Rezension Kinderbuch „Emma undPferd Beere“

„So ein Pferd ist wie ein Mensch, aber schöner. Wenn ein Pferd vor der Tür steht, fragt man nicht lange, wo es herkommt und was es wohl will“, erklärt die kleine Emma und ergänzt, wie es so ist mit einem Pferd, das eines Tages vor der Tür stand und das jeder sehen kann: „Man sagt: Oh, was für eine Überraschung! Und dann lässt man es rein. Man sagt: Herzlich willkommen! Wie geht es Dir? Und wartet dann ab, was passiert.“ Doch besondersdie kleinen Leser, für die dieses liebevoll gemachte Kinderbuch gedacht ist, werden sicher nicht gern lange abwarten wollen, was passiert. Und Emma lässt sie auch nicht lange warten und erzählt ihre Geschichte weiter, wie es so ist mit ihrem imaginären besten Freund.
Das Mädchen Emma erdenkt sich nicht nur die Idee vom Pferd Beere. Sie entwickelt diese Fiktion auch weiter und vertritt diese mit ebensolcher Vehemenz wie mit Glaubwürdigkeit. Das ist eigentlich schon alles. Denn nach einer tieferen Botschaft oder gar einem pädagogischen Ansatz zu suchen, wäre wohl zu viel der Interpretation für dieses wunderbare Buch für Kinder ab fünf Jahren. Warum auch? Die beiden miteinander befreundeten Autorinnen Heike Geißler sowie die Illustratorin Simone Waßermann haben einen seh- und lesbaren Spaß daran, schlicht und einfach eine schöne Geschichte zu erzählen, Wünsche umzusetzen und zu einem freien, unbefangenem Entdecken einzuladen. In dieser Unbefangenheit und anrührenden Schlichtheit in Inhalt, Form und Darstellung wirkt das Buch wie ein Beitrag zur Entschleunigung in vielfach überfrachteten Kinderzimmern.
Die 1977 in Riesa geborene Geißler, die 2002 für ihren weithin beachteten Debütroman „Rosa“ mit dem renommierten Alfred-Döblin-Förderpreis ausgezeichnet wurde, lässt das Mädchen Emma in kurzen, prägnanten und daher besonders ansprechenden und Kind gerechten Sätzen die Geschichte vom Alltag mit dem Pferd erzählen. „Hier befindest du dich fast im Zentrum der Stadt“, sagt Emma zu Pferd Beere, als sie zusammen auf dem Balkon der Wohnung stehen und das Mädchen wie selbstverständlich die wesentlichen Elemente eines Stadtbilds zeigt: „Du siehst dort links die Kirche, siehst dahinter die Leuchtschrift der Kaufhäuser, siehst auch die Straßenbahnen (…), den Spielplatz und den Park.“ Ein ruhiger Alltag, der eigentlich nichts weiter ist als blühende Kinderfantasie und in diesem Sinne auch von den farbenfrohen Illustrationen ein Stückweit visualisiert wird. Simone Waßermann legt mit dem Buch zudem ihre Meisterarbeit an der Hochschule für Grafik und Design Leipzig vor. Bei ihren Illustrationen setzt sie sehr bewusst die Komplementär- und Sekundärfarben ein, bedient sich dabei vornehmlich der Farbpaare rot-grün sowie blau-orange. Die wie Buntstiftzeichnungen anmutenden Bilder sind klar und eindeutig und wohl gerade deshalb für Kinder eingängig und leicht zu entschlüsseln. Jedes Buch in dem ungewöhnlichen Format von 23 mal 33 Zentimetern ist aufgrund der Herstellungstechnik mit Echtfarben ein Unikat. Das ist ein Verfahren, bei dem die Druckfarben unterschiedlich beleuchtet werden – in der Regel werden Kinderbücher aus Gemischtfarben gedruckt. Weil jedes Buch also ein Unikat ist, ist auch der Preis für das originalgrafische Bilderbuch mit Leuchtkraft und seinen liebevoll und detailreich gezeichneten Illustrationen gerechtfertigt.
Am Ende der über 50 Seiten überlegt Emma, was denn nun zu denken ist und nimmt Pferd Beere an die Halfterleine, um es in den Horizont der letzten Doppelseite zu führen. Der fröhliche, zufriedene Blick, mit dem Emma sich dabei zu ihren Lesern umwendet, wirkt wie eine Einladung an Leser, Vorleser und Betrachter, nun selbst mit der eigenen Phantasie über den möglichen Fortgang dieser Fiktion nachzudenken.

Emma und Pferd Beere, Text: Heike Geißler; Illustration/Gestaltung: Simone Waßermann, 56 Seiten, 30 Euro; Lubok Verlag; ISBN: 978-3-941601-09-3

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Constantin Graf von Hoensbroech
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Constantin Graf von Hoensbroech absolvierte nach dem Studium ein Zeitungsvolontariat über das "Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses - ifp". Nach Stationen in kirchlichen Medien war er u. a. Chefredakteur von "20 Minuten Köln", Redaktionsleiter Rhein-Kreis-Neuss bei der "Westdeutschen Zeitung", Ressortleiter Online bei "Cicero" sowie stellvertretender Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer zu Köln. Seit März 2011 ist er Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation der Rheinland Raffinerie der Shell Deutschland Oil GmbH.

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