Von der Evolutionsbiologie des Alterns zur politischen Transformation

Gartenbaume, Foto. Stefan Groß

In diesem Essay möchte ich meine Ambitionen für eine egalitäre, kosmopolitische, offene Gesellschaft und eine Wissenschaft „von unten“ zum Ausdruck bringen. Um dieses Potential nicht zu theoretisch zu gestalten, gebe ich hier zunächst ein Beispiel, was Wissenschaft von unten sein kann. Das ist natürlich selbst etwas theoretisch, aber ich habe ein Thema aus meinen wissenschaftlichen Arbeiten ausgesucht, das viele Leser(-innen) interessieren dürfte, das Rätsel, warum wir altern.

Dabei lassen sich gerade an dieses Thema auch eine Reihe von gesellschaftskritischen Überlegungen anknüpfen, die ich etwas kabarettistisch ausgeführt habe, weil dies gerade meine Stimmung ist, denn ich freue mich auf das Erscheinen meines ersten Buches, für das ich nun einen sehr kooperativen Verlag gefunden habe [1].

1. Eine neue Evolutionstheorie des Alterns Charles Darwin, der Begründer der Evolutionsbiologie, nahm einen biologischen Sinn des Alterns an, konnte ihn aber nicht angeben. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, im Anschluss an Darwins Arbeiten, hatte der deutsche Biologe August Weismann die Idee, dass das Alterns sich in der Evolution entwickelt habe, weil dadurch die jüngere Generation, die fitter ist als die Älteren, die spezifische Futternische der Art besetzen kann. Damit würde das Altern den Fortpflanzungserfolg der Art insgesamt erhöhen. Aber Weismann konnte keinen Selektionsmechanismus angeben, der auch tatsächlich ein Alterungsgen hervorbringen und stabilisieren könnte.

In Zuge der modernen Forschung konnte ein Alterungsgen auch bisher nicht entdeckt werden. Aber man hat herausgefunden, dass das Altern indirekt genetisch bedingt ist. In Taufliegen wurde ein Gen , genannt „age-1“ entdeckt, das nur abgeschaltet werden muss, damit die Schutzleistung des Körpers gegen oxidative Schäden erheblich steigt. Diese Schutzleistung beeinflusst nun entscheidend den Alterungsprozess. Die Fliegen mit dem abgeschalteten Gen werden im Durchschnitt 70% älter [2].

Damit ist ein Mechanismus entdeckt worden, durch den das Altern indirekt, als mangelnde Schutzleistung gegen den Verfallsprozess, genetisch bedingt ist. Und man kann nun fragen, wie sich dieses Gen in der biologischen Evolution entwickeln konnte.

Mein Ansatz beantwortet nun zunächst die Frage, was der Vorteil des Alterns ist, anders als Weismann. Der Vorteil – jedenfalls jener, der die Selektion des Gens ermöglicht – ist nicht, dass die Alten den Jungen Platz machen, sondern dass sich die Evolutionsgeschwindigkeit erhöht, wenn die Individuen einer Art eine kürzere Lebensspanne aufweisen. Und höhere Evolutionsgeschwindigkeit ist dann auch wiederum ein Fortpflanzungsvorteil für die ganze Art.

Im Folgenden werde ich meine Theorie in kleinen, elementaren Schritten kurz erläutern. Es geht nun um den Selektionsmechanismus, der das Alterungsgen hervorbringt.

a) Ich betrachte dazu zwei Modellpopulationen derselben Art, die eine soll aus Tieren einer Art bestehen, die kurze Lebensspanne aufweisen, die andere aus Tieren, die eine lange Lebensspanne aufweisen. Beide Populationen werden als in demselben Habitat lebend angenommen.

b) Kürzere Lebensspanne bedeutet für die Tiere, die sich mit dem entsprechenden Gen paaren, eine schnellere Testfolge ihrer Nachkommenschaft in der Umwelt. Aber es bedeutet auch weniger Nachkommen, da die Jungtiere erst heranwachsen müssen, um dann im fortpflanzungsfähigen Alter Nachkommen zu zeugen. Deshalb überwiegen die langlebigen Tiere gemäß mathematischer Modellrechnung nach einigen Generationen in einer am Anfang gemischten Population.

c) Der Vorteil, dass die kurzlebigen Tiere eine schnellere Evolution haben (höhere genetische Fortschrittsgeschwindigkeit) wirkt sich nur aus, wenn dem auch ein Selektionsmechanismus gegenüber den mehr Nachkommen habenden langlebigen Tieren entspricht.

