Timothy Snyder und die Chronologie des Ukraine-Krieges

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Timothy Snyder (geb. am 18. August 1969) ist einer der renommierten zeitgenössischen Historiker. Seit seinem 32. Lebensjahr hat er eine Professur für Geschichte an der angesehenen Yale-University. Seine Forschungen sind seit Jahrzehnten auf Osteuropa und die Analyse von Totalitarismus konzentriert. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass er seit der Krim-Annexion im Jahr 2014 an vor der Aggression und Zerstörungswut des russischen Präsidenten Wladimir Putin warnt. Kein anderer namhafter Experte hat so oft und so nachhaltig die Europäer vor Putin gewarnt. Bei den verantwortlichen Politikern hat er zu wenig Gehör gefunden. Schon früh warnte er vor der sehr destruktiven Kollaboration zwischen dem russischen Präsidenten Putin und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Diese fatale und höchst toxische Konstellation hat den Verlauf des Ukraine-Kriegs sehr ungünstig beeinflusst – ungünstig für die westlichen Demokratien, die Freiheit und den Frieden. Für die destruktiven Ziele Putins war die Trump-Putin-Kollaboration günstig. Der aggressive Vernichtungskrieg Putins seit dem 24. Februar 2022 ist der sehr hohe Preis für diese Fehler.

Timothy Snyder – Demokrat und Freund Europas 

Timothy Snyder hat nicht nur osteuropäische Geschichte als Spezialgebiet – er ist durch zahlreiche Besuche und wissenschaftliche Kooperationen mit Deutschland und Österreich Europa sehr verbunden. Er spricht mittlerweile relativ gut Deutsch und kann Interviews in deutscher Sprache geben. Seit dem Jahr 2008 ist er Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften von Menschen (IWM) in Wien. Dort leitet er den Forschungsschwerpunkt „Vereintes Europa – Geteilte Geschichte“. In Berlin ist er Mitglied des Zentrums Liberale Moderne. Im Dezember 2013 erhielt er in Bremen von der Heinrich-Böll-Stiftung den angesehenen Hannah-Arendt-Preis. Arendt war wie er eine der renommiertesten Totalitarismus-Forscherinnen. Ihr Hauptwerk „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1955) gehört auch heute noch zu den Klassikern der Totalitarismus-Literatur. Im Jahr 2019 warnte er mit einem Interview in der deutschen Zeitschrift „Capital“ mit den Worten: „Russland muss die EU zerstören, bevor Putin die Macht verliert“. Die Schwächung der westlichen Demokratien und die Zerstörung der EU seien die Hauptziele Putins. Die große politische Bedeutung Europas und der EU könne man gar nicht hoch genug einschätzen, insbesondere weil in den von Trump verwüsteten USA wenig internationales Engagement zu erwarten sei. Im selben Interview betonte Snyder: „Europa ist die einzige Einheit, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist.“

„Die Ukraine-Krise als Abiturprüfung“

Einige Monate nach der Krim-Annexion hielt Timothy Snyder im September 2014 In New York im ukrainischen Kulturinstitut einen Vortrag über die geopolitische Lage in der Ukraine. Er bezeichnete darin Putin als den Hauptfeind der Demokratie und der Ukraine. Den damaligen US-Präsidenten Obama schätzte er in der Ukraine-Krise als zu gewährend und passiv ein. Dass mit der Wahl seines Nachfolgers Donald Trump eine positive Ukraine-Lösung dramatisch verschlechtert und verhindert werden könnte, ahnte auch er damals nicht. Aber er ahnte, dass die Zukunft der westlichen Demokratien auf dem Prüfstand steht. Der Bericht von Patrick Bahners in der FAZ über Snyders Vortrag lag mit dem Vergleich einer Abiturprüfung richtig. Im Rückblick ist leider die westliche Welt bei dieser Prüfung kläglich durchgefallen.

„Der Weg in die Unfreiheit“ (2018)

