein Wunder mit dem Leben davon.

Eine weitere Variante zur Liquidierung politischer Gegner war der durch Verstrahlung herbeigeführte Krebstod, der erst Jahre nach dem Mauerfall 1989 eintrat wie bei dem Schriftsteller Jürgen Fuchs (1950-1999). Auch hier gab es selbstverständlich keine Beweise, falls nicht irgendwann in der Gauck-Behörde noch entsprechende Akten gefunden werden. Einzig bei dem Mord an dem Jenaer Bürgerrechtler Matthias Domaschk (1957-1981) am 12. April 1981 im Untersuchungsgefängnis Gera der Staatssicherheit scheint sich die Beweiskette zu schließen.

Dieses unglaubliche Buch ist eine Kriminalgeschichte des SED-Staates, geschrieben von einer Autorin, die selbst zweimal verhaftet war und dann jahrelang recherchiert hat. Die westdeutschen DDR-Forscher haben dieses Thema leider bis heute nicht aufgegriffen.

Freya Klier „Unter mysteriösen Umständen. Die politischen Morde der Staatssicherheit“, 304 Seiten, 26.00 Euro, Herder-Verlag, Freiburg/Breisgau 2001

Über Jörg Bernhard Bilke 225 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.