d) Wenn beide Gruppen von derselben Futternische leben, dann sind sie zunächst in einem Habitat gekoppelt, so dass die höhere Evolutionsgeschwindigkeit nicht dazu kommt, sich auszuwirken. Denn beide Populationen besetzen dann die gleiche Futternische und werden in ihrer Fortpflanzung durch deren oberes Limit der Besetzungszahl begrenzt. Es muss rasch eine Differenz im Futterzugang zugunsten der kurzlebigen Tiere auftreten.

e) Betrachten wir dazu einmal Giraffen. Halslänge und Beinhöhe sind bei diesen Wirbeltieren hoch. Damit können sie auch Blätter von hohen Bäumen abfressen. In meinen Modellpopulationen werden nun (wenn die Tiere noch nicht evolutiv aus-optimiert angenommen werden) die kurzlebigen Tiere schneller längere Hälse und höhere Beine bekommen, als die langlebigen Tiere.

Es kann nämlich mathematisch gezeigt werden (was ich in meinem spezialisierten englischen Essay zum Thema getan habe), dass mehr Nachkommen in einer Generationenfolge längerlebiger Tiere langsamer im evolutiven Parameterraum driften als zwar weniger Nachkommenschaft in deutlich schnellerer Folge. Es gibt da ein Optimum und dieses bestimmt das durchschnittliche Alter der Tiere. Man kann dies auch anschaulich einsehen. Viele getestete Nachkommen, die nur wenig genetisch von den Elterntieren abweichen und die Futternische vollständig besetzen, bringen weniger als kurz nacheinander folgende kleinere Testgruppen von Nachkommenschaft, die also den erreichten genetischen Fortschritt in jeder Generation mittransportieren. Dies ist der entscheidende Punkt.

f) Die kurzlebigen Tiere sind nun aber sofort von den langlebigen in der Futternische ausreichend entkoppelt, Damit will ich sagen, dass sie nicht die gleichen Futternischenplätze besetzen, wodurch sie dem gleichen Selektionsdruck ausgesetzt wären, der die Nachkommenschaft in gleicher Weise dezimieren würde (so dass das Limit der maximalen Besetzungszahl der gegebenen Futternische eingehalten wird). Die Giraffen mit den längeren Hälsen und höheren Beinen, die kurzlebigen Tiere, können nämlich einen Teil der Blätter an hohen Bäumen erreichen, die den langlebigen Tieren, die sich langsamer entwickelt haben, gar nicht zugänglich sind. Damit besetzen die kurzlebigen Tiere gewissermaßen eine Extra-Futternische. Dadurch gewinnen sie einen Fortpflanzungsvorteil (Selbsterhalt, Ernährung der Jungtiere), so dass sich das angenommene Alterungsgen stabilisiert.

g) Dies ist nun nicht nur bei Giraffen so, sondern ein allgemeines Phänomen im Tierreich, das lediglich schwer zu analysieren oder zu beobachten ist.

Zum Beispiel können kurzlebige Hechte, die etwas schneller geworden sind, die Fluchtgeschwindigkeit eines bestimmte Teils der Beutefische überschreiten, die die langlebigen Hechte, die in der Evolution (Ausoptimierung) leicht zurückliegen, nicht erreichen können. Wiederum eine Extra-Futternische (diese schnelleren Beutefische).

h) So kann der makroökologische Vorteil eines Alterungsgens für die Art auch in der mikroökologischen Selektion realisiert werden. Die Evolutionszeit wird durch die kurzlebigen Tiere besser ausgeschöpft, als durch die langlebigen (wobei es ein gewisses Optimum gibt, das wie gesagt der mathematischen Analyse zugänglich ist).

Ich denke, dass ich damit das Rätsel um die Evolutionsbiologie des Alterns im Wesentlichen gelöst habe. Und dies als Wissenschaft „von unten“, die keinen technokratischen Apparat benötigt und keinen hierarchischen Überbau und kein profitorientiertes System überhaupt, denn ich habe diese Arbeit ja ganz eigenständig und freiwillig gemacht (als arbeitsloser Philosoph und geistig Behinderter).