Nach der Krim-Annexion stolperte die westliche Welt von einer Krise in die nächste. Donald Trump erzeugte erhebliches Chaos und Turbulenzen in den USA und in Syrien wütete jahrelang ein Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung, an dem Putin wesentlich mitbeteiligt war. Eine Folge waren erhebliche Flüchtlingsströme und Migrationsbewegungen, die im Jahr 2015 in ganz Europa in eine Flüchtlingskrise mündeten. Die EU zeigte sich überfordert, uneins, unsolidarisch und zerstritten. Ein gefundenes Fressen für Putin, dessen Ziel die Spaltung und Schwächung der europäischen Staaten war. Im Rückblick stellten Politikwissenschaftler und Historiker fest, dass Putin hinter allen höchst destruktiven Entwicklungen für die westliche Welt steckte. Er war der Drahtzieher und Akteur. Durch seine Manipulationen, Desinformationen und Propagandafeldzüge wurde die Wahl Trumps ermöglicht. Russische Kampfflugzeuge sorgten für die Bombardierungen in Syrien und trieben die Flüchtlinge in den Westen. Timothy Snyder wies in seinem Buch „Der Weg in die Unfreiheit“ all diese Entwicklungen minutiös auf. Der Titel der Rezension von Peter Maxwill zu diesem Buch lautet sehr treffend „Er steckt hinter allem“. Herfried Münkler, einer der renommiertesten deutschen Historiker der Gegenwart, gab seiner Rezension in der FAZ den Titel „Der Aggressor sitzt im Kreml“. Münkler hat zahlreiche Bestseller über europäische Kriege geschrieben. Sein Buch „Kriegssplitter“ (2015) beginnt mit dem folgenden Satz: „Die Angst vor einem großen Krieg ist nach Europa zurückgekehrt…die Ursache dafür ist das aggressive Agieren Russlands gegen die Ukraine.“ In der Einschätzung der hohen Kriegsgefahr für Europa oder die ganze Welt durch einen Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine lag Münkler auf der gleichen Linie wie sein Historiker-Kollege Timothy Snyder. Die westlichen Politiker ignorierten leider diese relevanten und glaubwürdigen Stimmen. Die Briten und die EU waren mit dem Brexit vollauf beschäftigt und in den USA trieb Donald Trump weiterhin sein Unwesen. Solange Trump im Amt war, musste Putin keinen kräftigen Gegenwind aus den USA befürchten. Trump, der Brexit und die Flüchtlingskrise brachten für die westlichen Länder wesentliche Belastungen mit sich und sorgten für genug Ablenkungsmanöver. Bei allen drei genannten Faktoren hatte Putin seine Finger im Spiel, er war Drahtzieher im Verborgenen. Der Höhepunkt an Gefährdung der westlichen Demokratie war am 6. Januar 2021 der Sturm auf das Capitol, der von Trump selbst inszeniert wurde. Trump hat wiederholt schamlos verkündet, dass er die Demokratie zerstören will. Die Wellen des Bebens nach dem Angriff auf die amerikanische Demokratie waren gerade erst verebbt, da begann Ende 2021 die Verlegung russischer Truppen an die ukrainische Grenze. So folgte einer Krise die nächste. 

Der russische Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine

 Am 24. Februar 2022 ist genau das geschehen, wovor Timothy Snyder jahrelang gewarnt hatte: der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Es folgte ein brutaler Vernichtungskrieg, bei dem die russische Armee auch gezielt die ukrainische Zivilbevölkerung angreift und bombardiert. Die Zahl der berichteten Kriegsverbrechen häuft sich. Krankenhäuser, Geburtskliniken, Schulen und Kindergärten wurden ebenso bombardiert wie Wohngebäude, zivile Versorgungseinrichtungen oder Hilfskonvois. Die russische Armee setzt verbotene Waffen wie Streubomben oder Phosphorbomben ein. Es gab auch Massaker gegen ukrainische Frauen, die von russischen Soldaten brutal und bestialisch vergewaltigt und umgebracht wurden. Menschenrechtsorganisationen, die Vereinten Nationen und Bedienstete des Kriegsverbrechertribunals ermitteln wegen Kriegsverbrechen und Völkermord. Ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte wurde aufgeschlagen und ist im Ausgang offen. Putin hat diesen Angriffskrieg vorbereitet und befohlen. Er ist verantwortlich für die abscheulichen und barbarischen Kriegsverbrechen und den Völkermord. Der Nato-Generalsekretär Stoltenberg hat nach dem furchtbaren Massaker und Massenmord an ukrainischen Zivilisten im Kiewer Vorort Butscha Anfang April 2022 betont, dass die ganze Welt jahrzehntelang keine derart barbarischen Massenmorde gesehen habe.

Literatur

Arendt, Hannah, Elemente und Ursprung totaler Herrschaft. Frankfurt am Main 1955

Bahners, Patrick, Die Ukraine-Krise als Abiturprüfung. FAZ vom 10. September 2014

Maxwill, Peter, Er steckt hinter allem. Spiegel vom 22. September 2018

Münkler, Herfried, Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. Und 21. Jahrhundert. Rowohlt, Berlin 2015

Münkler, Herfried, Der Aggressor sitzt im Kreml. FAZ vom 6. Oktober 2018

Snyder, Timothy, „Russland will die EU zerstören.“ Interview mit Alice Bota. Die Zeit vom 9. Oktober 2014

Snyder, Timothy, Russlands neokoloniales Projekt. FAZ vom 16. März 2015

Snyder, Timothy, Der Weg in die Unfreiheit. Russland, Europa, Amerika. C. H. Beck, München 2018

Snyder, Timothy, „Russland muss die EU zerstören, bevor Putin die Macht verliert.“ Interview mit Nils Kreimeier und Horst von Butlar. Capital vom 31. März 2019

Snyder, Timothy, „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.“ Spiegel vom 28. Januar 2022

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Csef_h@ukw.de

 

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.