Richard Wagner, kein Sinnsucher mehr – Zum neuen Bayreuther „Parsifal“ unter Hartmut Haenchen

Nix Gralsburg, nix Wüstenhäschen, nix Bundestag – hatte Bayreuths „Parsifal“ doch schon die letzten Jahre, von Wolfgang Wagner, Schlingensief, Herheim. Diesmal also alles auf Jud, Christ, Moslem und deren (Des-)Integration. Regisseur Uwe Eric Laufenberg durfte sein fürKöln erdachtes Konzept nun in den beeindruckenden Kulissen von Gisbert Jäkel und Jessica Karges oft seltsamen Kostümen auf den tot-sicherheitsgeschützten Grünen Bayreuther Hügel transportieren. Religions-Diskussion, wie versprochen? Religions-Beerdigung, wie staunend zu sehen: Jude, Christ und Moslem begraben ihre Glaubens-Symbole im Sarg des Grals-Greises Titurel (Karl-Heinz Lehner). Hinein mit dem Plunder! Verwese er! Was brauchen wir noch Religion?! Restaurant-Ausstellerin Alina Maria Schütte meint: ja.

Konfliktpotential barg die diesjährige Neuinszenierung des einzig für Bayreuth geschaffenen, hier 1882 uraufgeführten „Bühnenweihfestspiels“ genug schon im Vorfeld. Statt des – vor wem geflohenen? – 37-jährigen Andris Nelsons: der eilends rangezoomte Spät-Bayreuth-Pult-Debütant, der im Vollbesitz seiner kapellmeisterlichen Kräfte stehende 73-jährige Hartmut Haenchen. Ein Glücksfall für die szenisch fragwürdige Produktion. Aufregend? Eher nicht, vielmehr in aller Ruhe und alles andere als emotional Nelsons-gefärbt, akademisch, quellenakribisch, vor allem zügig. Keine Nebel über Klingsors (Gerd Gruchowsky) Bade-Anstalts-Zaubergarten. Haenchens sicherer Hand glückte Geheimnisvolles, Erschütterndes. Der Maestro ließ es aus dem abgedeckten Graben funkeln und leuchten. Dem satten Glockenklang schuf ein abgeklärter Haenchen feierlichen Gralsmotiv-Grund.

Dieser noble Conducteur atmete mit den Protagonisten und mit Eberhard Friedrichs legendär kompakten, textverständlich lässigen Chören. Sorgte – da kam er Barenboims Salbungs-Stil sehr nahe und entfernte sich von der Coolness seines Mentors Pierre Boulez – musikalisch für ein Ereignis. Erstklassig, erstranging (auch im Vergleich mit berühmten Vorgängern): Georg Zeppenfeld als Wollmützen-Gurnemanz. Keine Minute langweilten seine epischen Breiten des 1. Aufzugs, jedes Wort legte er auf die Goldwaage. Ein Bass von Gottes und Wagners Gnaden. Der reine, blonde Tor, Lohengrins Vater, liegt Klaus Florian Vogts hellem Tenor sehr. Super-Lohengrin gab dem Ritterspross Natürlichkeit statt Künstlichkeit. Imposant die wandelbare, stimmlich weit ausgreifende, im Schlussakt zur stummen Zittergreisin mutierte Kundry der Elena Pankratova, Ersatz-Mutter und verführerisches Model in einem.

An Laufenbergs schuldhaft leidendem Gralskönig Amfortas im Nazarener Schmerzensmann-Look scheiden sich optisch die Geister. Knappen ziehen aus dem Fitness-getrimmten Körper des großartigen Baritons Ryan McKinny das Blut des Dornengekrönten. Sollt doch den Gral füllen. Leben spenden. Erlösung bringen. Ist Amfortas Christus? Abendmahls-Liturgie pur. Was erzählt das nicht leicht definierbare Szenarium mit seinen Ungereimtheiten, logischen und atmosphärischen Macken, ins Kitschige drehenden Staffagen dem Menschen von heute? Was fängt er an mit dem im wirbenden Video gezeigten Schauplatz Irak, der aller Religionen Ursprung sein will, mit Mönchen und Soldateska? Wer ist der steife Herr im Oberstübchen, der am Ende vom Lehnstuhl gerutscht ist? Ärgerlich und belastend wirken die Szenen im 2. Aufzug mit ritueller Krampfigkeit, Klingsors Kreuz-Kollektion und manch kitschiger Übertünchung (bauchtänzerisch bezirzend singende Blumenmädchen im Hamam) der schon von R. W. reichlich symbolgetränkten, ein ewig` Rätsel bleibenden Geschichte?

Im Bamberger Domradio sagte Erzbischof Ludwig Schick zu Laufenbergs „Parsifal“-Deutung:„Wagner ist ein Suchender. Er suchte, über die herkömmlichen Religionen hinaus, ohne sie im Sarg zu beerdigen.“ Für einen Christen sei dies „schon anstößig“, im doppelten Wortsinn. Laufenberg stelle die Religionskritik stärker heraus als es Richard Wagner selbst tat. Diese starke Regie-Kritik würde auch dem Christentum nicht gerecht.

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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