2. Selbstsynergie und genetische Variabilität Ein positiver synergetischer Effekt lässt sich an einem einfachen Beispiel erläutern. Wenn ein Arbeiter 25 kg heben kann, dann können zwei Arbeiter, die getrennt arbeiten, jeder 25 kg heben, also zwei getrennte Gegenstände von je 25 kg Gewicht. Arbeiten die beiden aber zusammen, so können sie gemeinsam auch einen einzelnen Gegenstand von 50 Kg Gewicht heben. Das ganze System, bestehend aus den beiden Arbeitern, ist mehr als nur die Summe seiner Teile. Die positive Synergie ist die zusätzliche Leistungsfähigkeit, die entsteht, wenn die Teilsysteme zusammenarbeiten.

Mein Konzept der Selbstsynergie ist nun das folgende. Giraffen: Längere Hälse und höhere Beine. Nur längere Hälse machen zwar höher an den Bäumen wachsende Blätter zugänglich, aber auf Kosten der Fluchtgeschwindigkeit der Giraffen. Werden sowohl die Hälse, als auch die Beine länger, dann werden sowohl deutlich höher liegende Blätter erreichbar, als auch dass die Fluchtgeschwindigkeit wächst. Dies ist wie bei den beiden Arbeitern, jedoch an einem Individuum einer Tierart. Die Selbstsynergie ist also die Synergie verschiedener Funktionselemente des individuellen Tieres.

Nun einige Beobachtungen, die an meine Theorie unmittelbar anknüpfen. Elefanten werden sehr alt, leben aber in einer für sie bedrohlichen Umwelt, die leicht den Katastrophentod bringen kann. Letzteres bedeutet starken Selektionsdruck.

Dass sie dennoch so alt werden, lässt darauf schließen, dass ihr Genom bereits optimal evolutiv ausentwickelt ist. Der Selektionsvorteil der kurzen Lebensspanne entfällt deshalb. Diese Interpretation des Beispiels legt nahe, dass der Selektionsvorteil der kurzen Lebensspanne tatsächlich in erhöhter Evolutionsgeschwindigkeit besteht. Wird diese nicht (mehr) benötigt, dann werden die Tiere wider langlebiger.

Bei Galapagosschildkröten ist es ähnlich. Sie werden ebenfalls sehr alt. Jedoch befinden sie sich in einer Umwelt, die wenig Selektionsdruck (Fressfeinde) aufweist. Deshalb weisen sie eine hohe genetische Variabilität auf, einen großen Formeinreichtum. Auch in diesem Fall gereift also der Vorteil höherer Evolutionsgeschwindigkeit kurzlebiger Tiere nicht.

Der Mensch wiederum kann ebenfalls ein hohes Alter erreichen. Welcher der beiden eben geschilderten Fälle liegt nun beim Menschen vor? – Genetische Ausentwicklung oder geringer Selektionsdruck (beides führt ja wie eben gezeigt, zu hoher Lebensspanne).

Nun man hat durch Gensequenzierung von Skeletten aus den Friedhöfen früherer Jahrhunderte festgestellt, dass die genetische Vielfalt damals höher war als heute. Dies bedeutet politisch gesehen, dass der Selektionsdruck während der kulturellen Evolution seitdem zugenommen haben muss. Oder spezifischer ausgedrückt: Trotz materieller Verbesserungen haben sich Menschen während der letzten drei Jahrhunderte eine zunehmend härtere Konkurrenz bei der Fortpflanzung geliefert, jedenfalls mehr als davor in der Geschichte.

Die kulturelle Konkurrenz um die Frau, zunehmende Bevölkerungsdichte und zunehmende berufliche Belastungen mögen dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Wir leben also eigentlich – außer von der materiellen Situation her gesehen – in keinen besseren Jahrhunderten, als vor der Aufklärung. Und dies zeigen auch die Statistiken über den Arbeitsstress, die die Gewerkschaften regelmäßig herausgeben. Eigentlich wird hier nur wissenschaftlich bewiesen, was jeder Arbeitnehmer im Grunde weiß: Das Jahr 1968 war der Höhepunkt der Geschichte – jedenfalls aus westlicher Sicht – von da an ging es bergab.

