Neonazismus im deutschen Olympia-Team

Die Ruderin, Nadja Drygalla, langjährige Freundin eines bundesweit bekannten Neonazis, verließ das olympische Dorf und behauptet allen Ernstes, sich von jeglichem neonazistischen Gedankengut zu distanzieren.

Die Rostockerin Nadja Drygalla ruderte bei den Olympischen Spielen im Deutschland-Achter der Frauen. Als dann durch einen Artikel einer antifaschistischen Gruppe öffentlich gemacht wurde, dass ihr Freund Michael Fischer ein bundesweit bekannter Neonazi ist, verließ sie vorzeitig das olympische Dorf. Ob dies auf Druck der Teamleitung geschah oder aus freien Stücken, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden.
Drygalla ist die Freundin von Michael Fischer, der 2011 für die NPD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern antrat und eine enge Verbindung zu den Nationalen Sozialisten Rostock (NSB) pflegt. Fischer war früher selbst Ruderer. Am Mittwoch erschien auf der Interseite der antifaschistischen Gruppe „Kombinat Fortschritt“ ein Beitrag, der auf die Verbindung Drygallas zur neonazistischen Szene hinwies. Einen Tag später wurde Drygalla zur Teamleitung bestellt. Nach einem Gespräch mit Drygalla hatte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) den Eindruck, sie bewege sich „auf dem Boden des Grundgesetzes und der olympischen Charta.“[1] Hans Sennewald, Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern, war nach kurzer Konversation mit Drygalla davon überzeugt, dass sie sich „offen von rechtsextremen Gedankengut distanziert.“[2]
Die Distanzierung Drygallas von neonazistischen Ideologemen kann nur als taktische Lüge bezeichnet werden. Wenn Drygalla eine Partnerschaft mit einem bekennenden Neonazi pflegt, muss sie entweder seine Einstellung tolerieren oder mit ihr sympathisieren. Dass beides nicht hinnehmbar ist, dürfte Konsens sein. Wenn sie sich vom extrem rechten Gedankengut distanzieren würde, hätte sie sich von Fischer trennen müssen. Als die Polizeibehörde in Rostock von ihrer Beziehung zu Fischer erfuhr, gab es ein Gespräch mit ihr verbunden mit der Aufforderung, ihre Beziehung mit Fischer aufzugeben. Ein Beamter erklärte, dass eine Trennung oder Distanzierung von ihrem neonazistischen Freund nicht in Frage kommen würde: „Drygalla hat in dem Gespräch klargemacht, dass sie sich in ihren privaten Lebensweg nicht hineinreden lässt.“[3]
Wie sich immer mehr herausstellt, hätte dieser Skandal im Vorfeld vermieden werden können. Der Landesruderverband Mecklenburg-Vorpommern wusste seit Jahren von dem Verhältnis Drygallas mit dem Neonazi Fischer, das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern seit Frühjahr 2011. Ein einfacher Ausschluss Drygallas aus der Sportförderung oder spätestens ein Ausschluss im Vorfeld aus der Olympiamannschaft wäre zwingend notwendig gewesen.
Die rechte Szene sehen Drygalla als eine der ihren an, es gibt eine Facebook-Seite, auf der zur Solidarität mit ihr aufgerufen.[4]
Ihr Freund Michael Fischer ist einer der führenden Vertreter der neonazistischen Gruppe Nationale Sozialisten Rostock (NSR). Im Februar 2012 war er an einem Angriff auf die Gedenkkundgebung für den von der NSU ermordeten Mehmet Turgut in Rostock-Toitenwinkel beteiligt. Fischer trägt ein Tattoo mit einer schwarzen Sonne, das ein Symbol aus mehreren stilisierten Hakenkreuzen darstellt und früher ein Zeichen der SS war.
Die NSR orientieren sich am „nationalrevolutionären“ Gedankengut der NSDAP-Größen Georg und Otto Strasser. Otto Strasser gründete 1930 mit einem kleinen Kreis von Anhängern eine „Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten“ und veröffentlichte 1933 „Vierzehn Thesen zur deutschen Revolution“, in denen er vor einer angeblichen Bevormundung durch das „artfremde Judentum“ warnte.[5]
Getreu ihrem Motto „National im Herzen, sozialistisch im Geist, revolutionär im Handeln!“ postulieren die NSR den „nationalen Widerstand“ gegen das „System BRD“: „Egal welche Partei an der Macht ist, im Grundsatz wird sich nicht viel ändern, da dieser Staat seit Jahrzehnten von Vaterlandshassern und korrupten Politikern in den kulturellen, sowie materiellen Ruin getrieben, und ohne Rücksicht auf Verluste ausgebeutet wird. Deswegen fordern wir jeden einzelnen Deutschen mit unseren Aktionen auf, endlich wieder etwas für unser Land und die Zukunft unserer Kinder zu tun. Denn wenn wir weiter tatenlos zusehen, wie man die multikulturelle Gesellschaft vorantreibt, wird es nicht mehr lange dauern und die demographische Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten.“[6]
Gemäß der Doktrin der NSR sei in der BRD „eine Politik der Fremdinteressen entstanden, da „nach der Kapitulation vom 8.5.1945“ eine „Umerziehung ganz nach der Willenslust der Sieger“ erfolgte, deren „fatale Auswirkungen wir heute jeden Tag aufs Neue auf der Straße sehen“ würden.[7] Rassistische und völkische Elemente verbunden mit einem kruden Antikapitalismus bestimmen die Ideologie der NSR: „Der heutige Zeitgeist ist geprägt von diesen volkszerstörenden Elementen wie Multikultur, Kapitalismus und Globalisierung. Die Völker hingegen haben sich im Verlauf der Geschichte bewährt und den Menschen zu dem einzigen Kulturwesen aller Lebewesen gemacht. Die Vermischung von Kultur und Rassen degradiert den Menschen zu einem Massenwesen, was einzig und allein im Dienste des Kapitals steht.“[8]

Literatur
Aachener Nachrichten vom 4.8.2012
Bild am Sonntag vom 5.8.2012
Wistrich, R.S.: Wer war wer im Dritten Reich. Ein biographisches Lexikon, München 1983
http://info-rostock.org/die-nsr/
http://info-rostock.org/volker-statt-one-world/
www.facebook.com/SolidaritatMitNadjaDrygalla


[1] Aachener Nachrichten vom 4.8.2012, S. 7
[2] Bild am Sonntag vom 5.8.2012, S. 58
[3] Ebd., S. 59
[4] www.facebook.com/SolidaritatMit NadjaDrygalla
[5] Wistrich, R.S.: Wer war wer im Dritten Reich. Ein biographisches Lexikon, München 1983, S. 264
[6] http://info-rostock.org/die-nsr/ (abgerufen am 27.7.2012)
[7] Ebd.
[8] http://info-rostock.org/volker-statt-one-world/ (abgerufen am 27.7.2012)

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Über Michael Lausberg 316 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.

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