Wir haben keine Wahl als Europa zu mögen

Europa besteht aus mehreren gefühlten Europas. Da ist das saturierte Westeuropa, das keiner so richtig mag, was auch daran zu merken ist, das es beim europäischen Song-Wettbewerb kaum noch Stimmen bekommt. In dem aber ein ordentlicher und teurer Fußball gespielt wird und das sich regelmäßig darüber ärgert, eigentlich viel zu viel nach Europa einzuzahlen.
Dann gibt es das vielfältig verstreute nicht so saturierte West-Europa, das wie Irland oder Portugal und Spanien kräftig gefördert wurde und skeptisch bis ablehnend auf jede Verän-derung reagiert, weil mit der ja neue Regularien für die Förderung kommen werden.
Vielleicht ist nur Luxemburg wirklich glücklich mit dem Europa, was vorhanden ist, der Kleinstaat sozusagen als Kerneuropa. Sein Ministerpräsident sagt ja auch immer die europafreundlichsten und klügsten Sätze. Vielleicht sollte er auf Dauer den europäischen Vorsitz erhalten? Ganz kleine Staaten wissen halt zu schätzen, das sie nicht zu früh auf Landesgrenzen stoßen.
Europa ist ein großes Missverständnis, an dem viele mitstricken. Erst wenn der Allmachts-glaube an den alles regulierenden Staat, die alle Fragen durch Befehl klärende Partei oder den durch seinen Willen allen alles diktierende Führer völlig überwunden sind, wird Europa als
Überbegriff für halbwegs gleichberechtigte Teile verschieden schöner und wirtschaftlich unterschiedlich potenter Zonen funktionieren – ohne zu große Unterschiede, ohne als Bedrohung gefühlte Gemeinsamkeiten. Diese Erneuerung geht von Osteuropa aus, das bei allen Egoismen doch weiß, was es an einem westlich dominierten Europa hat. Bei allem Streit und bei aller Skepsis ist die Integration der osteuropäischen Staaten die größte friedens-fördernde Maßnahme Europas seit Menschengedenken. Die ostdeutschen Erfahrungen könnten diese Integration noch mehr inspirieren, wenn sie nicht nur als ostdeutsche sondern als osteuropäische Erfahrungen entziffert würden.
Die EU ist nicht nur weiter nach Osten gerückt, dieses neue Ost-West-Europa im Westen weiß, das noch ein großes Stück Europa vor seinen EU-Toren liegt. Die privilegierte Partnerschaft für Weissrussland, Georgien, die Ukraine? Oder doch eine Mitgliedschaft?
Darf Europa weit vor Europas Grenzen enden? Auch hier werden die ostdeutschen Sondererfahrungen mit den Russen und ihren politischen Mentalitäten hilfreich sein. Der friedliche Wettstreit um die Akzeptanz der Europa-Idee in Russland wird in der Exklave Kaliningrad ausgetragen. Mitten in unserem EU-Europa liegt ja ein Stück Russland. Was diese mögliche künftige Sonderzone mit russischer Bevölkerung von der Marktwirtschaft hat, wie sie diese erlebt, wird die Lust an oder den Frust auf Europa im übrigen Russland entscheidend prägen.

Lutz Rathenow und Harald Hauswald (Fotograf) befassen sich in ihren Büchern „Ostberlin“ und „Gewendet – vor und nach dem Mauerfall“ (beide Jaron) auch mit europäischen Fragen.
Beide stehen zur Abschlussdiskussion am 20.6. (15.00 Uhr) auch zu solchen Fragen Rede und Antwort. Ort: Jena, Einkaufszentrum Goethe-Galerie.

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Über Rathenow Lutz 17 Artikel
Lutz Rathenow, Schriftsteller, 1952 geboren, Studium der Germanistik/Geschichte. Kurz vor dem Examen 1977 wurde er aus politischen Gründen von der Universität ausgeschlossen. Er ist Lyriker, Essaiist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist und Gelegenheitsdramatiker. Rathenow ist Landesbeauftragter der Staatssicherheit in Sachsen.

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