3. Die Expansion der Information und politische Evolution Nehmen wir einmal an, dass die Weltgesellschaft bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, der einer bestimmten Generation zugeordnet wird, N intellektuelle Basisaussagen produziert hat. Die gesammelten Aussagen ihrer Journalisten, Wissenschaftler, Dichter und Denker. Was bleibt der kommenden Generation dann noch zu sagen, womit sich die jungen Leute beliebt machen können, ihre Brötchen verdienen können, ihr Selbstwertgefühl begründen können? Erstaunlich viel, denkt man, denn jede der N Basisaussagen, kann wiederum mit jeder anderen verbunden werden, um eine neue Aussage zu erzeugen. Also N² neue Aussagen sind möglich. Dabei habe ich die Tautologien in der Mitteldiagonale des quadratischen Schemas mitgezählt und jeweils eine Hin- und eine Rückverbindung zweier verschiedener Basisaussagen zueinander angenommen, denn es macht ja einen Unterschied, wovon ausgegangen wird und was das Ziel ist. Also müssten wir ja in neuer Information schwimmen und das tun wir ja auch. Dies ist die Expansion der Information und die gute Nachricht.

Was nicht aus dieser kleinen mathematischen Betrachtung folgt ist allerdings, dass die „großen“ Aussagen zuerst abgegrast wurden und zwar viele schon von den Generationen vor uns. Die großen Ideen, nach denen sich ein Jungautor sehnt, sind fast alle schon weg. Und je mehr so abgegrast wurde, um so irrelevanter, banaler, langweiliger und mittelmäßiger oder einfach nur kompliziert ist der verbleibende Rest, so groß sein Konvolut auch sein mag. Und auch das beobachtet man an der heutigen Medienlandschaft mit Leichtigkeit.

Da die Verbindungen immer komplizierter werden, hat sich eine eigene Klasse von Autoren entwickelt, die auf solche Betrachtungen spezialisiert sind. Als – universitäre oder private – intellektuelle Hartholzbohrer schreiben sie unzählige Bände von Fachliteratur über alles und jedes Thema, mit denen sie im Konkurrenzkampf um die besten Futternischenplätze ihrer Umwelt zeigen, wie intelligent sie doch sind. Ja ich werfe ihnen das gar nicht vor, das gehört einfach nur zu den Symptome unserer Zeit.

Jedoch finde ich, dass Greta Thunberg tatsächlich den Friedensnobelpreis verdient hat, denn sie unterscheidet sich davon in wohltuender Weise, indem sie sich auf das wesentliche konzentriert. Nein, das meine ich nicht ironisch, denn das wichtigste an ihrer kürzlichen Rede vor den UN war nicht, dass sie die versammelten Staatschefs daran erinnert hat, dass sie ihr die Kindheit genommen haben, sondern dass es einen Zusammenhang zwischen dem Mythos (sie hat „Märchen“ gesagt) des unbegrenzten Wirtschaftswachstums und der Klimaerwärmung gibt.

Die übrige Futternische für Journalisten, Dichter und Denker wird von der Routine der Karrieren besetzt gehalten. Dies sind die intellektuellen Dünnbrettbohrer, die sich vor allem durch institutionelle Barrieren vor Konkurrenz schützen. Da muss man erst mal ein (unbezahltes) Praktikum machen und erst Jahre später darf man dann seine eigenen Ideen einbringen.

Das Genie kann sich in unserer technokratischen Gesellschaft – trotz ihres Pluralismus – nicht mehr entfalten.

Ich bestreite gar nicht, dass die herkömmlichen Medien und Autorenschaft Kompetenzen akkumulieren, die zwar kein unverzichtbarer, aber doch sinnvoller Hintergrund sind, wenn man das Wesentliche sagen will. Aber die Umstände der Akkumulation sind in der kulturellen und politischen Evolution aus dem Ruder gelaufen.

Wurde zum Beispiel am Anfang der Neuzeit George Berkeleys damals völlig neue Theorie des Sehens, die die Psychologie mitbegründete, noch von seinem Fürsten gefördert, so gelingt es heute nur noch an den Universitäten hochgezüchteten intellektuellen Rennpferden, sich die Futtermittel für die gute Ausbildung und den notwendigen Führerschein ihrer Kinder zu verschaffen – beides die Bedingungen für den Fortpflanzungserfolg mit Frauen, die wie der Deutschlandfunk schon bemerkt hat „sozial nur nach oben heiraten“ (Nebenbei, solange dies so ist müssen Männer natürlich mehr verdienen können, als Frauen).

Einstein wäre heutzutage mit seinem eigenwilligen Denken und Interessen am Vordiplom gescheitert (er verbrachte die meiste Zeit als junger Student im Experimentierlabor). Das Studium ist technisiert, durchrationalisiert und unhaltbar verschult. „Freiheit!“ wäre eigentlich der Ruf, der überall erklingen müsste. Denn: „Wer sagt, hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.“ (Erich Fried) [3]. Aber die Standortkonkurrenz zwischen Industrienationen opfert jegliche Freiheit auf dem Altar des Erfolges, des Profits. Eine Universität ist zu einem Atomkraftwerk für die Produktion von Wissen geworden und nicht mehr Stätte des Diskurses und Austausches gesellschaftsverändernder Ideen. Ohne Papiere, Scheine, Punkte, gibt es kein fortkommen in diesem System. Da war George Berkeley mit seinem kreativen, spontanen Denken bei seinem Fürsten noch besser dran, als ein Student in der modernen, ach so demokratischen Industriegesellschaft! Und deshalb müsste man diese Art von institutionellen Atomkraftwerken der Überarbeitung und Hyperakkumulation von Wissen eigentlich abschaffen.

Das Genie ist in der technokratischen Gesellschaft längst der geistigen Mittelmäßigkeit gewichen. Und dies ist kein Zustand, der der Gefahr von Rechts wirklich etwas entgegensetzen kann.

Ein Mittelstand, der nur seinen Wohlstand zelebriert, der damit beschäftigt ist, wie man seine Spülmaschine richtig einräumt (vergleiche Navid Kermani, „Sozusagen Paris“) kann auch mit der Klimaerwärmung nicht richtig umgehen.

Da ist Firefox ein Lichtblick („Neuer Tab“, 5.9.2019), wenn sie sagen, dass sie „Liebe, Kreativität und Innovation“ im Internet fördern möchten. Dies sind doch Ideen, für die man die Spülmaschine schon mal vergessen kann.

4. Die Überwindung der Spaltung der Gesellschaft Die politische Evolution, die ich eben kurz skizziert habe, kann nur durch singuläre Ideen überwunden werden. Damit meine ich durch Ideale, die den Zwangscharakter, das unerbittliche der menschlichen Verhaltensweisen unter den Randbedingungen der kulturellen Evolution überwinden. Adolf Hitler hat uns Deutschen den Glauben an Ideale genommen. Gerade mit den Mitteln des Sozialdarwinismus als kruder Evolutionstheorie. Das Programm muss stattdessen gerade die Transformation der biologischen und sozialen Evolution in etwas neues und besseres sein. Dazu braucht es wieder Ideale und Menschen, die von einer besseren Welt träumen.

Lassen sie mich auch hier ein Skizze wagen, im Sinne eines konstruktiven Journalismus, der nicht nur die Probleme benennt, wie ich es im vorangehenden Kapitel wohl zu recht getan habe. Denn man muss ja erkennen, was man verändern will. Ich möchte eine Ideendiskussion starten, indem ich die kleine Aufzählung der Ideale von Firefox noch etwas erweitere und erläutere.

Liebe, Frieden, Glück, Harmonie, Menschenrechte und Freiheit sind die Ideale, auf die ich gekommen bin, auf die ich besonders Wert lege. Und die entscheidende Frage, die die Evolutionsgeschichte im Grunde aufwirft, ist diejenige, wie der strukturelle Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft behandelt wird. Mein Motto ist dabei eigentlich: Einer für alle, alle für einen. Wenn es nicht jedem Individuum gut geht oder wenigstens gut gehen kann, dann kann es auch der Gesellschaft nicht gut gehen. Und wenn gesellschaftlich kein positiver Zustand erreicht wird, wie kann es dann den Individuen wirklich gut gehen? Alles andere endet letztlich im Faschismus. Gudrun Tempel hat dies in ihrem Nachkriegsbuch: „Deutschland? Aber wo liegt es?“ sehr gut herausgearbeitet, wo der Fehler der rechten Ideologie steckt: „Dein Volk ist alles, Du bist nichts!“ – dann ist also das Volk eine Summe von nichts? [4]

Lassen Sie mich mit einer Analyse fortfahren. Was ist eigentlich Marxismus oder Sozialismus? Ein „Pseudoidealismus“, wie der Biologe Geremy Griffith behauptet? Der Sozialismus ist vor allem auch ein Materialismus. Sein Idealismus besteht darin, die im folgenden aufgeführten materialen Strukturen abzuschaffen und dann solche Strukturen einzuführen, die die Menschen dann ganz freiwillig „gut“ werden lassen (indem diese Sachzwänge strukturell abgestellt werden).

Die (materiale) Struktur der Welt bestimmt im stochastischen Mittel das Verhalten der Menschen. Materielle Not macht Menschen zu Kriminellen. Weiter müssen Menschen ständig miteinander konkurrieren und „ihren Wert beweisen“, wenn es darum geht, einen der wegen der Rationalisierung nicht in genügender Zahl vorhandenen Arbeitsplätze zu ergattern und für sich zu sichern. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Danach treffen sie dann oft auch ihre politischen Entscheidungen. Auf der anderen Seite müssen Unternehmer ihren Profit maximieren, weil sie den Shareholdervalue bedienen müssen und um überhaupt am Markt zu bleiben. Das sind die Zwänge des Systems als solchem. Und daran kann man zunächst durch Ideale gar nicht viel ändern.

Es kann also nur um eine Transformation von Idealen in neue Strukturen gehen. Eben nicht um einen kulturellen Konkurrenzprozess, eine kulturelle Evolution, bei der Nationen um die besseren Plätze in der Weltwirtschaft zu ergattern ihre Staatsbudgets kaputt sparen und ihre Arbeitnehmerschaft entweder pauperisieren (wenn sie Verlierer der Globalisierung sind) oder in Edelproletarier und Abgehängte, bzw. Niedriglöhner spalten (wenn sie Globalisierungsgewinner sind).

Und hier komme ich auf Firefox zurück, denn diese Transformation sollte unter dem Primat der Liebe stehen, des Verständnisses füreinander, der Kooperation. Und sicherlich sind dazu Kreativität und Innovation wichtig, aber in einem anderen Sinne, als die anderen technologisch zu übertrumpfen.

Ich habe oben die Marxistischen Prämissen, die Marxistische Beschreibung der strukturellen Nebenbedingungen kurz skizziert. Diese Beschreibung wäre sicherlich durch den ökologischen Faktor zu ergänzen (was mit den heutigen Öko-marxistischen Ansätzen, die ich hier nicht im Detail erläutern kann, auch geschieht).

Abschließend sehe ich drei strukturelle Arbeitsgebiete oder Ansätze, die Gegenstand der Transformation sein dürften:

– Institutionelle Veränderungen, wie sie zum Beispiel in Abwehr der Plünderung der Rohstoffe der Demokratischen Republik Kongo eingeleitet wurden.

– Eine neue globale Finanzarchitektur, wie ich sie in meinem Buch vorschlage, als die Lösung der sozialen Frage, die der Marxismus aufwirft (und nicht nur der Marxismus).

– Stopp des Bevölkerungswachstums und ein globaler Aktionsplan gegen die Klimaerwärmung. Ich habe mich in meinem Buch ebenfalls ausführlich mit dem demografischen Faktor in den Weltproblemen der Gegenwart und weiteren Zukunft beschäftigt.

Mit letzterem Punkt ergibt sich eine besondere Verbindung zu meinem Ausgangsthema, der Evolutionsbiologie des Alterns. Es kann sein, dass es eines Tages Mittel gibt, das Alterungsgen, das den Schutz vor Oxidation verhindert, auch beim Menschen zu finden und abzuschalten oder den Schutz durch Beigabe der im Körper der Taufliegen produzierten Super-Antioxidanzien zur menschlichen Nahrung zu bewirken. Ganz allgemein, die Lebensspanne des Menschen könnte bald durch geeignete Biotechnologien erheblich verlängert werden.

Dann würde der Stopp des Bevölkerungswachstums um so wichtiger und um so schwieriger, denn es sterben ja dann viel weniger Menschen, wenn diese Technologie allgemein angewendet würde. Natürlich sollte die Option das Leben zu verlängern, nicht nur den Reichen zur Verfügung stehen. Und heutzutage ist dies noch eine technologische und sozioökonomische Vision, die der Politik ihrer Zeit weit voraus ist. Ich denke aber, dass die Weltpolitik sich schon heute darauf einstellen sollte, weil dies der wahrscheinlichste Gang der Dinge sein wird.

Referenzen:

[1] Alexander Sigismund Gruber: „Elemente einer globalen politischen Strategie – Wie die Menschheit besser kooperieren kann“, Verlagshaus Schlosser, 2019, ISBN 9783962002763

(Das Buch wird voraussichtlich ab Ende November 2019 über den Buchhandel verfügbar sein)

[2] Spektrum.de, Ricki L. Rusting: „Warum altern wir?“, 1.2.1993, Wissenschaftstrends: Warum altern wir?
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